Gekritzel im Dienst der Wissenschaft – Das sogenannte Pamelius-Sakramentar Cod. 137
Auf die Gelehrten der Frühen Neuzeit übten die Codices der Dombibliothek eine besondere Faszination aus: Viele waren sehr alt und konnten daher als Grundlage für eine Edition dienen. Wer das heute langweilig findet, hat vielleicht Freude an den germanischen Personennamen, die in diesem Buch auf den Rändern notiert wurden. Zwischen Richlind und Reginbrunna, Sigolf und Heriger mag sich manche Anregung für außergewöhnliche Namen finden. Aber eigentlich geht es in diesem Sakramentar ja um etwas ganz anderes…

Schon im vorigen Monat wurde ein Sakramentar vorgestellt (https://www.dombibliothek-koeln.de/m-article/Ein-Messbuch-mit-Entwicklungspotenzial-Das-Sakramentar-Cod.-88/), ein frühmittelalterliches Buch mit Gebeten und Anweisungen für den Vorsteher der Messliturgie. Neben jenem aus Fulda stammenden Codex 88 aus dem 10. Jahrhundert besaß die alte Kölner Dombibliothek noch viele weitere Sakramentare, doch hat nur eines davon die Jahrhunderte überdauert: der hier vorgestellte Codex 137. Er ist gut ein Jahrhundert älter als das Fuldaer Exemplar und stammt eher aus dem Westen – die Schriftformen im Hauptteil der Handschrift weisen auf die 870er Jahre und das nördliche Frankreich. (fol. 2r)

Der recht sparsame Buchschmuck bestätigt diese Herkunft: Lediglich der Beginn der Präfation (fol. 1v) und des Hochgebets (fol. 2r) wurden mit großen Schmuckinitialen versehen. Die eher grafisch wirkenden, streng linearen Strukturen haben zwar keine direkten Parallelen, stehen mit der Andeutung pflanzlicher und tierischer Formen aber in der Tradition der zwischen Frankreich und Belgien zu verortenden franko-sächsischen Schule. Weitere Hervorhebungen werden ausschließlich durch rote oder braune Zierbuchstaben in einer Auszeichnungsschrift, der Capitalis quadrata, erzeugt. In ähnlicher Weise wurde für die Rubriken – die Angaben der Festtage und Art der Gebete – durchgehend eine rote Capitalis rustica verwendet.

Inhaltlich ist die Handschrift wie der jüngere Codex aufgebaut. Somit handelt es sich also auch hier um ein Sacramentarium Gregorianum-Hadrianum. In beiden Handschriften sind zudem die Ergänzungen durch Alkuin und Benedikt von Aniane separat angefügt und nicht in den römischen Grundbestand eingearbeitet, was relativ selten vorkommt. Die Forschung geht daher davon aus, dass Cod. 137 als Vorlage für Cod. 88 diente. Ein interessanter Anhang stellt hier den Bezug zur Kölner Kirche her: Die Litanei auf fol. 181v -182r enthält Gebete für Papst Formosus (amt. 891-896) und den ostfränkischen König Arnulf von Kärnten (amt. 887-899), der 896 zum Kaiser gekrönt wurde, außerdem für Erzbischof Hermann I. von Köln (amt. (889/890-924) und ganz allgemein für den Klerus und das Volk "sancti Petri", also der Kölner Domkirche. Die Entstehungszeit des Anhangs lässt sich damit auf 891-896 eingrenzen und belegt die Verwendung des Sakramentars im Kölner Dom.

Aus der Zeit des Anhangs dürften auch Hinzufügungen von weiteren Messgebeten an den Blatträndern der Handschrift stammen. Außerdem wurden dort männliche und weibliche Personennamen eingetragen wie etwa Sigibraht, Alfhem, Guntram, Rihlint, Hildigart oder Reginbrunna. Sie beginnen beim Formular für die Totenmesse (fol. 138r), finden sich vereinzelt auf zahlreichen Seiten sowie kumuliert bei den Gebeten in Todesgefahr (fol. 178v) und der "Messe für einen lebenden Freund" (fol. 182v). Damit ist klar, dass die Namen zum Gedenken an Verstorbene und als Fürbitten für Lebende eingetragen wurden. Mehr noch: einige Namen finden sich als Zeugen in Urkunden Hermanns I. wieder, was bedeutet, dass die genannten Personen aus seinem Umkreis stammen. Auch damit wird indirekt bestätigt, dass die Handschrift in der Kölner Domliturgie verwendet wurde.

Lange kann der Codex allerdings nicht in Gebrauch gewesen sein, da er keine besonders ausgeprägten Benutzungsspuren aufweist. Stattdessen scheint er als "Vorratslager" für Notizzettel gedient zu haben, denn etliche Blattränder oder auch Teile davon wurden rabiat beschnitten (z.B. fol. 134v). Auch für Schreibübungen war das Buch offenbar gut genug: Es finden sich darin immer wieder blind eingeritzte Wörter, einzelne Buchstaben oder spontane Zeichnungen, die in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt des Sakramentars stehen (z.B. fol. 17r, fol. 46r).

In der Frühen Neuzeit wurde der flämische Gelehrte Jacobus Pamelius († 1587) auf die beiden Sakramentare Cod. 88 und Cod. 137 aufmerksam. Im zweiten Band seines Werks 'Liturgica Latinorum' (erschienen 1571 in Köln bei Calenius/Quentel) unternahm er erstmals eine Edition der römisch-fränkischen Sakramentare und bediente sich dafür unter anderem aus den beiden Kölner Handschriften. Der ältere Codex 137, aus dem er vor allem Abweichungen vom Grundtext dokumentierte, erhielt daher den Beinamen "Pamelius-Sakramentar". Allerdings folgte Pamelius im Kern mehr dem Text der jüngeren Handschrift, also Cod. 88. Einerlei: Er arbeitete die Bücher richtiggehend durch und hinterließ in Cod. 137 Anmerkungen und Unterstreichungen (fol. 92r). Das betrifft natürlich Bibliotheken zu allen Zeiten, wird dort aber nie gerne gesehen. Es sei denn, man wird, wie etwa Thomas von Aquin (vgl. Cod. 30), später mal heiliggesprochen. Aber wer kann das zu Lebzeiten schon so genau wissen?!