Kein Werk aus einem Guss – Das Graduale für Groß St. Martin (Cod. 1519)
Das großformatige Graduale wurde bei den Benediktinern von Groß St. Martin in Köln geschrieben – der Buchschmuck lässt jedoch verschiedene Malstile erkennen. Einer der Künstler hatte trotz Mönchsgelübden die Welt gesehen: Angeblich war er bis Neufundland gereist, und in Rom soll er mit Raffael die Stanzen des Vatikan ausgemalt haben.

Die aus dem Spätmittelalter erhaltenen Gradualien sind selten das Werk eines einzigen Künstlers oder einer Künstlerin. Die Gregorianischen Gesänge, die im Lauf des Jahres in der hl. Messe vorgetragen wurden, schrieb man auf große Pergamentblätter in einer Schrift, die auch weiter entfernt stehende Sängerinnen und Sänger erkennen konnten. Zur Gliederung wurden nicht nur Zierinitialen in verschiedenen Farben und Größen verwendet. Insbesondere die Gesänge hoher kirchlicher Feste wurden mit großen historisierten Initialen ausgeschmückt, die den Festinhalt durch Figuren oder kleine Szenerien ausdeuteten. In Cod. 1519 etwa umfasst die R-Initiale zum Ostersonntag mit ihrem wuchernden Blumenschmuck im Rahmen fast eine halbe Seite (fol. 112v). Sie zeigt die Auferstehung Christi gemäß der Schilderung des Matthäus-Evangeliums: Während im Vordergrund die Wächter in Ohnmacht fallen oder fliehen, sieht man im Hintergrund noch die drei Kreuze vom Karfreitag sowie die drei Frauen, die sich am Morgen nach dem Sabbat auf den Weg zum Grab machen.

Auf den Maler dieser Initiale wird noch zurückzukommen sein, denn die Entstehung dieser Handschrift ist gut erforscht. Zunächst geben zwei Schreibervermerke am Ende des Codex (p. 96) Auskunft. Demnach schrieb Heinrich von Zonsbeck, Benediktinermönch von Groß St. Martin zu Köln, das Buch im Jahr 1500, zur Zeit des Abtes Heinrich von Lippe. In einem darüber platzierten Nachtrag informiert der Mönch Isaac Elaudt, dass er im Auftrag von Abt Jakob Schorn im Jahr 1655 den Inhalt des Chorbuchs an den römischen Ritus angepasst habe. Das Graduale war also noch lange nach seiner Anfertigung in Groß St. Martin in Gebrauch. Auf einen möglichen, noch nicht identifizierten Stifter weisen die Wappen der Stadt Köln und des Hauses Jülich-Geldern am unteren Rand der ersten Seite hin (fol. 1r).

Aus der Hand des Schreibers Heinrich von Zonsbeck stammen sicher auch die einfacheren, mit der Feder gezeichneten Zierinitialen, das heißt die blauen und roten Lombarden und Fleuronnée-Initialen sowie die schwarzen Cadellen. Der Deckfarbenschmuck dagegen wurde erkennbar von mindestens zwei Buchmalern ausgeführt. Einer davon hieß nach Aussagen eines Zeitgenossen Johannes Ruysch, der wohl auch die Weihnachtsminiatur ausführte (fol. 17v). Ruysch stammte aus Utrecht und legte 1492 in Groß St. Martin seine Mönchsgelübde ab, wo er zunächst als theologischer Schriftsteller, Astronom, Maler und Kupferstecher wirkte. Unter Abt Heinrich von Lippe (und sicher nach Ausschmückung des Graduales) floh er jedoch aus dem Kloster und soll über Portugal bis Neufundland gekommen sein. Schließlich lebte er längere Zeit in Rom, wo er mit Raffael in den Stanzen des Vatikan gemalt haben soll. Am Ende seines Lebens kehrte er wieder nach Groß St. Martin zurück, wo er 1533 starb.

Der Stil des Johannes Ruysch zeigt eher kölnische als niederländische Einflüsse – möglicherweise hatte er das Malen in einem anderen Kölner Kloster, vielleicht in St. Pantaleon, gelernt. Ihm werden fünf historisierte Initialen zugeschrieben, darunter die bereits gezeigten auf fol. 1r, 17v und 112v. Außerdem belegen sechs Ornamentinitialen aus seiner Hand – beispielhaft hier ein E aus farbigen Blattranken auf goldenem Grund (fol. 175r) –seine große Meisterschaft.

Vier weitere Schmuckinitialen und fünf historisierte Initialen dagegen stammen aus anderer Hand: Sie werden einem oder mehreren Künstlern aus der „Werkstatt des Meisters der schwarzen Augen“ zugeschrieben. Diese niederländische Künstlergruppe wirkte vor allem an Stundenbüchern mit. Von ihnen stammt etwa der Buchschmuck in Cod. 1117 der Diözesanbibliothek, der wohl ebenfalls von Heinrich von Zonsbeck in Groß St. Martin geschrieben wurde. Eine große Ähnlichkeit in der Darstellung weisen etwa die Pfingstdarstellung in Cod. 1519, fol. 133v bzw. Cod. 1117, fol. 81v auf. Der Heilige Geist schwebt hier in Gestalt einer Taube über Maria und den Jüngern in einem grau-schwarz getönten Kirchenraum. Bis in die Details gleichen sich die Gesichter, Körperhaltungen und Gewänder der dargestellten Personen.

Die Schmuckinitialen dieser niederländischen Wandermaler spiegeln die Vorlieben der Zeit wider. Streublumenrahmen und Buchstabenfüllungen mit naturalistischen, detailreichen Darstellungen von Pflanzen und Tieren verweisen auf die Gent-Brügger Einflüsse in der Gruppe (fol. 141v). Neben traditionellen Goldrispen und Goldkugeln macht sich jedoch auch der neu aufgekommene Trend zur Groteskenmalerei bemerkbar, besonders in der ast- und blattartigen Ausgestaltung der verzierten Initialbuchstaben (z.B. fol. 175r). Ihre meisterliche Vollendung fand diese Kunst allerdings erst in dem 1531 entstandenen Graduale Cod. 274, das in dieser Kolumne im Dezember 2023 vorgestellt wurde.