Vier Spalten für ein Halleluja – Das 'Psalterium quadruplex' in Cod. 8
Die Auslegung der Bibel beginnt mit der Textkritik, das wusste man schon im Mittelalter. Erst recht, wenn der Übersetzer gleich drei Versionen davon anfertigte. Und warum nicht quasi nebenbei noch Griechisch als zweite Fremdsprache lernen? Nichts einfacher als das - mit dem vierfachen Psalter!

Die ersten Monate dieses Jahres hatten Psalterien zum Inhalt – ein rein liturgisches (Cod. 209) und eine zwischen Theologie und Liturgie schwankende Mischform (Cod. 45). Cod. 8 der Dombibliothek, der dritte Psalter in dieser Reihe, hat offenbar einen rein wissenschaftlichen oder schulischen Hintergrund. Auf den ersten Blick wirkt er ziemlich merkwürdig: Auf jeder Seite sind die Psalmen in vier Spalten abgeschrieben – und zwar parallel in vier unterschiedlichen Sprachversionen, von denen drei auf den Bibelübersetzer Hieronymus († 420) zurückgehen. Der revidierte zunächst – ab dem Jahr 382 – eine altlateinische Version der Psalmen zum "Psalterium Romanum", fertigte 386/387 dann eine Übersetzung aus der griechischen Fassung an ("Psalterium Gallicanum"), um schließlich 392 noch eine Übertragung aus dem Hebräischen ("Iuxta Hebraeos") anzufertigen. Diese Bezeichnungen wurden auch zu Beginn unserer Abschrift über den ersten drei Spalten nachgetragen (fol. 10r). Kurioserweise ging jedoch nicht die Übersetzung nach dem hebräischen Urtext, sondern das Psalterium Gallicanum in die Vulgata-Version der Bibel ein, die sich ab dem 7. Jahrhundert durchsetzte. Vielleicht steht deshalb der vertraute Text des Gallicanum in der ersten Spalte unserer Handschrift.
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Die vierte Spalte ist mit "Grecum" überschrieben und enthält den griechischen Psalmentext der Septuaginta in lateinischer Transkription. Während die ersten drei Kolumnen wohl dem textgeschichtlichen Vergleich dienten, wurde die vierte vermutlich zum Erlernen der griechischen Sprache (wenngleich ohne ihre Schrift) hinzugefügt (fol. 53v). Trotz der Begeisterung der Kölner für alles Griechische während der Zeit von Kaiserin Theophanu († 991), die bekanntlich in St. Pantaleon bestattet wurde, ist dieser vierfache Psalter keine kölnische Erfindung. Das sogenannte Psalterium quadruplex geht vielmehr auf Salomo III., Bischof von Konstanz und Abt von St. Gallen (amt. 890-919/920), zurück. Das in St. Gallen angefertigte "Urexemplar" dieser Kollektion enthält denn auch ein Widmungsgedicht mit dem Namen des Auftraggebers Salomo und dem Entstehungsjahr 909.

Die St. Gallener Handschrift kam später in das 1015 gegründete Michaelskloster in Bamberg (heute in der Staatsbibliothek Bamberg, Msc. Bibl. 44) und diente dort einer Reihe von Handschriften als Vorlage, die sich erstaunlich genau an ihr Vorbild hielten. Eine der Abschriften ist eben Cod. 8 der Kölner Dombibliothek, der wohl im 2. Viertel des 11. Jahrhunderts in Bamberg entstand. Wie seine Vorlage enthält Cod. 8 zu Beginn die Erläuterungen des hl. Hieronymus zu seinen Übersetzungen und das Widmungsgedicht Salomos III. (fol. 1r-9r); durch den Verlust eines Blattes fehlen ihm davon allerdings die ersten sechs Verse.

Im Anschluss an die Psalmen finden sich die Cantica, also jene Lobgesänge aus dem Alten und Neuen Testament, die in der Liturgie Verwendung finden, ebenfalls in vier verschiedenen Sprachformen (fol. 147v-158v). Vater unser, Apostolisches Glaubensbekenntnis und Te Deum sind je einmal in lateinischer und griechischer Sprache (aber wieder lateinischen Buchstaben) ausgeführt, das Glaubensbekenntnis des Athanasius und weitere Zusätze nur in Latein (fol. 159r-160r). Diese Zusätze stammen alle aus der Liturgie – ein Psalter ohne sie war in einem Kloster offenbar nicht denkbar. Insofern liegt dem "rein wissenschaftlichen" Ansatz des Werkes ein anderes Textverständnis zugrunde als heute.

Aus der Liturgie stammt schließlich auch die Litanei im Anhang (fol. 160v-164v), diesmal zuerst in Griechisch und in griechischen Buchstaben abgeschrieben, dann in der zweiten Spalte auf Latein. Ihre Bitten enthalten lediglich die süddeutschen Heiligen der Vorlage, so etwa die heiligen Emmeram, Otmar und Gallus. Auch die Bitte für den ostfränkischen König Ludwig IV. ("das Kind"), der zur Zeit Bischof Salomos regierte (900-911), wurde unhinterfragt übernommen. Der Text des St. Gallener Exemplars wurde also in Cod. 8 ohne Rücksicht auf lokale Bedürfnisse abgeschrieben, weder mit lokalen Heiligen ergänzt noch sonstwie angepasst – ein deutlicher Hinweis darauf, dass dieses Psalterium trotz seiner aus der Liturgie stammenden Anhänge nie für eine Verwendung in der Liturgie gedacht war.

Der Hintergrund einer solchen Abschrift ist vielmehr tatsächlich in der Textarbeit zu sehen. Sie diente einerseits dem Vergleich verschiedener Übersetzungsvarianten des Psalters, wie ihn auch das schon früher verbreitete Psalterium tripartitum oder triplex (dreifacher Psalter) ermöglichte. Die vierte, griechische Spalte machte daraus eine sogenannte Bilingue, ein Studienbuch zum Erlernen des Griechischen. Diese Sprache wurde im lateinischen Mittelalter durchaus geschätzt, war man sich doch bewusst, dass sie die Ursprache des Neuen Testaments und anderer Teile der Bibel bildete (fol. 159r). Nicht zuletzt die Kreuzesinschrift des Pilatus über "Jesus, den König der Juden" in Hebräisch, Griechisch und Lateinisch (Joh 19,20) machte sie zu einer der drei heiligen Sprachen. Auch wenn das Griechische im Mittelalter "mehr verehrt als studiert" wurde (Walter Berschin), verlor es doch nie seine Attraktivität bei den Lateinern. Die vierfachen Psalterabschriften wie jene in Cod. 8 sind ein bleibender Beweis dafür.