Zum Inhalt springen

Alltag zwischen Kappes und Papierballen – Das Privatrechnungsbuch der Druckerfamilie Calenius-Quentel (Cod. 236)

Handschrift des Monats Mai 2026
Datum:
1. Mai 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Quellen aus dem Alltagsleben der Frühen Neuzeit sind nicht sehr zahlreich erhalten – sie waren meist nur kurzfristig von Bedeutung und wurden bald entsorgt. Ein Glücksfall ist daher dieses Rechnungsbuch der bedeutenden Kölner Druckerfamilie Calenius-Quentel. Die Einträge geben Einblick in den Alltag der Druckerei und der Familie, in der auch essen, trinken und feiern nicht zu kurz kamen.
01_Cod_0236_001v

Die Offizin der Kölner Familie Quentel/Calenius gehörte im 15. und 16. Jahrhundert zu den bedeutendsten Druckereien im deutschsprachigen Raum. Schon kurz nach der Gründung im Jahr 1479 erwarb sie sich durch die Herausgabe theologischer, philosophischer und anderer wissenschaftlicher Werke eine herausragende Stellung. Sicher nicht zufällig befand sich das palastartige Verlags- und Wohnhaus der Familie in unmittelbarer Domnähe, im Bereich des heutigen Domhotels. In der Zeit von Reformation und katholischer Reform hielt man sich stets – wie die Freie Reichsstadt Köln selbst – an das alte Bekenntnis und machte die Stadt zum katholischen Druckzentrum. Kaiserliche und päpstliche Privilegien etwa für den Druck der Dietenberger-Bibel, dem katholischen Gegenentwurf zur Lutherbibel, verschafften dem Verlag teilweise eine Monopol-Stellung. Im 17. Jahrhundert verlagerte der letzte Verlagserbe Johann Krebs seine Aktivitäten stärker auf den Buchhandel; die Firma erlosch mit seinem Tod im Jahr 1639 (fol. 1v).

02_Cod_0236_145v

Im Bestand Dombibliothek hat sich unter der Signatur Cod. 236 ein Rechnungsbuch der Familie Quentel aus den Jahren 1577 bis 1586 erhalten, das für die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte dieser Zeit eine außergewöhnliche Quelle darstellt (fol. 145v). Solche Belege des Alltags waren für die Zeitgenossen nur kurzfristig von Bedeutung, so dass nicht viele solcher Quellen überliefert sind: Lediglich von zwei anderen Drucker-Verlegern kennt man noch ähnliche Rechnungsbücher. Nachdem Cod. 236 dank der Unterstützung der Erzbischöflichen Archiv- und Bibliotheksstiftung Köln nun restauriert werden konnte, setzte sich Prof. Dr. Wolfgang Schmitz, ehemals Direktor der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln und nach wie vor führender Experte für frühe Drucke, mit dem Rechnungsbuch auseinander. Seine Untersuchung konzentriert sich hauptsächlich auf den Druckerei- und Verlagsbetrieb der Quentel: Ausstattung der Drucke, Auflagenhöhe, Arbeit der Setzer und Drucker und vieles mehr. Als Band 87 der Reihe "Libelli Rhenani" wurden seine Erkenntnisse vor kurzem veröffentlicht und in der Diözesanbibliothek einem großen Publikum vorgestellt. Auch dieser Artikel basiert im Wesentlichen auf seinen Ausführungen.

03_Dietenberger-Bibel_1584

Das Privatrechnungsbuch Cod. 236 verzeichnet überwiegend die Ausgaben der Familie Calenius-Quentel (Exposita) von Januar 1579 bis September 1586. Verlagsleiter war in dieser Zeit der aus Lippstadt stammende Jurist Gerwin Calenius. Er hatte 1557 Sophia, die Witwe des 1551 verstorbenen Johann Quentel, geheiratet. 1558 wurde in den Drucken die Adresse "Gerwin Calenius und die Erben Johann Quentels" eingeführt und damit das neue Gewicht dokumentiert, das Calenius als Prinzipal innerhalb der Firma zukam (Abb.). Geführt wurde das Rechnungsbuch allerdings von Arnold Quentel, dem ältesten Sohn von Sophia und Johann Quentel. Er arbeitete seit 1570 in dem von seinem Stiefvater geleiteten Verlag mit und sollte diesen nach Calenius' Tod im Jahr 1600 selbst übernehmen. Warum ausgerechnet er – und nicht das Familienoberhaupt – das Rechnungsbuch führte, ist allerdings nicht bekannt.

04_Cod_0236_095r

Die Ausgaben sind chronologisch nach Jahren, Monaten und Tagen aufgeführt. Arnold Quentel gliedert die Eintragungen in drei Spalten: Am linken Rand steht ein Stichwort als Betreff, etwa Matri oder moder für die Mutter Sophia, Patri oder Vatter für Gerwin Calenius, kuch für die Küche, druckerey, fragt für Frachtkosten, unkosten für sonstige Kategorien. Auch Personen, Buchtitel oder besondere Ereignisse – etwa die Hochzeit der Stiefschwester Agnes (fol. 114v) oder das Begräbnis des Stiefbruders Johannes Calenius (fol. 95r) – werden dort benannt. In der mittleren Spalte folgt eine genauere Beschreibung des Betreffs, etwa der Lebensmittel, die für die Küche gekauft wurden: "für Muß, Rüben und Kappes", heißt es etwa auf fol. 94v. Bei den unkosten handelt es sich häufig um Ausgaben für Kleidung; auffällig oft werden dabei Schuhe und gestrickte Unterhosen genannt. In der dritten Spalte am rechten Rand nennt Quentel schließlich den ausgegebenen Betrag bzw. – sofern in kölnischen Goldgulden bezahlt wurde – dessen Umrechnung in Taler, was einen sinnvollen Überblick im Geschäftsverkehr überhaupt erst ermöglichte. Am Ende jeder Seite und am Monatsende werden die Talerbeträge addiert.

05_Cod_0236_074r

Aus buchhistorischer Sicht sind die Eintragungen zu den Druck- und Verlagsgeschäften der Familie besonders interessant. Zwar machen sie im Vergleich zu den Haushaltsausgaben nur etwa 20-30% der Notizen aus; dennoch erlauben sie einen interessanten Einblick in den Alltag der Kölner Offizin. So lassen sie erkennen, dass in der Druckerei an drei Pressen gearbeitet wurde (fol. 74r). Für die Schrifttypen wurden externe Schriftgießer beauftragt, ebenso Formschneider für Holzschnitte. Häufig werden Ausgaben für Papier und die dazugehörigen, nicht unerheblichen Frachtkosten aufgeführt. Auch die Lohnkosten für die Gesellen oder Aushilfskräfte geben Hinweise auf den täglichen Druckbetrieb. Da in diesem Zusammenhang immer wieder Buchtitel genannt werden, "kann man in Umrissen die Herstellungsdauer einzelner Texte beobachten" (W. Schmitz) und sie mit den in Bibliotheken vorhandenen Exemplaren abgleichen. Dabei wird deutlich, dass der Verlag häufig auf gut verkäufliche Titel setzte, die er in zahlreichen Auflagen nachdruckte. Das ermöglichte Calenius offenbar eine sichere Kalkulation, die zu dem großen Gewinn des Hauses beitrugen.

06_Cod_0236_169v

Zusätzlich enthält das Rechnungsbuch eine Verzeichnung der Einnahmen (Accepta) von 1579 bis 1585 (fol. 169v). Sie beginnen am Ende des Buches und sind um 180 Grad gedreht eingetragen (fol. 168v-189v). Offensichtlich handelt es sich hier lediglich um Einnahmen aus dem Buchhandelsgeschäft. Gelistet sind folglich nur Datum und Namen der Käufer sowie der Betrag in Talern. Nur einer der aufgeführten Käufer, Everus Drosche, kommt auch im Ausgabenteil vor. Demnach besorgte Quentel ihm wohl ein illuminiertes Exemplar des in Antwerpen erschienenen 'Theatrum orbis' von Abraham Ortelius und gab dafür 13 Taler aus. Von Drosche erhielt er ein halbes Jahr später 16.26 Taler, verkaufte es also mit einem Aufschlag von etwa 25 % – das liege in der damals üblichen Gewinnspanne, schreibt Schmitz. Und mag erklären, warum sich die Familie Calenius-Quentel zusehends von der reinen Druckerei abwandte und lieber dem Buchhandel widmete.

Das Buch von Wolfgang Schmitz, Das Quentelsche Rechnungsbuch. Ein Blick in den Alltag einer Kölner Verlagswerkstatt des 16. Jahrhunderts (Libelli Rhenani 87), kann in der Diözesanbibliothek während der Öffnungszeiten erworben oder über das Sekretariat bestellt werden: https://www.dombibliothek-koeln.de/m-article/Band-87/

Digitalisate der Handschrift Cod. 236 und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-4168.

Abbildungen:

Cod. 236, fol. 1v: Beginn des Ausgabenteils mit dem Januar 1579

Cod. 236, fol. 145v: Verschiedene Ausgaben im März 1585

Johann Dietenberger: Catholische Bibell. Quentel 1584, Titelblatt. Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München, Res/2 B.g.cath. 21

Cod. 236, fol. 95r: Ausgaben für das Begräbnis Johannes Calenius' 

Cod. 236, fol. 74r: Ausgaben für den Druckereibetrieb

Cod. 236, fol. 169v: Eine Seite aus dem Einnahmenteil

 

Ansprechpartner:

Herr Dr. Harald Horst
Telefon: 0049 221 1642 3796 

E-Mail