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Fische, Vögel, Zierbuchstaben: Die „Kölner Nonnenhandschriften“ aus Chelles (Cod. 63 – 65 – 67)

Handschrift des Monats November 2026
Datum:
1. Nov. 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Die Handschriften mit den Psalmenkommentaren des Kirchenvaters Augustinus wurden um 800 von zehn Schreiberinnen hergestellt, die ihren Anteil namentlich signierten. Diese sonst völlig unübliche Praxis ist ein Beleg für ihr Selbstbewusstsein und die Bedeutung der königlichen Frauenabtei Chelles bei Paris. Beim 11. Handschriften-Symposion der Diözesan- und Dombibliothek am 27. und 28. November bilden die drei Codices den einleitenden Schwerpunkt der Tagung.
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Die französische Kleinstadt Chelles liegt an einer Schleife der Marne etwa 18 km östlich von Paris. Bereits in der gallo-römischen Epoche gab es dort ein Landgut, in das sich die merowingischen Könige gerne zurückzogen. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts gründete Chrodechilde, die Ehefrau des ersten getauften fränkischen Königs Chlodwig I., dort ein kleines Kloster für Frauen, das 658/659 zur Abtei erhoben wurde. Die erste Äbtissin des Klosters, Bertila, kam mit einer Gruppe von Nonnen aus dem etwa 50 km östlich gelegenen Doppelkloster Jouarre. (Cod. 63, fol. 2v)

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Seine größte Ausstrahlung hatte die Abtei Chelles in der Karolingerzeit – als Gisela, die Schwester Karls des Großen, dort Äbtissin war (amt. 788–810). Ein Skriptorium zur Herstellung von Handschriften scheint aber schon um 700 existiert zu haben: Noch heute lassen sich insgesamt 29 Codices nachweisen, die durch typische Merkmale ihrer Schrift und Ähnlichkeiten im Buchschmuck miteinander verbunden sind (Cod. 65, fol. 152r). Eine zentrale Rolle spielt dabei ein um 750 entstandenes Sakramentar in der Biblioteca Vaticana (Cod. Reg. lat. 316): Es enthält neben der hergebrachten unzialen Schrift bereits Elemente einer eigenständig entwickelten Minuskelschrift. Außerdem zeichnet es sich durch prachtvollen Buchschmuck im merowingischen Stil aus, in dem die Zierbuchstaben aus Fischen, Vögeln oder anderen Tieren gebildet wurden. 

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Auch die drei Codices 63, 65 und 67 der Kölner Dombibliothek sind offenbar ein Produkt der Künstlerinnen von Chelles. Eine außerordentlich feierliche Eröffnung bietet etwa Cod. 67, fol. 2v: Die Überschrift nimmt hier drei Zeilen ein und besteht aus Hohlkapitalen, die mit Flecht- und Schlangenbändern in Rot, Grün, Gelb und Purpur gefüllt sind. Die erste Initiale „I“ endet in einem spitz zulaufenden Blatt; an der oberen linken Ecke ist eine Blattranke angedeutet. Der Text selbst beginnt mit einer sechs Zeilen hohen Schmuckinitiale „E“, die aus drei mehrfarbigen Fischen gestaltet wurde – ein deutlicher Hinweis auf das erwähnte Sakramentar im Vatikan. Beide Male enden die bunt geschuppten Fischleiber in dreigeteilten Schwänzen und sind beidseitig mit gezackten Flossen besetzt. Die Künstlerin von Cod. 67 füllte ihre Hohlkapitalen jedoch nicht wie im Vorbild mit Blättern, sondern mit Flechtbändern. Darin zeigt sich bereits der insulare Einfluss, der seit der frühen Karolingerzeit auf die Buchmalerei einwirkte.

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Die Kölner Handschriften aus Chelles enthalten die Kommentare des Kirchenvaters Augustinus von Hippo († 430) zu den 150 alttestamentlichen Psalmen. Der Text wurde wegen seines großen Umfangs auf drei Bände mit jeweils fünfzig Psalmenkommentaren aufgeteilt. Außerdem teilten sich mehrere Schreiberinnen diese Aufgabe, deren Namen – und dies ist das Besondere an den Codices – am Ende ihrer Lagenserie vermerkt sind. Diese sonst unübliche Praxis weist auf den hohen Stand der Nonnen hin, die offenbar aus dem Hochadel stammten (Cod. 63, fol. 174v). Genannt werden Girbalda, Gislildis, Agleberta, Adruhic, Altildis, Gisledrudis, Eusebia, Vera und Agnes; ein weiterer Name ist verloren gegangen. Gislildis und Gisledrudis könnten demnach zu den Blutsverwandten des Kaisers gehört haben, da sie den gleichen Namensstamm Gisl- aufweisen wie dessen Schwester Gisela/Gisla.

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Auftraggeber der drei Handschriften aus Chelles war der Kölner Erzbischof Hildebald (amt. 787-818), denn auf der ersten Seite tragen sie einen Besitzvermerk mit dem Hinweis, dass sie zu seiner Zeit geschrieben worden seien: „Codex sancti Petri sub pio patre Hildebaldo scriptus“ (Cod. 67, fol. 1r). Hildebald von Köln war ein enger Vertrauter Karls des Großen; als oberster Geistlicher seines Hofes gehörte er zu den wichtigsten Bischöfen des Karolingerreichs. An der Kölner Kathedralschule begründete er ein Skriptorium und baute systematisch eine eigene Bibliothek auf, die heutige Dombibliothek. Damit schuf Hildebald zugleich die Grundlagen für die Durchsetzung der karolingischen Bildungsreform in seinem Bistum. Dass sich in der Dombibliothek neben eigenen Erzeugnissen auch zahlreiche Codices aus fremder Produktion finden – wie eben jene aus Chelles –, spiegelt die nahezu europaweite Vernetzung karolingischer Schreibstuben wider.

Die Handschriften Cod. 63, 65, und 67 bilden beim 11. Handschriften-Symposion der Diözesan- und Dombibliothek am 27. und 28. November 2026 den einleitenden Schwerpunkt der Tagung. Das vollständige Programm mit Möglichkeit zur Anmeldung ist hier verlinkt: https://www.dombibliothek-koeln.de/m-article/27.11.-28.11.2026/. 

Digitalisate der Handschriften und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-326 (Cod. 63), https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-3100 (Cod. 65), und https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-1958 (Cod. 67).

 

Abbildungen:

Cod. 63, fol. 2v: Beginn des Kommentars zu Psalm 1

Cod. 65, fol. 152r: Beginn des Kommentars zu Psalm 70

Cod. 67, fol. 2v: Zierschrift am Beginn des Kommentars zu Psalm 101

Cod. 63, fol. 174v: Nennung der Schreibern Gislildis

Cod. 67, fol. 1r: Besitzvermerk aus der Zeit Erzbischofs Hildebald von Köln

 

Ansprechpartner:

Herr Dr. Harald  Horst
Telefon:  0049 221 1642 3796 

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