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Zwischen Theologie und Liturgie – Ein Psalterium mit Kommentar (Cod. 45)

Handschrift des Monats Februar 2026
Datum:
1. Feb. 2026
Von:
Dr. Harald Horst
Große und kleine Initialen in roter Farbe gliedern mittelalterliche Handschriften optisch und erleichtern dadurch ihre Benutzung. Dieser kommentierte Psalter wurde nach unterschiedlichen Aspekten gegliedert, so als wüsste man sich nicht zu entscheiden, welchem System man folgen sollte: dem theologischen oder dem liturgischen. Das tastende Suchen scheint jedoch symptomatisch zu sein, denn der Codex steht am Beginn einer neuen künstlerischen Epoche in der Kölner Buchproduktion.
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Im vergangenen Monat wurde das für die Liturgie konzipierte Psalterium Cod. 260 aus dem Maasgebiet vorgestellt. Mit Cod. 45 besitzt die Dombibliothek eine weitere Psalterhandschrift, die jedoch gegen Ende des 10. Jahrhunderts in Köln hergestellt wurde. Texte und Ausstattung lassen vermuten, dass die Schreiber sich nicht zwischen theologisch-wissenschaftlicher und liturgischer Nutzung ihres Produkts entscheiden konnten. So bringt der Hauptteil (fol. 28r-167v) die 150 Psalmen in großer Minuskelschrift auf der inneren Hälfte einer Seite, während die jeweils äußeren Spalten und Blattränder in kleinerer Schrift den Kommentar eines bislang unbekannten Autors enthalten. Auch die sich anschließenden Cantica (alt- und neutestamentliche Gesänge im Stil von Psalmen), die beiden Glaubensbekenntnisse, das Pater noster, ja selbst die Litanei wurden kommentiert (fol. 168v-184r). Zusammen mit den Vorreden von Theologen wie Hieronymus, Cassiodor und Isidor von Sevilla (fol. 16r-27r) spiegelt sich hier also eindeutig theologisches Interesse an der Deutung der Psalmen und ergänzenden Texte wider.

Neuer Untertitel

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Doch schon die genannten Ergänzungen gehören nicht in ein Studienbuch, sondern in die Liturgie – genau wie die Offiziumstexte zu Beginn der Handschrift (fol. 1r-7v) und das vorgeschaltete Kalendarium (fol. 8r-15v). Auch von der liturgischen Einteilung des Psalters konnten die Schreiber nicht lassen und versahen fünf von sieben Anfangspsalmen des Morgengebets sowie jenen zur Sonntagsvesper (Ps 109) mit großen roten Rankeninitialen. Eine Zierinitiale eröffnet auch Ps 101 (fol. 123r), was an die Dreiteilung kommentierter Psalterien (Ps 1 – 51 – 101) erinnert. Außerdem findet sich eine kleinere rote Initiale bei Ps. 114 am Beginn der Montagsvesper, doch wird diese Auszeichnung der Wochentagsvespern nicht weiter fortgeführt. "So entsteht der Eindruck, dass zwar verschiedene Möglichkeiten der Psaltergliederung beachtet, aber nicht konsequent befolgt worden sind" (J. Plotzek 1998).

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Die großen Initialen wurden in roter Tinte ausgeführt, die sich deutlich vom Minium der Auszeichnungsschriften absetzt; demnach wurden sie von einem anderen Künstler geschaffen (fol. 89r). Sie bestehen aus gespaltenen, mittels Spangen zusammengehaltenen Buchstabenkörpern mit Füllungen aus Blattranken, die in Tierköpfen oder Blättern auslaufen. Sie nehmen große Teile einer Seite ein und sind durch rote Linien doppelt gerahmt. Kleinere Initialen in Minium (also von den Schreibern) in verschiedenen Buchstabenformen dienen der Gliederung innerhalb der Psalmen. Der Initialstil setzt alemannische Buchkunst voraus, wie sie in St. Gallen und auf der Reichenau seit dem 9. Jahrhundert entwickelt wurde. Bekanntermaßen war der Austausch zwischen diesen Klöstern und jenen in Köln, Trier und anderen im 10. und 11. Jahrhundert so eng, dass die südlichen Klöster im Nordwesten schulbildend wirkten.

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Alemannischen Ursprungs sind auch die Neumen, die an wenigen Stellen über liturgischen Einschüben nachgetragen wurden. So finden sich auf fol. 50v, 63v und 173r Antiphonen, Responsorien und Versikel, die im 11. Jahrhundert den Psalter wieder im Blick auf eine liturgische Nutzung erweiterten. Im Handschriftenbestand der Kölner Dombibliothek gehören diese Einschübe zu den ältesten mit musikalischen Zeichen versehenen Passagen.

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Über den Entstehungsort der Handschrift ist demnach viel diskutiert worden. Durchgesetzt hat sich die Annahme, dass sie in den Jahren 993-996 in Köln unter Verwendung einer alemannischen Vorlage geschrieben wurde (fol. 105v). Dafür sprechen einerseits süddeutsche (Gallus, Otmar, Magnus, Kilian), andererseits kölnische Heilige (Pantaleon, Gereon, Severin, Kunibert, Ursula) in Kalendar und Litanei. Teile der Schrift wie auch der Initialstil stehen den Kölner Codices 5, 53 und 143 nahe, so dass man den Codex wohl zu einer Frühgruppe, d.h. zu den ersten Produkten der ottonisch-salischen Schreiber und Buchmaler in Köln zählen muss (U. Prinz 2019). Diese waren vermutlich zunächst am Dom, spätestens mit Beginn der Deckfarbenmalerei jedoch in St. Pantaleon beheimatet und brachten Handschriften mit kostbarer Ausstattung wie etwa das Everger-Lektionar (Cod. 143, vor 999) und das Mariengraden-Evangeliar (Cod. 1001b, um 1025) hervor.

Digitalisate der gesamten Handschrift und weitergehende Informationen können jederzeit über die Digitalen Sammlungen der Diözesanbibliothek abgerufen werden: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:hbz:kn28-3-3010.

 

Abbildungen:

Cod. 45, fol. 28r: Initiale B(eatus vir) – Ps 1

Cod. 45, fol. 123r: Initiale D(omine exaudi) – Ps 101 

Cod. 45, fol. 89r: Initiale S(alvum me fac) – Ps 68

Cod. 45, fol. 63v: Initiale D(ixi custodiam) – Ps 38 

Cod. 45, fol. 105v: Initiale E(xultate deo) – Ps 80

 

Ansprechpartner:

Herr Dr. Harald Horst
Telefon: 0049 221 1642 3796 

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