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Farbenfrohe Malerei für den Privatgebrauch – Das mittelniederdeutsche Gebetbuch Cod. 1588

Handschrift des Monats Juni 2026
Datum:
1. Juni 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Die Stundenbücher des späten Mittelalters sind künstlerisch meist hochwertig ausgestattet, bei privaten Gebetbüchern schwankt die Qualität der Buchmalerei. Ein etwas derb geratenes Beispiel aus der Renaissance steht stellvertretend für dieses Genre. Dabei versteckt sich in seinen Miniaturen so manche Überraschung.
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Gebetbuchhandschriften sind seit dem frühen Mittelalter überliefert. Der Begriff Gebetbuch ist allerdings sehr weit gehalten und umfasst Psalterhandschriften, Gebetskompendien, Stundenbücher, aber auch Privatgebetbücher wie das hier vorgestellte. Diese sind häufig in der Volkssprache verfasst und weisen inhaltlich einen besonderen Variantenreichtum auf. Kaum ein Gebetbuch gleicht mit seinen Texten dem anderen, und auch ihre künstlerische Ausstattung ist sehr unterschiedlich. Während Stundenbücher in der Regel mit aufwändigen Illuminationen versehen sind, ist unter den fünf deutschprachigen Gebetbüchern der Diözesanbibliothek nur ein einziges bebildert – der hier vorgestellte Cod. 1588. (fol. 12v)

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Wie in liturgischen oder paraliturgischen Büchern üblich, beginnt das Gebetbuch Cod. 1588 mit einem Kalendarium der Fest- und Gedenktage. Darin finden sich erste Hinweise auf die Herkunft der Handschrift, denn die für Köln typischen Heiligen wie Pantaleon, Gereon, Severin, Kunibert sowie Ursula und die elftausend Jungfrauen sind durch rote Schrift hervorgehoben. Das bedeutet, dass sie mit einem höheren Festgrad gefeiert wurden und dabei etwa den Apostel- und Marienfesten gleichgestellt waren. Eine Herkunft aus dem Kölner Raum lässt sich also vermuten. Eine Bestätigung findet sich in den Monatsnamen, die in Latein und der kölnischen Volkssprache, dem sogenannten Ripuarischen, genannt werden. Der Juni etwa wird mit „Braemaent“, also Brachmonat bezeichnet (fol. 5r).

 

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Die Gebetstexte beginnen mit einem betrachtenden Zyklus zum Leiden Christi. Die erste bebilderte Doppelseite zeigt allerdings zunächst die Erschaffung von Mann und Frau (oben fol. 12v - 13r), wobei in diesem Kontext sowohl der Sündenfall als auch die Erlösung durch das Leiden Christi mitschwingen. Die Miniaturen zum Leben Jesu setzen ein mit der sogenannten Darbringung Jesu im Tempel (früher auch als Mariä Reinigung oder Mariä Lichtmess bezeichnet), die vom begleitenden Gebetstext als Unterwerfung des Gottessohnes unter das Gesetz gedeutet wird (fol. 17v). Dabei fallen drei etwas kleiner dargestellte Figuren auf: Eine junge Frau, die vor Maria steht und eine Kerze hält sowie zwei Männer, die auf einer Bank knien und das Geschehen betend verfolgen. Mehr noch: Das Altargemälde im imaginierten Kirchenraum zeigt neben dem jüdischen König David die heilige Katharina von Alexandrien, erkennbar an ihren Attributen Rad und Schwert. Ganz ähnlich ist übrigens die sogenannte Gregorsmesse dargestellt, wo sich sogar (noch ungedeutete) Wappen im Rahmen finden (fol. 76v). Ikonographisch dürften sich damit die Auftraggeber des Gebetbuches verewigt haben, deren Namen allerdings ungenannt bleiben. Die hl. Katharina könnte auf das Patrozinium ihrer Pfarrkirche verweisen – in Köln wäre das Alt-St. Katharina in Niehl, doch kommen natürlich auch weitere Kirchen im Erzbistum infrage.

 

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Zehn der insgesamt 24 Miniaturen des farbenfroh ausgestatteten Büchleins illustrieren das Passionsgeschehen. Ihre Figuren sind in die typische Kleidung der Renaissance gehüllt, auch die Rahmung und Bildgestaltung übernimmt Elemente der zeitgenössischen Buchmalerei wie etwa einen Faun (fol. 24r). Bisweilen umrahmen ausgelassen spielende Putten das Bild, als ginge sie das dramatische Geschehen nichts an. Bei der Verhöhnung Christi durch römische Soldaten scheinen sie sogar deren spöttischen Tanz einschließlich musikalischer Begleitung aufzunehmen (fol. 47v). Es bleibt offen, ob hier menschliche Unbedarftheit und Sünde zur Schau gestellt werden sollen.

 

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Auf den Passionszyklus folgen Gebete zum liturgischen Geschehen und zu Heiligen, von denen einige auch im Bild dargestellt sind, sodann eine Seelenmesse und ein Beichtspiegel. Besondere Beachtung verdient eine Darstellung des Fronleichnamsfestes (fol. 84v). Hier steht ein Geistlicher mit dem Rücken zum Altar und hält eine große Schaumonstranz mit der Hostie, während zwei Diakone in kostbaren Gewändern Kerzen halten und Glocken schwenken. Im Rahmen wird – in Anspielung auf das Geschehen beim Volk Israel in der Wüste – gezeigt, wie Manna vom Himmel fällt, das wiederum von Putten in Körben gesammelt wird. Der Triumphzug am unteren Rand könnte als antikisierende Anspielung auf eine Fronleichnamsprozession gedacht sein.

 

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Insgesamt wirkt die Buchmalerei eher derb, ungelenk und bisweilen karikierend, benutzt aber die verbreiteten Sujets der Zeit und verleiht durch ihre kräftigen Farben dem Gebetbuch eine durchaus kostbare Anmutung. Die Auftraggeber, wie sie in mindestens einer Miniatur dargestellt sind, stammen aus der Schicht wohlhabender Bürger, bleiben aber ungenannt. Laut Kolophon (fol. 134r) wurde das Buch gemalt und „geschrieben im Jahr 1535, als Kaiser Karl V. regierte.“ Im Jahr 1547 gehörte es gemäß Besitzeintrag (fol. Ar) einem Johann van Beul, Bürgermeister von Oedt am Niederrhein; weitere Vorbesitzer sind nicht bekannt. Erst 1995 wurde es von der Diözesanbibliothek in einem Antiquariat erworben.