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Das Lob Gottes im Rheinland

Prof. Dr. Siegfried Schmidt: Einführung in die Ausstellung

Vortrag, gehalten anlässlich der Ausstellungseröffnung am 6. März 2002

Eminenz, sehr geehrter Herr Domprobst, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

Mit der heutigen Ausstellung, die ich Ihnen nun einführend vorstellen möchte, unternimmt die Diözesan- und Dombibliothek den bescheidenen Versuch, im Rahmen der – allein schon durch den Raum und durch die Anzahl der Flach- und Hochvitrinen – begrenzten Möglichkeiten und ausschließlich unter Rückgriff auf Handschriften und alte Drucke aus eigenen Beständen mehr als 1000 Jahre liturgiegeschichtliche Traditionen und Praktiken im Rheinland, insbesondere in der alten Erzdiözese Köln, zu verlebendigen.

Denn nur dadurch, dass historische Buchbestände – und hier zähle ich die Handschriften ausdrücklich hinzu – immer wieder in einem fachwissenschaftlich orientierten Kontext gestellt, präsentiert und beschrieben werden, wird ihnen der Charakter der rein musealen Schaustücke oder der zwar allein schon aus Ehrfurcht vor dem hohen Alter schützenswerten, für die Gegenwart aber letztlich bedeutungslosen Objekte genommen.

Es ist eine zentrale Aufgabe dieser Bibliothek, den geerbten, wertvollen Schatz an Literatur wissenschaftlich zu bearbeiten. Eine Ausstellung wie diese, gleichwohl sie nur marginal auf eigenen Forschungen und Erkenntnissen beruht, sondern sich in den Beschreibungen und Erläuterungen im wesentlichen auf die zahlreich verfügbare Sekundärliteratur stützt, vermag vielleicht aber dennoch den einen oder anderen Anstoß für ein weiteres Nachdenken über die hier angesprochenen Themen geben, wird doch das einzelne zu anderem in Beziehung gesetzt und gleichsam in eine neue Ordnung gebracht.

Aus diesem Grunde wurde auch unter Mitwirkung zahlreicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek ein Katalog erarbeitet, in dem die einzelnen Schaustücke nicht nur zum Teil ausführlicher als in der Vitrinenpräsentation beschrieben, sondern auch durch einen umfangreicheren verbindenden Begleittext zu den Themenkreisen der Ausstellung in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet werden. Als kleines Dankeschön für Ihr Kommen am heutigen Abend und Ihr Interesse an unserer Ausstellung händigen Ihnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek gleich im Foyer ein persönliches Gratis-Exemplar des Kataloges aus.

Zugleich greift die Diözesan- und Dombibliothek nicht irgend einThema auf, sondern sie kehrt mit dem "Lob Gottes" quasi zu den Wurzeln ihrer über 1000-jährigen Geschichte zurück. Stehen doch im ältesten, 833 niedergeschriebenen Bestandsverzeichnis der Dombibliothek liturgische Handschriften an zweiter Stelle von insgesamt elf Sachgruppen. Sie folgen den Gesamt- und Teilausgaben der biblischen Bücher und gehen den zahlreichen Texten der Kirchenväter voran.

Innerhalb der Gruppe der biblischen Bücher gab es damals – folgt man dieser Quelle – nur eine Vollbibel, aber nicht weniger als acht Evangeliare und unter den liturgischen Schriften ähnlich viele Lektionare und Antiphonare. Für eine Kathedralbibliothek in karolingischer Zeit, die sicher schon allein aus Gründen der äußersten Kostspieligkeit und des immensen Beschaffungsaufwandes des Gebrauchsgutes "Handschrift" eine in viel stärkerem Maße bedarfsbezogene Sammlung darstellte, als man das gemeinhin über heutige Bibliotheksbestände sagen kann, wird damit eindrucksvoll der außerordentlich hohe Stellenwert der Liturgie, der Feier des Gottesdienstes in der täglichen Glaubenspraxis unterstrichen.

Das primäre Gliederungsprinzip dieser Ausstellung ist ein Chronologisches:

Ein erster Abschnitt widmet sich den Liturgieformen der christlichen Gemeinden des Rheinlandes im frühen Mittelalter. Die ältesten, hier gezeigten Handschriften aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts sind zu einer Zeit entstanden, als im Rheinland, wie überall im Frankenreich die römische Liturgie bereits vorherrschend war. Zugleich wurden aber bei näherem Hinsehen auch noch Lokalvarianten gepflegt, die als Erbe der gallikanischen Liturgie angesehen werden können, welche für die Christen am Rhein in den ersten Jahrhunderten wohl bestimmend war.

In einem zweiten Abschnitt wird Kölns Liturgie im Hoch- und Spätmittelalter vorgestellt, wobei noch einmal zwischen der Pontifikal- und Kathedralliturgie einerseits und der Feier des Gottesdienstes der Stifte, Klöster und Pfarreien andererseits unterschieden wird. Erstere entwickelte alleine schon aufgrund der herausgehobenen Stellung der Metropolitankirche manche Eigenformen. Letztere sind stellvertretend für die Vielzahl nicht-bischöflicher und nicht auf die Bischofskirche am Ort gebundener Gottesdienste durch vier Handschriften in einer knappen Auswahl repräsentiert: durch den Liber ordinarius des Sankt-Gereon-Stiftes, der vornehmsten Kölner Kollegiatskirche, durch zwei spätmittelalterliche Messbücher aus der untergegangenen Kölner Stadtpfarrei Sankt Laurenz und durch ein Kölner Messbuch aus einer Landpfarrei (Ripsdorf) in der Eifel.

Mit dem dritten Abschnitt rückt neben der chronologischen Darbietung ein inhaltliches Grundanliegen dieser Ausstellung in den Vordergrund: Auch wenn es eine "Kölnische Liturgie" i.e.S. nie gegeben hat, so liegt ein besonderer Reiz der Ausstellung dennoch im Aufspüren und Hinweisen auf lokale kölnische Variationen und Besonderheiten auf dem Hintergrund der römischen Liturgie.
Exemplarisch wird dies an den neuen Ideenfesten des Mittelalters, Dreifaltigkeit und Fronleichnam, verdeutlicht. Diese fanden ausgehend von dem den Rheinlanden benachbarten Entstehungsraum Nordfrankreich bzw. Wallonien schon früh in der Stadt Köln Einzug.

Auch der letzte, zehnte Abschnitt dieser Ausstellung folgt der gleichen Intention: hier wird abschließend noch einmal in einem großen zeitlichen Querschnitt mittels einer Handschrift aus dem 10. Jahrhundert, einer Inkunabel (der berühmten Koelhoff'schen Chronik) und vier weiteren, bis in die Gegenwart hineinreichenden Meßbüchern auf die früher noch zahlreicheren Eigenfeste der Kölner Kirche verwiesen. Dabei finden nicht nur die liturgisch exklusiv in der gesamten Erzdiözese verehrten Heiligen Erwähnung, Vielmehr werden auch solche Eigenfeste angesprochen, deren Feier sich im Laufe der Zeit in andere Diözesen innerhalb und außerhalb der Kölner Kirchenprovinz ausgebreitet hat oder die nur an einzelnen Kirchen oder Orten innerhalb des Erzbistums im besonderen gepflegt wurden.

Doch kehren wir nun noch einmal zu den weiteren, noch nicht erwähnten Teilen der Ausstellung zurück.

Im vierten Abschnitt wird mit dem Topos Volksfrömmigkeit ein weiterer, die Ausstellung bestimmender inhaltlicher Aspekt thematisiert, der so bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist: Bis in das späte Mittelalter hinein kann man davon ausgehen, dass Liturgie und Volksfrömmigkeit noch nicht in neuzeitlicher Weise von einander getrennt waren. Es werden aber für diese Zeit erstmals mit größerer Deutlichkeit liturgische und außerhalb der eigentlichen Liturgie liegende Formen des Gotteslobes fassbar, die unter besonderer Teilhabe und Anteilnahme der Bevölkerung gefeiert wurden.
Auf die befreiende Wirkung der Fronleichnamsprozession , mit der sich die Christen der Gegenwart Gottes vergewissern und zugleich ihre Erlösungsfreude zum Ausdruck bringen können, sei kurz hingewiesen. Das Rosenkranzgebet und der Kreuzweg sind zwei Andachtsformen von höchster spiritueller Bedeutung, durch die europaweit eine neue Frömmigkeitswelt entstand. Am Beispiel des Kreuzweges weist diese Ausstellung darauf hin, dass der zeitliche Verlauf der Durchsetzung dieser Formen große regionale Unterschiede aufweist. Im Rheinland hatte es diese Gebetsform gegenüber der populären Andachtsform der Sieben Fußfälle bis in das 18. Jahrhundert hinein schwer. Zwei äußerlich unscheinbare, kleine, für den privaten Gebrauch bestimmte Andachtsbüchlein aus dem frühen 18. Jahrhundert liegen stellvertretend in den Vitrinen aus.

Auch die zahlreichen, zunächst vor allem wohl im städtischen Raum ab dem 14. Jahrhundert aktiven Bruderschaften dürfen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Die ausliegende Handschrift mit den Statuten der vornehmen Ursulabruderschaft der Kölner Patrizier aus dem Jahre 1360 weist zudem auf eine zentrale Entstehungslinie dieser Gebetsverbrüderungen hin. Das kollektive Trauma der großen Pestepidemie, die Europa um die Mitte des 14. Jahrhunderts heimsuchte und innerhalb weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung hinweg raffte, gab dem Totengedenken für die Überlebenden einen ganz neuen Stellenwert.

Schließlich ist das volkssprachliche Kirchenlied von nicht zu unterschätzender Bedeutung sowohl für die Feier der Liturgie als auch für die Festigung der Volksfrömmigkeit. Die gegenreformatorischen Bestrebungen einzelner Seelsorger, durch die Pflege des gottesdienstlichen Volksgesanges die Laien stärker in das Gotteslob der Kirche einzubeziehen, werden auf zwei herausragende Persönlichkeiten der Kölner Diözese fokussiert, denen diese Ausstellung einen eigenen Abschnitt widmet: Kaspar Ulenberg und Friedrich Spee von Langenfeld.

Ein wenig aus dem sonstigen Rahmen fällt vielleicht auch der sechste Teil der Ausstellung, den ich aber dennoch Ihrer besonderen Aufmerksamkeit empfehlen möchte. Lange bevor der neuzeitliche Begriff Liturgiewissenschaft geprägt wurde, gab es bereits eine wissenschaftlich fundierte, historisch-philologisch bzw. theologisch gestützte Reflexion über liturgische Texte und Handlungen. Im Kölner Sprengel erreichte diese frühneuzeitliche Liturgiewissenschaft im 16. Jahrhundert ein bemerkenswert hohes Niveau. Ein herausragender Forscher auf diesem Gebiet war der in Flandern geborene, während seiner Hauptschaffensperiode in Köln lebende Georg Cassander, der allein durch drei Exponate vertreten ist. Weiterhin finden Sie in diesem Abschnitt Schriften von Johannes Gropper und Cornelius Schulting.

In den Abschnitten 5, 7 und 9 geht es wieder im Kern darum, die historischen Entwicklungslinien des Gotteslobes im Rheinland aufzuzeigen:
Die Erfindung des Buchdrucks um die Mitte des 15. Jahrhunderts bot den Diözesen die Chance, korrekte liturgische Bücher zu erstellen und in so großer Zahl zu verbreiten, dass der gesamte Klerus mit einheitlichen Messbüchern, Brevieren und Ritualien ausgestattet war. Natürlich geschah das nicht von heute auf morgen, und Handschriften waren durchaus weiter eine übliche Publikationsform für Liturgica. Dennoch entstand sehr bald ein großer Markt für gedruckte Liturgica, gleichwohl frühe Publikationen häufig noch nicht durch kirchliche Behörden autorisiert waren.

In Abschnitt 5 werden einige der zahlreichen frühen, auf die Erzdiözese Köln bezogenen liturgischen Drucke gezeigt, darunter das erste, von Ludwig von Renchen, wohl 1482 in Köln gedruckte Kölner Rituale und die zweite und dritte Inkunabelausgabe des Kölner Missale aus den Jahren 1487 und 1498. Ein herausragendes Beispiel um die Bemühungen für eine Neufassung und die Vereinheitlichung liturgischer Texte ist die Agenda Coloniensis aus dem Jahre 1614.
Dieser ist unter der Ziffer 7 ein eigener Ausstellungsabschnitt gewidmet.

Die in Abschnitt 9 liegenden Drucke weisen darauf hin, dass gut 150 Jahre später, in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, die damaligen Kölner Erzbischöfe durch eine gewisse Romferne gekennzeichnet waren, welche sich auch in manchen, durch sie approbierten Publikationen niederschlug. Sie waren beeinflust durch den Zeitgeist der katholischen Aufklärung, welcher Nützlichkeitsdenken und Wirtschaftlichkeitsstreben förderte, durch die von Frankreich ausstrahlende neogallikanische Liturgiereform und durch andere geistesgeschichtliche Strömungen der Zeit. Insbesondere das gezeigte, 1780 unter Erzbischof Max Friedrich edierte Kölnische Brevier geht hier eigene Wege.

Zeitlich endet diese Ausstellung mit dem Untergang des alten Erzbistums Köln an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Es hätte den Rahmen des Möglichen gesprengt, wären auch zusätzlich noch die liturgiegeschichtlichen Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte betrachtet worden. Wohl gibt der Katalog in seinem Textteil einen kurzen Ausblick auf die Bewahrung des liturgischen Erbes und auf den Neubeginn nach der 1821 erfolgten Wiederrichtung unseres Erzbistums.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihnen durch meine Einführung die Handschriften und alten Drucke – teils kostbare, teils aber auch unscheinbare Stücke - , die wir im Rahmen unserer Ausstellung "Das Lob Gottes im Rheinland" zeigen, ein wenig nahe zu bringen und innerlich zu erschließen. Ich möchte Ihre Geduld und Zeit nun nicht länger beanspruchen und darf Sie jetzt ganz herzlich einladen, das, was wir ausgewählt, beschrieben und inhaltlich zusammengetragen haben, im Rahmen unserer Ausstellungseröffnung zu betrachten und darüber mit anderen Gästen ins Gespräch zu kommen.

Für einen angenehmen äußeren Rahmen wollen wir dabei durch ein Glas Wein und andere Getränke sorgen.


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[ Letzte Änderung : 12.03.2002]
© Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln 2002
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