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Epochemachende Buchmalerei – Das Evangeliar aus St. Maria ad Gradus (Cod. 1001a)

Handschrift des Monats September 2026
Datum:
1. Sept. 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Das prachtvolle Evangeliar, um 1033 entstanden, zählt zu den Höhepunkten der Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts. Innerhalb der Kölner Malerschule zeigt es eine souveräne künstlerische Eigenständigkeit - und steht damit am Beginn einer neuen Aufbruchs- und Blütezeit.
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Es gibt kaum eine Eröffnungsseite unter den Kölner Handschriften, die beeindruckender wäre als diese: Majestätisch thront Christus als Weltenherrscher vor einer aus zwei kosmischen Kreisen gebildeten Mandorla und mit der Erdkugel zu seinen Füßen, in der linken Hand ein Buch haltend, die rechte zum Segen erhoben (Cod. 1001a, fol. 1v). Vor goldenem Hintergrund umgeben ihn die berichtenden Zeugen seiner Herrschaft: Mit Schriftrollen in den Händen die alttestamentlichen Propheten Ezechiel, Daniel, Jesaja und Jeremia, mit Pergamentcodices dagegen und symbolisiert durch vier Wesen die Evangelisten Matthäus, Johannes, Markus und Lukas. Mit ihrem aus karolingischen Vorbildern entwickelten gestalterischen Anspruch und theologischen Programm gehört diese Darstellung zu den Höhepunkten der Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts.

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Das Evangeliar aus St. Maria ad Gradus in Köln reiht sich dabei ein in eine Serie von zwanzig reich mit Zierseiten und Bildern ausgestatteten Handschriften, die zur Zeit der Erzbischöfe Everger, Pilgrim und Hermann II. entstanden – also etwa zwischen 985 und 1056. Seit den Forschungen von Peter Bloch und Hermann Schnitzler 1967/70 wird die Kunst dieser Gruppe – dynastisch gesehen nicht ganz korrekt – als „Ottonische Kölner Malerschule“ bezeichnet und in vier Hauptphasen unterteilt. Verortet wird die Malerei zu Beginn am Domskriptorium, doch sind die meisten Werke wohl in einer Gemeinschaft mehrerer und wechselnder Künstler an St. Pantaleon entstanden (fol. 2v).

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Die Kanontafeln, die sich an die Eröffnung durch die Maiestas domini anschließen, werden eingefasst durch eine Darstellung des Kirchenvaters Hieronymus (fol. 8v). Er übersetzte im Auftrag von Papst Damasus († 384) die Bibel ins Lateinische und gilt damit als Urheber der sogenannten Vulgata, der Grundlage aller mittelalterlichen Bibelabschriften. Auch seine inhaltlich erklärenden Vorreden wurden in der Regel mit abgeschrieben. Im Mariengraden-Evangeliar wird Hieronymus nicht als schreibend, sondern diktierend dargestellt. Eine Beischrift in Gedichtform erläutert seine Funktion und stellt seinen Sekretär als „notarius eius“ vor.

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Stilistisch stellt das Mariengraden-Evangeliar einen Neuanfang innerhalb der Kölner Buchmalerschule dar, wie der Kieler Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers 2018 in einer Monografie hierzu betonte: Es greift zwar die Traditionen der ottonischen Buchkunst auf, entwickelt jedoch mithilfe von Elementen süddeutscher Malerei eine souveräne künstlerische Eigenständigkeit, die es zum Vorbild für die folgenden Handschriften macht. Damit passt es in die Aufbruchs- und Blütephase der Stadt Köln, die mit dem salischen Kaiser Konrad II. (amt. 1024-39) einsetzte. Ausradierte Vorzeichnungen wie etwa beim Bild des Evangelisten Matthäus (fol. 21v), die mit Hilfe von UV-Aufnahmen sichtbar gemacht werden konnten, dokumentieren zusätzlich diesen malerischen wie politischen Wandel. Die Datierung von Schrift und Malerei auf die Zeit um 1030/33 wird eindrucksvoll gestützt durch die dendrochronologische Analyse der beiden Einbanddeckel aus stabilem Eichenholz, die am wahrscheinlichsten um 1033 eingesetzt wurden.

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Neben dem figürlichen beweist auch der ornamentale Schmuck den hohen Anspruch und die künstlerische Fähigkeit der Maler. Alle Evangelien beginnen mit einem aufwendig gerahmten Widmungsgedicht, einem Evangelistenporträt und einer Textzierseite. Die ersten Worte sind jeweils durch eine Initialzierseite hervorgehoben, die bei Matthäus (fol. 23v) und Johannes (fol. 178v) am prächtigsten gestaltet sind. Während bei jenem vier Medaillons mit männlichen Büsten den Rahmen unterbrechen, sind es bei Johannes vier quadratisch eingefasste Evangelistensymbole. Ein gleichermaßen gerahmtes Opferlamm in der Mitte der Seite symbolisiert die Einheit der sich stets auf Christus beziehenden Evangelien. Die goldenen Flechtbänder der ineinander verschlungenen Initialbuchstaben verweisen deutlich auf Vorbilder aus St. Gallen und der Reichenau.

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Wie das um 1033 entstandene Prachtevangeliar nach Mariengraden gekommen ist, bleibt unklar (fol. 177r). Das Kanonikerstift „ad Gradus“, also an den Stufen zum Rhein hinter dem Domchor gelegen, wurde erst 1059 unter Erzbischof Anno II. gegründet. Durch die Nähe zum Dom gab es häufig personelle Überschneidungen mit dem Domkapitel; in Spätmittelalter und Neuzeit diente es aber fast nur noch zur finanziellen Versorgung von Klerikern. Als das Stift bereits 1794 verlassen und 1802 endgültig aufgehoben wurde, gelangten viele Ausstattungsgegenstände in den Dom; das Evangeliar kam dagegen wohl in das nahegelegene Priesterseminar. Kirche und Stift St. Maria ad Gradus wurden 1814 abgebrochen – nicht zuletzt, um dadurch freien Blick auf den Dom zu gewähren.

Digitalisate der Handschrift Cod. 1001a und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-2371

Den aktuellen Forschungsstand beschreibt eine als Kunstbuch gestaltete und mit hochwertigen Reproduktionen der Zierseiten ausgestattete Monografie: 
Klaus Gereon Beuckers: Das Prachtevangeliar aus Mariengraden – Ein Meisterwerk der salischen Buchmalerei. Mit einem Beitrag von Doris Oltrogge. Luzern: Quaternio Verlag 2018.

 

Abbildungen:

Cod. 1001a, fol. 1v: Maiestas Domini

Cod. 1001a, fol. 2v: Kanontafel II

Cod. 1001a, fol. 8v: Autorenporträt des hl. Hieronymus

Cod. 1001a, fol. 21v: Porträt des Evangelisten Matthäus

Cod. 1001a, fol. 178v: Initialzierseite zum Johannes-Evangelium

Cod. 1001a, fol. 177r: Textzierseite zum Johannes-Evangelium

 

Ansprechpartner:

Herr Dr. Harald  Horst
Telefon:  0049 221 1642 3796 

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