[zurück]Der Volksverein für das katholische DeutschlandAufsatz anlässlich der Ausstellung des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Mönchengladbach in der Diözesan- und Dombibliothek Köln, 08. - 26. Juli 1991
Quelle: Renovatio, 46. Jahrgang 1990, S. 119-126 Autor: Wolfgang Löhr Am 1.Juli 1933 ließ ein dafür aus Berlin angereister Sonderstaatsanwalt 12 Personen in Mönchengladbach in sogenannte Schutzhaft nehmen. Es waren Mitarbeiter des Volksvereins für das katholische Deutschland, unter ihnen der spätere Aachener Bischof, Johannes Joseph van der Velden, der, wie es im Polizeiprotokoll heißt, "aus Rücksicht auf seinen geistlichen Beruf ... im Volksvereinshause in Zimmerhaft genommen wurde". Für die Nationalsozialisten stand fest, daß der Volksverein gegen sie eingestellt gewesen war, und der Staatsbauftragte zur Verwaltung des Volksvereinsvermögens hielt es 2 Wochen später für selbstverständlich, daß man die "kriminelle Korruption" des Volksvereins und seiner führenden Köpfe bald erweisen würde. Aber im Dezember des gleichen Jahres endete ein von den Nationalsozialisten betriebener Prozeß vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Mönchengladbach gegen den renommierten Pionier der Röntgenkunde Friedrich Dessauer und den Geschäftsführer der Frankfurter Carolus-Druckerei Josef Knecht, die den ebenfalls angeklagten Geschäftsführer des Volksvereinverlags Wilhelm Hohn zur Untreue angestiftet haben sollten, mit einem Freispruch. Das hinderte freilich den nationalsozialistischen Unrechtsstaat nicht daran, das gesamte Vermögen des Volksvereins einzuziehen und sein Verwaltungsgebäude als "Nationalsozialistisches Volkshaus" zu übernehmen. Eine weitere Blamage wollten die Nationalsozialisten jedoch vermeiden. Deshalb ließen sie ein Verfahren - der große Volksvereinsprozeß genannt -gegen den bereits erwähnten Johannes Joseph van der Velden, den ehemaligen Reichskanzler Wilhelm Marx, den ehemaligen Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns und andere 1935 einstellen. Treffen wollten die neuen Machthaber mit solchen Maßnahmen den ihnen verhaßten Verbandskatholizismus, der sie in der sogenannten Kampfzeit heftig befehdet hatte. Ihn galt es in einem Schauprozeß zu diskreditieren. Richtig war, daß der Volksvereinsverlag 1930 mit seinen Gläubigern einen Vergleich schließen mußte, um den finanziellen Zusammenbruch abzuwehren, und richtig war es ferner, daß die Hausbank des Verlags Konkurs anmeldete und leitende Angestellte der Bank 1932 wegen Betrugs verurteilt worden waren. "Obwohl die Unterbilanz von 1,6 Millionen", so urteilt Emil Ritter nach dem 2. Weltkrieg, "nicht allein durch die Kreditgabe an den Volksvereinsverlag verursacht worden war, entlud sich die leidenschaftliche Erbitterung der geschädigten Gewerbetreibenden gegen die Organisation, die Mönchengladbach Weltruf verschafft hatte." Was war dies für eine Organisation, was machte ihren Weltruf aus? Der Volksverein entstand vor hundert Jahren auf Initiative des einflußreichen Präsidenten des Rheinischen Bauernvereins Felix von Loe, dem ein katholischer Zentralverein vorschwebte, dessen Hauptaufgabe die publizistische Auseinandersetzung mit dem 1886 gegründeten Evangelischen Bund sein sollte, der in scharfem Ton die Katholiken als ultramontane Befehlsempfänger verunglimpfte. Die Bischöfe von Köln und Trier, Philippus Krementz und Felix Korum, waren zunächst dagegen, weil wie Korum meinte, durch einen solchen Bund den Katholiken Norddeutschlands Unannehmlich keiten entstünden. Doch Loe ließ nicht locker und gewann dann doch die beiden Bischöfe für sich, die jetzt dem Verein zustimmten, der in kleinen preisgünstigen Broschüren die Geschichte der Verfolgung der Katholiken durch die Protestanten publik machen sollte. In einem unter Leitung des Fürsten Karl zu Löwenstein einberufenen Gremium zur Gründung des besagten Vereins setzte sich jedoch der aus Mönchengladbach stammende Fabrikant Franz Brandts, Vorsitzender des Verbands Arbeiterwohl, durch, der in Abstimmung mit Ludwig Windthorst, dem unbestritten führendem Kopf der Zentrumspartei, und unter Beratung des jungen Geistlichen Franz Hitze einen sozialpolitischen Verein aus der Taufe hob, der den Namen Volksverein für das katholische Deutschland erhielt. Im ersten Paragraphen der Vereinssatzung wurde festgelegt, daß der neue Verband den "schweren Irrtümern und bedenklichen Umsturzplänen", die überall in Erscheinung träten und "die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung in ihren Grundlagen" be drohten - dabei wurde die Sozialdemokratie ausdrücklich genannt -,"mit vereinter und fest organisierter Kraft furcht los entgegentreten" sollte. Die Intention eines zentralen Massenvereins wurde zwar ausdrücklich bejaht, doch blieb die antisozialistische Tendenz im Vordergrund. Brandts hatte sogar vergeblich dafür gestritten, die Bekämpfung der Sozialdemokratie in den Vereinsnamen aufzunehmen. In der dann gewählten neutralen Bezeichnung "Volksverein für das katholische Deutschland" sollte zum Ausdruck kommen, daß die neue Organisation ein Massenverein für die Katholiken Deutschlands sein sollte. Volk, das war, um mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu reden, eine Vokabel aus dem katholischen Sprachspiel. Das Wort war damals noch nicht ideologisch belastet. Einen Auspruch, wie ihn die DDP Reichstagsabgeordnete Gertrud Bäumer in den 20er Jahren tat, als sie Volk fast blasphemisch als "corpus mysticum der nationalen Gemeinschaft", das aus "Blut und Geschichte" geboren sei, bezeichnete, hätte 1890 niemand der führenden Katholiken bejaht. Sie verstanden unter Volk ganz naiv eine große Zahl von Menschen. Es steckte darin aber auch eine Absage an irgendeinen Elitekatholizismus. Wie weit damals schon darin ein Bekenntnis zur Verantwortung der Laien gesehen wurde, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Gerade letzteres bestimmte jedoch im Lauf der Jahre die Geschichte des Verbandes, und Ludwig Windthorst hatte bereits im sogenannten Septennatsstreit um den Heeresetat 1886/87 die politische Autonomie der katholischen Laien gegenüber der Kurie und Mitgliedern des deutschen Episkopats hervorgehoben. Die Ablehnung Windthorsts, Brandts und Hitzes, den Evangelischen Bund ins Visier zu nehmen und statt dessen die Sozialpolitik zu betonen, war schließlich auch ein Fingerzeig dafür, aus dem katholischen Ghetto ausbrechen zu wollen. Ein Ghetto, das, wie die Untersuchungen des Schweizer Zeithistorikers Urs Altermatt ergeben haben, die Katholiken zum Sammeln der Kräfte gewählt hatten, um sich der modernen Welt später zu stellen. Franz Brandts hatte sich Zeit seines Lebens zur Industrialisierung und zur liberalen Wirtschaftsordnung bekannt und nie die Idee gestützt, die vergangene Agrargesellschaft, die große Teile der Katholiken geprägt hatte, wiederherzustellen. Auch mit einer Erneuerung des mittelalterlichen Ständewesens in moderner Form, wie sie der Freiherr Karl von Vogelsang propagierte, der den Kapitalismus für unvereinbar mit dem Christentum erklärte, konnte Brandts nichts anfangen. Statt dessen bejahte er den industriellen Fortschritt, wobei er schon früh auf eine Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer setzte und seinen Arbeitern den gerechten Anteil am Gewinn zu geben versuchte. Die Zielsetzung des Volksvereins erwies sich sofort als erfolgreich. Mit einem dichten, über das ganze Reich gezogenen Netz von Vertrauensmännern, Geschäftsführern, Bezirks- und Landesvertretern sprach er vornehmlich die katholischen Arbeiter an, schulte sie in Versammlungen, sozialpolitischen Kursen und Konferenzen und hielt sie durch seine Publikationen in ständigem Kontakt mit der Zentrale, die in Mönchengladbach aufgebaut wurde. Dort wirkte der als Vorsitzende gewählte Franz Brandt, der mit seinem Verband Arbeiterwohl schon bewiesen hatte, daß er für die mit der Industrialisierung hervorgerufenen Nöte der Arbeiter ein offenes Ohr hatte. Er wie auch sein Amanuensis Franz Hitze waren zwar zunächst noch von patriarchalischen Vorstellungen ausgegangen, doch akzeptierten sie nach und nach den Arbeiter als Mitspieler und sahen in ihm nicht mehr ein der Fürsorge bedürftiges Kind. Das schlug sich auch im Volksverein nieder. Nach einem Jahr hatte der Verein schon über 100 000 Mitglieder und nahm weiterhin, auf die Länge der Zeit gesehen, schnell zu. Am Vorabend des 1. Weltkrieges erreichte er über 8000.000 Mitglieder. Zum Vergleich: die Sozialdemokratie brachte es damals auf etwas über eine Million Mitglieder.
Was Urs Altermatt für die Schweiz festgestellt hat,
gilt cum grano salis auch für das katholische
Deutschland: Zunächst erstaunlich erscheint es, daß dieser
Laienverein zu Beginn seine Organisation und auch seine
intellektuelle Lenkung weitgehend Klerikern überließ,
von denen viele volkswirtschaftliche Autodidakten waren.
Doch wurde durch die Berufung von Männern wie Franz
Hitze, August Pieper, Wilhelm Hohn, Heinrich Brauns,
Anton Heinen, Carl Sonnenschein und Ludwig Nieder der
Eindruck vermieden, der Verein setze sich bewußt vom
Klerus ab. Daß es nicht so kam, verdankte der Volksverein vor
allem dem Kölner Kardinal Antonius Fischer, der ihn
unter seine schützenden Fittiche nahm. Oswald von Nell-Breuning
hat 1972 den Gewerkschaftsstreit als "eines der
traurigsten und beschämendsten Ereignisse der deutschen
Kirchengeschichte" bezeichnet. Sicherlich haben die
beiden besagten Bischöfe dadurch Vertrauen bei den
Arbeitern verloren. Ob sie dadurch aber auch Anhänger
verloren haben, wie von Nell-Breuning meint, ist fraglich,
da beim Volksverein kein Einbruch bei den
Mitgliederzahlen zu bemerken ist. Wir dürfen übrigens den Gewerkschaftsstreit, bei dem es eher ums Prinzip ging, Evangelische traten kaum bei, nicht isoliert sehen. Er steht im Zusammenhang mit anderen Fehden im deutschen Katholizismus wie etwa dem Literaturstreit, dem Zentrumsstreit, dem Reformkatholizismus, die sich alle um die Frage-drehten, "ob Kultur, Politik, Sozialordnung oder Wirtschaft, auch unmittelbar vom Glauben her zu ordnen" seien, wie es Klaus Schatz formuliert hat. Es ist verwunderlich, daß die Änderungen der Vereinssatzung im Jahre 1906, die die antisozialistische Komponente des Vereinsauftrags strich, nicht ähnliche Reaktionen wie im Gewerkschaftsstreit hervorgerufen hat. Wie Heinz Hürten bemerkt hat, betrachtete sich der Verein von nun an als "Generalstab aller katholischen Vereine". Zweck sollte sein "die Förderung der christlichen Ordnung in der Gesellschaft, insbesondere die Belehrung des deutschen Volkes über die aus der neuzeitlichen Entwicklung erwachsenen sozialen Aufgaben und die Schulung zur praktischen Mitarbeit an der geistigen und wirtschaflichen Hebung aller Berufsstände." Mitarbeit, das bedeutete nicht anderes als Akzeptanz der durch die industrielle Revolution veränderten Lebensumstände. Die vom Volksverein begonnene pädagogische und
publizistische Tätigkeit, die nun ganz in den
Mittelpunkt rückte, hat große Teile der deutschen
Katholiken, nicht nur die Arbeiter, erreicht. Bis 1918
hat der Verein z.B. über 95 Millionen Flugblätter
verteilt; außerdem eine Fülle von Zeitschriften
verschiedenen Niveaus und Zeitungen, darunter die
Westdeutsche Arbeiterzeitung, selbst herausgebracht und
redigiert. Der Akademiker, insbesondere der Studenten, nahm sich Carl Sonnenschein an. Er wollte die Studenten mit der Arbeitswelt vertraut machen und die Kluft zwischen ihnen und den Arbeitern überwinden helfen. Bei der Erwachsenenbildung setzte der Volksverein auf
moderne Hilfsmittel. Im Jahre 1910 richtete er die
sogenannte "Lichtbilderei" ein, die neben
Bildserien auch Kinofilme ankaufte und produzieren ließ.
Bereits ein Jahr nach der Gründung bot sie schon 600
Filme an und verlieh auch Apparate und sonstiges Zubehör
für Filmvorführungen. Von Anfang an baute der Verein eine eigene Bibliothek auf, die bewußt auch die Literatur der sozialpolitischen Gegner sammelte und schließlich auf 94 000 Bände anwuchs, die ausgeliehen und aus denen Auskünfte erteilt wurden. Die ebenfalls von der Gründung an bestehende Soziale Auskunfts stelle beantwortete jährlich etwa 3000 Anfragen. Die Hinwendung zum allgemeinen Katholikenverein, zum katholischen Dachverein ab 1906 ging nicht ohne Friktionen ab. Als 1908 durch Reichsgesetz auch den Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinigungen möglich wurde, versuchte der Volksverein bei den Frauen für seine Ziele zu werben. Dazu entstand die Zeitschrift "Die Frau im Volksverein". Doch der katholische Frauenbund, der schon seit einigen Jahren bestand, fühlte sich dadurch in seiner Existenz bedroht. Der Volksverein mußte zurückstecken. So etwas wie ein "katholisches Festungsdreieck" aus Volksverein, Frauenbund und katholischer Partei, wie es die Schweiz kannte, ist daher in Deutschland nie entstanden. Nur die enge Verbindung zwischen Volksverein und Zentrum nahm ähnliche Formen wie in unserem Nachbarland an. Führende Köpfe des Vereins saßen in den Parlamenten, und Franz Hitze war einer der entscheidenden Sozialpolitiker der Par tei. Gelegentlich auftauchende Kontroversen, etwa zwischen Hitze und Georg von Herteling über die Frage, wie weit der Staat die Wirtschaft lenken dürfe, haben dabei nie ein großes Echo gefunden. Das, was man damals Sozialreform und später soziale Partnerschaft genannt hat, blieb unangefochten. Der Einklang zwischen Verein und Partei war selbstverständlich. Das Zentrum verzichtete deshalb auch auf eigene Schulungseinrichtungen, um dem Verein keine Konkurenz zu machen. Das wurde 1918 anders. Für den katholischen Arbeiter bot der Verein zweierlei: So Dieser Aderlaß belastete den Volksverein schwer.
Aber die eigentliche Krise war eine Identitätskrise. Für
die Parität der Katholiken in Staat und Gesellschaft mußte
nicht mehr in gleicher Weise wie vor 1918 gestritten
werden, nachdem man selbst zu einer der tragenden Säulen
des neuen Staates geworden war. Unter dem letzen Generaldirektor Johannes Joseph van der Velden, der 1929 die Leitung übernahm, begann der Volksverein, der auch noch in finanzielle Turbulenzen geraten war, dennoch wieder Tritt zu fassen. Van der Veldens an die Enzyklika Quadragesimo anno anklingendes Programm
schien anzukommen. Wie weit seine Absicht, "Führerschulung"
und "Wiedererweckung der breiten Volkmassen",
miteinander in Einklang zu bringen war, ist nicht zu
beantworten, da der Volksverein unter den
Nationalsozialisten unterging. So muß auch die Frage
dahingestellt bleiben, ob die Einbeziehung des
Volksvereins in die sogenannte katholische Aktion und
damit stärkere Anbindung an den Episkopat lange tragfähig
gewesen wäre. Der Volksverein ist nach 1945 trotz Fürsprache etwa Konrad Adenauers nicht mehr wiederbelebt worden. Das hatte vielerlei Gründe. Wenn wir uns heute an den Volksverein erinnern, so dürfen wir ihn als den gelungenen Versuch feiern, die katholischen Arbeiter aus ihrer Unmündigkeit und die Katholiken aus ihrem Inferioritätsgefühl befreit und den Weg aus dem Exil in die Moderne gewiesen zu haben. Literaturhinweis: U. Altermatt, Katholizismus und Moderne, Zürich 1989; Quelle: Renovatio, 46. Jahrgang 1990, S. 119-126 |
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