Vom Kloster ins Museum – Das liturgische Psalterium Cod. 260 der Dombibliothek
Für gewöhnlich werden mittelalterliche Handschriften in besonders geschützten Räumen aufbewahrt, um sie auch für kommende Generationen möglichst unversehrt zu bewahren. Zu besonderen Gelegenheiten sind sie jedoch in Ausstellungen zu sehen. So wird dieses Psalterium für ein Prämonstratenserkloster (vielleicht Steinfeld in der Eifel) zurzeit im Museum Schnütgen gezeigt – begleitend zu dessen herausragender Neuerwerbung, einem Psalter-Brevier der Prämonstratenser von Laon.

Die Psalmen sind der vielleicht bekannteste Teil des Alten Testaments, prägen sie doch seit vielen Jahrhunderten die Gebetszeiten kirchlicher Gemeinschaften. Die bis zu 3000 Jahre alten poetischen Texte, die teilweise dem biblischen König David zugeschrieben werden, bringen jede menschliche Erfahrung in das Zwiegespräch mit Gott – neben Liebe, Lob und Dank auch Hass, Not und Verzweiflung (fol. 17v). So wurden sie zur Grundlage des Stundengebets und der gregorianischen Gesänge, die noch heute in vielen Klöstern gepflegt werden. Viele Psalmen wurden von berühmten Komponisten vertont, etwa von Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach oder Felix Mendelssohn Bartholdy. Für seine Kirchenlieder griff auch Martin Luther auf Psalmen zurück – so basiert das Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“ auf Psalm 46.

Im kirchlichen Stundengebet wurden die 150 Psalmen gleichmäßig auf die Gebetszeiten jeweils einer Woche aufgeteilt. Viele mittelalterliche Handschriften enthalten daher nicht nur einfach die Texte dieser Sammlung, sondern ordnen sie mittels verschiedenen Schmuckelementen den liturgischen Zeiten zu und versehen sie mit weiteren Gebeten und Gesängen. So ist auch das Psalterium Cod. 260 der Kölner Dombibliothek durch bunte Initialen gegliedert und für den Gebrauch in der Liturgie eines Klosters eingerichtet worden. Die meisten Wochentage beginnen mit einer historisierten Initiale in Deckfarben, geschmückt von Blattranken und goldbesetzten Randausläufern (fol. 27v). Die Figuren mit ihren großen gebrochenen Falten und den leicht geschlitzten Augen sind charakteristisch für die französische gotische Malerei am Ende des 13. Jahrhunderts, die sich um diese Zeit im Maasland verbreitete. Die spitzen Rankenausläufer mit Goldkugeln finden sich somit in vielen maasländischen Handschriften aus der Zeit um 1280. Nur wenig später wurden sie in Köln von Johannes von Valkenburg (EDDB, Cod. 1001b) und im Klarissenkloster (EDDB, Codd. 149 und 1150) aufgegriffen und meisterlich zu ihrem Höhepunkt gebracht.

Mit Psalm 109 setzen die Vesperpsalmen ein, weniger feierlich markiert durch eine Fleuronnée-Initiale in Blau, Rot und Violett (fol. 81r). Ergänzt werden die Psalmen durch eine Litanei (fol. 116v-118v), Hymnen (120r-137v) sowie Antiphonen und Responsorien, die Psalmen und Lesungen musikalisch rahmen (138r-166v). Am Ende stehen eine Totenvigil und liturgische Formulare für allgemeine Heiligenfeste (167r-211r). Auch in diesen Abschnitten finden sich lediglich Fleuronnée-Initialen in verschiedener Größe und Qualität. Insbesondere die Litanei gibt stichhaltige Hinweise auf den Entstehungsort dieses Psalters: die heiligen Lambertus, Cornelius, Foillan, Remaclus, Trudo und Gertrudis werden besonders in der Diözese Lüttich verehrt. Da sich bei den Hymnen zahlreiche Kölner Heilige wie etwa Gereon finden, geht man davon aus, dass diese Handschrift bald nach ihrer Entstehung in ein Kloster innerhalb des Erzbistums Köln kam, wo sie für die lokalen Belange angepasst wurde.

Hinweise auf ein Prämonstratenserkloster finden sich insbesondere in der historisierten Initiale des ersten Psalms (fol. 1v). Im unteren Teil des „B(eatus vir)“ stellt sie den Harfe spielenden König David als Autor der Psalmen dar, während im oberen Fach ein Mönch in weißem Gewand – mithin ein Prämonstratenser – vor der Gottesmutter mit dem Jesuskind kniet. Das Schriftband mit den Worten Hermani Ioseph salve in seinen Händen weist ihn aus als den heiligen Hermann Joseph von Steinfeld in der Eifel († 1241). Als Kind soll er der Marienstatue in St. Maria im Kapitol regelmäßig Äpfel als Geschenk gebracht haben; seit einer mystischen Vermählung mit der Gottesmutter galt er als „zweiter Joseph“. Seine Verehrung ist allerdings lokal und auf den Prämonstratenserorden beschränkt, so dass die entsprechende Zuordnung dieses Psalteriums als gesichert gelten kann.

Das Museum Schnütgen zeigt seit Mitte Dezember eine in Teilen vergleichbare Neuerwerbung, ein Psalter-Brevier aus Nordfrankreich. Dieses wesentlich kleinere, jedoch weitaus aufwendiger und prachtvoller ausgeschmückte Buch wurde um 1300 für den persönlichen Gebrauch eines Prämonstratensers im Kloster Laon angefertigt. Es handelt sich also ebenfalls um ein für die Liturgie eingerichtetes Psalterium, das allerdings nicht beim Chorgebet, sondern eher auf Reisen verwendet wurde. Sehenswert ist jede einzelne der reich mit Gold belegten Seiten, die daher auch digital auf einem Screen im Museum sowie im Internet zur Verfügung stehen. Die Randausläufer, die in Cod. 260 der Dombibliothek lediglich an die Initialen angesetzt sind (fol. 36v), umrahmen im Psalter-Brevier aus Laon die Seiten oder Spalten fast vollständig.

Insbesondere wimmeln in diesem Psalter-Brevier die Ränder von Drolerien – kleinen, lustigen Figuren, Fantasiewesen und absurden Szenerien, die den in den Psalmen ausgedrückten Glauben mit einer freudigen Prise Humor würzen. Diese finden sich im Kölner Psalterium Cod. 260 noch nicht. Frappierend ist allerdings die Ähnlichkeit in der Ausgestaltung der historisierten Initialen. So finden sich in beiden Handschriften an den gleichen Stellen eine Darstellung von David, der im Angesicht Gottes auf seinen Mund weist (fol. 27v), ein Narr, der in den Spiegel blickt (fol. 36v), David im Wasser und Gott im Firmament (fol. 46r), ein Zimbel spielender David (fol. 57v) oder singende Kleriker vor einem aufgeschlagenen Chorbuch (fol. 69r). In beiden Werkstätten muss es also eine ähnliche Vorlage gegeben haben – oder zumindest das Wissen um tradierte Bildsujets für die Aufteilung liturgisch genutzter Psalterien. Noch bis zum 17. Mai 2026 lassen sich im Museum Schnütgen beide Handschriften nebeneinander sehen, vergleichen und bewundern.