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Warum die Heiligen Drei Könige eigentlich nach Köln kamen – Die 'Historia trium Regum' in Cod. 1579

Handschrift des Monats Oktober 2026
Datum:
1. Okt. 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Als riesiger Reliquienschrein macht sich der gotische Kölner Dom ja nicht schlecht, aber in den romanischen Kirchen Kölns gab es doch davor schon ganz viele Heilige. Ob deren positiver Einfluss auf die Kölner wohl der Grund war, warum die Dreikönigsreliquien letztlich dort verbleiben wollten? Ein Karmelitermönch aus Hildesheim macht sich da so seine Gedanken.
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Am letzten Septemberwochenende fand kürzlich wieder die Dreikönigswallfahrt im Kölner Dom statt. In der geistlichen Aufbruchstimmung des Weltjugendtags war sie ab 2006 neu belebt worden und verbindet seitdem, so das Domkapitel auf seiner Webseite, "mittelalterliche Reliquienverehrung mit moderner Pilgerpraxis." Dabei waren die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die Erzbischof Rainald von Dassel im Jahr 1164 aus Mailand nach Köln überführte, vielleicht die Krönung, aber längst nicht die Grundlage für den Ruhm der Stadt, die sich damals schon als das "hillige Köln" bezeichnete. Ein ganzer Kreis von Heiligen, deren Reliquien sich in den Kirchen der Stadt befanden und dort verehrt wurden, war legendarisch mit der Stadtgeschichte verknüpft worden: St. Gereon und die Märtyrer der Thebäischen Legion etwa, etliche heilige Bischöfe wie Maternus, Severin oder Kunibert, und nicht zuletzt die hl. Ursula und ihre 11.000 Gefährtinnen. Obwohl die Legende der Heiligen Drei Könige eigentlich an den biblischen Bericht gebunden war, fand die Stadt Köln doch noch Eingang in diese Erzählung – dank der literarischen Begabung des Johannes von Hildesheim und seiner 'Historia trium Regum'. (fol. 1r)

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Dieser Johannes wurde zwischen 1310 und 1320 in einem Vorort Hildesheims geboren und wurde Mönch im nicht weit entfernten Karmeliterkloster Marienau. Nach theologischen Studien in Avignon und Paris wurde er Lektor in Kassel und in Straßburg; von 1368 bis zu seinem Tod 1375 war er Prior in Marienau. Neben der 'Historia trium Regum' stammen auch einige theologisch-philosophische Werke, literarisch anspruchsvolle Briefe sowie Gedichte von ihm. Die 'Historia' entstand wohl 1364, zum zweihundersten Jahrestag der Reliquientranslation nach Köln (fol. 243r). Anlass war vielleicht die Wahl des Kölner Domherren Florentius von Wevelinghoven zum Bischof von Münster; in einigen Handschriften findet sich eine Widmung an diesen Bischof. Johannes greift viele Elemente der Dreikönigslegenden auf, die schon im Umlauf waren, fügt jedoch auch neue hinzu wie etwa ihre Herkunft aus den "drei Indien", ihre Rückkehr und Taufe durch den Apostel Thomas oder ihr Tod innerhalb weniger Tage in der Stadt Seuwa. Die Stadt Köln findet sich naturgemäß am Ende der Erzählung im Umfeld der Reliquienübertragung. Hier ergeht sich Johannes in einem ausführlichen Lob der Stadt und seines Domkapitels, dem ja schließlich sein Auftraggeber Florentius einst angehörte. Es gipfelt in dem Satz: "Keine andere Stadt ist mit solch würdigem Volke und solch frommen Dienern Gottes ausgezeichnet wie die Stadt Köln." Allerdings folgt darauf sogleich eine Ermahnung zur Beständigkeit im Glauben: "Lass nicht ab und werde nicht müde, Gott zu loben und seine Heiligen zu preisen, damit du nicht deiner Vorrechte beraubt wirst und deine Ehre dir genommen werde!" Aus Verantwortung folgt Verpflichtung.

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Im späten Mittelalter erfreute sich die 'Historia trium Regum' sehr großer Beliebtheit: Neben mindestens 64 Handschriften mit der lateinischen Fassung dieser Legende sind derzeit 61 in einer deutschen Sprachform bekannt. Auch frühe niederländische, englische und französische Übersetzungen bezeugen ihre weite Verbreitung. Nahezu unzählbar sind schließlich die gedruckten Fassungen mit ihren Varianten, Bearbeitungen und Kürzungen. Alleine in der Diözesan- und Dombibliothek werden zwei Handschriften (Cod. 169 und 1579) und zwei Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts (Inc.a.102, Inc.c.26) der Legende aufbewahrt. Die hier beschriebene Handschrift Cod. 1579 ist eine Sammelhandschrift, die dank eines Schreibereintrags auf das Jahr 1392 datiert werden kann (fol. 216v). Sie umfasst 260 Blätter aus Papier; aus Pergament sind zwei nachgeheftete Blätter mit einem Inhaltsverzeichnis sowie die aus einer älteren liturgischen Handschrift stammenden Vorsatzblätter. Die beiden Buchdeckel fehlen, und auch sonst ist der Buchblock in keinem guten Zustand: Am Ende fehlt eine ganze Lage. Den größten Teil der Handschrift (fol. 1r-217v) nimmt die nicht weniger bekannte 'Legenda aurea' (Goldene Legende) des italienischen Dominikaners Jacobus de Voragine ein, über die jedoch in einem anderen Zusammenhang berichtet werden soll.

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Ihr ist immerhin der einzige nennenswerte Buchschmuck zu verdanken: Auf fol. 1r (s.o.) findet sich eine vergleichsweise prachtvolle U-Initiale mit gespaltenem Schaft in Blau und Rot mit ornamentalen Aussparungen. Das Binnenfeld zieren mit roter Feder gestaltete Blattornamente nach der Art von Fleuronnée-Initialen. Der Buchstabenschaft ist mit Eierstäben umrankt und läuft am linken Rand in einem blau-roten Zierstab aus, dessen mit roter Feder gezogene Ausläufer wiederum den unteren Blattrand füllen. Ansonsten enthält die Handschrift nur rote Lombarden zu Beginn einzelner Abschnitte. Die Dreikönigslegende findet sich (nach einem kurzen Inhaltsverzeichnis fol. 243r-244r) auf den Blättern 244r-260v, die von einer Schreiberhand mit 1 beginnend neu durchgezählt wurden. Wir haben es hier also mit einem einfach gestalteten Bibliotheksexemplar zu tun, das sich offenbar dennoch über viele Jahre einer großen Beliebtheit erfreute, denn das Buch macht einen zerlesenen Eindruck und ist an einigen Stellen mit längeren Anmerkungen versehen. 

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Die Handschrift hat eine bewegte Besitzgeschichte: Sie stammt ursprünglich aus dem Kölner Dominikanerkonvent Heiligkreuz, war später (nach 1608) im Besitz der Pfarrei Kempen, bevor sie im 19. oder 20. Jahrhundert an den Franziskanerkonvent auf dem Bonner Kreuzberg gelangte. Nach dessen Auflösung kam der Codex in die Franziskanerbibliothek "Wissenschaft und Weisheit" in Mönchengladbach, die ihn vor 1990 an die Diözesanbibliothek abgab (Vorblatt). Ironischerweise gingen im Lauf der Besitzgeschichte genau jene Seiten der 'Historia' verloren, in denen es um Köln geht – die großen Lobreden ab cap. 40 auf die Stadt, ihr Volk und ihre Domherren sind also in dieser Handschrift nicht enthalten. Die Historikerin Lea Raith überlegt in einem kürzlich erschienenen Artikel, ob die Seiten herausgeschnitten wurden, weil sich "jemand nur für die Informationen über Köln" interessierte – oder ob sie, ganz im Gegenteil, etwa in Kempen verloren gingen, wo "die Zeilen über Köln also gerade nicht interessant" waren. In jedem Fall weist die so häufig benutzte und am Ende verstümmelte Handschrift damit auf ein ganz spezifisches Nutzungsinteresse hin, auch wenn uns dessen Grund heute verborgen bleibt.

Digitalisate der Handschrift Cod. 1579 und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-3952

Der Artikel von Lea Raith, "Soldaten und Könige. Die Passio Thebaeorum und die Historia trium regum in den Kölner Codices 167 und 1579", ist erschienen im Tagungsband "Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek – 10. Symposion" (Libelli Rhenani 88), Köln 2026, S. 37-55. Der Band kann hier bestellt werden: https://www.dombibliothek-koeln.de/m-article/Band-88/.

 

Abbildungen:

Cod. 1579, fol. 1r: Zierinitiale U(niversum) zu Beginn der 'Legenda aurea'

Cod. 1579, fol. 243r: Inhaltsverzeichnis zur 'Historia trium Regum'

Cod. 1579, fol. 216v: Datierung 1392, etwa in der Mitte der rechten Spalte

Cod. 1579, fol. 244r: Beginn der 'Historia trium Regum'

Cod. 1579, Vorblatt: Besitzeinträge des Dominikanerklosters Köln, Stempel der Bibliothek Wissenschaft und Weisheit

 

Ansprechpartner:

Herr Dr. Harald  Horst
Telefon:  0049 221 1642 3796 

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