Ein Messbuch mit Entwicklungspotenzial – Das Sakramentar Cod. 88
Bevor im Hochmittelalter das Messbuch "erfunden" wurde, benötigte man für die Messfeier viele verschiedene Bücher. An Sakramentaren, den frühen Büchern mit Messgebeten für den Priester, lässt sich die Entwicklung hin zum Missale nachvollziehen. Und erstaunt stellt man fest, dass es im Rheinland lange Zeit eine eigene Form der Messfeier gegeben hatte.

Die Geschichte liturgischer Bücher ist lang und kompliziert. Hatten die frühen Christen ihre Riten und Gebete noch weitgehend frei formuliert, wurden diese seit der Spätantike von Konzilien verbindlich vorgeschrieben. Die Gebete und Anweisungen für die Vorsteher der Messliturgie trug man in sogenannten Sakramentaren zusammen, die durch Bücher für biblische Lesungen ergänzt wurden. Große christliche Zentren wie Alexandria, Antiochia und Rom hatten bald ihre eigenen Riten fixiert. Im fränkischen Reich strebten Pippin († 768) und sein Sohn Karl der Große († 814) nach Einheitlichkeit in der Liturgie durch eine enge Bindung an Rom: Sie ließen sich römische Liturgiebücher schicken und im Frankenreich abschreiben. Die höfisch geprägten päpstlichen Riten mussten für die fränkischen Ortskirchen allerdings umfassend bearbeitet und ergänzt werden, so dass im 9. Jahrhundert eine römisch-fränkische Mischliturgie entstanden war und verbreitet wurde. (fol. 25v)

Im Sakramentar Cod. 88 lässt sich diese Entwicklung recht gut beobachten. Im Kern enthält die Handschrift aus dem 10. Jahrhundert den Text der aus Rom importierten Vorlage (fol. 25r-104v) – das nach den maßgeblichen Päpsten benannte Sacramentarium Gregorianum-Hadrianum. Es beginnt mit einer als Schriftzierseite gestalteten knappen Einführung zum Verlauf der Messe (fol. 25r). Von fol. 105r bis 156r folgen Ergänzungen, die dem Reformabt Benedikt von Aniane († 821) zugeschrieben werden; fol. 156v bis 172v enthält die Hinzufügungen durch den karolingischen Hoftheologen Alkuin von York († 804).

Den Mittelpunkt der Messliturgie bilden stets die Präfation und das Hochgebet (Canon) mit den Wandlungsworten. Auf zwei buchkünstlerisch herausragend gestalteten Seiten stehen diese Texte in goldener und weißer Schrift auf purpurnem Hintergrund, gerahmt von Säulen und einem Giebel. Die Anfangsbuchstaben V und T selbst sind als goldene, mit Flechtbändern und vegetabilen Ornamenten geschmückte Zierinitialen ausgeführt (fol. 26r).

Auf den folgenden Texten für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres finden sich einfacher ausgeführte Zierinitialen in Gold und Rot, um die jeweiligen Tage zu markieren. Ähnlich prachtvoll gestaltet wie die Kanonseiten sind lediglich die Gebete zur Messe an Heiligabend (fol. 30r) und in der Osternacht (fol. 63v). Hier stehen purpurne Zierfelder mit goldenen Initialen, an Ostern zusätzlich mit architektonischer Rahmung, am Beginn des jeweiligen Tagesgebets. Die Buchkunst und der Schreibstil der Haupthand lassen annehmen, dass der Codex in der zweiten Häfte des 10. Jahrhunderts in Fulda geschrieben wurde.

Trotz ihrer Herkunft aus Fulda war die Handschrift zunächst für Köln konzipiert worden. Davon zeugen die spezifisch kölnischen Heiligen im Kalendar (fol. 3r-8v) und der Litanei (fol. 9r-10v). Sie nennen z.B. die Heiligen Pantaleon, Gereon, Maurus, Severin, Kunibert sowie Ursula und die 11.000 Jungfrauen. In nahezu zeitgleichen Zusätzen werden auch Trierer Heilige wie Eucherius, Irmina, Paulinus und Maximinus genannt; die Schrift an diesen Stellen stammt offenkundig ebenfalls von Trierer Händen. Vielleicht war der Codex also für den Gebrauch in Trier umgerüstet worden, ohne dass er seinen Bestimmungsort je erreichte. Denn Ergänzungen und Nachträge aus späteren Jahrhunderten belegen, dass er über Jahrhunderte in der Kölner Domkirche benutzt wurde (fol. 11r).

Ein besonders aufschlussreicher Nachtrag, nämlich ein gänzlich eigenständiger Verlauf (Ordo) der hl. Messe, findet sich gleich am Anfang der Handschrift auf fol. 9r-15r. Er beginnt mit der bereits genannten Litanei, gefolgt von Bußgebeten vor der Messe, Gebeten um Annahme des Opfers bei der Eucharistiefeier sowie den Gebeten um die Kommunionriten. Die häufige Betonung der eigenen Schuld vor Gott und der Bitte um Vergebung ist typisch für eine Form der Messe, die sich regional entlang des Rheins verbreitete und daher 'Rheinischer Messordo' genannt wird. Zusammen mit weiteren Eingriffen in bestimmte Gebete dieses Sakramentars erkennt die Liturgiewissenschaft hier Einflüsse, die im Verlauf des Mittelalters zur Entstehung einer eigenständigen Kölnischen Liturgie geführt haben.