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Anton Josef Binterim - Leben und Werk

von Werner Wessel

Inhaltsverzeichnis
  1. Geburt und Jugend in Düsseldorf
  2. Eintritt in den Franziskanerorden in Düren, Priesterweihe in Deutz
  3. Säkularkleriker und Pastor in Bilk
  4. Sein Opus als Kirchenhistoriker
  5. Binterim im Mischehenstreit
  6. Kampf gegen die Hermesianer
  7. Der Konflikt mit dem preußischen Staat
  8. Binterim und die Kölner Erzbischöfe
  9. Leben und Werk im Urteil seiner Zeitgenossen und der Nachwelt

1. Geburt und Jugend in Düsseldorf

Mit der Stadt Düsseldorf war Binterim von Anfang bis Ende seines Lebens eng verbunden. Am 9. September 1779 wurde Anton Josef Binterim dort als Sohn des Schneidermeisters Johann Peter Binterim geboren. Seine Mutter, Maria Barbara Binterim, die zweite Ehefrau seines Vaters, trug den Geburtsnamen Botens, der in verschiedenen Schreibungen überliefert ist. Schon am Tag nach seiner Geburt wurde er in der Düsseldorfer Liebfrauenkirche – heute Lambertuskirche (damals noch mit dem Patrozinium Beatae Mariae Virginis) – getauft. Er erhielt dabei drei Vornamen, dem Doppelnamen "Anton Josef" wurde "Georg" vorangestellt, der Name eines der Paten, Georg Hoffmann, über den wir sonst nichts wissen. Binterim hat diesen Vornamen später nicht geführt. Er stammte aus einfachen, aber keineswegs eigentlich ärmlichen Verhältnissen. Das nicht gerade große Haus seiner Eltern im Zentrum Düsseldorfs, Hunsrückenstraße 43 mit dem Hausnamen "Zum Füchschen", war Eigentum der Familie, vermutlich eine Hinterlassenschaft der ersten Ehefrau seines Vaters, Anna Barbara Hillenbrands, die am 4. Februar 1768 verstorben war. Anton Josefs Eltern waren beide gebürtige Düsseldorfer wie auch schon der Vater seines Vaters. Es ist unbewiesen, aber begründet anzunehmen, dass der Urgroßvater des späteren Theologen und Historikers, Johann Caspar Binterim, in die Haupt- und Residenzstadt der Länder Jülich, Berg, Kleve, Mark und Ravensberg eingewandert war und eingeheiratet hatte. Über dessen Herkunft lassen sich keine Aussagen machen, auch die offensichtlich oberdeutsche Form des Familiennamens (Binterim = Binderiemen an der Rüstung) lässt keine weitergehenden Schlüsse zu.

Insgesamt hatte Anton Josef Binterim mindestens acht Geschwister, sechs davon Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters, von denen zum Zeitpunkt seiner Geburt schon drei verstorben waren. Zwei Schwestern, Kinder aus der ersten Ehe seines Vaters, traten ins Kloster ein. Die jüngere der beiden, Anna Odilie Louise, wurde regulierte Tertiarin im Konvent Michaelsberg zu Neuss. Nach der Aufhebung dieses franziskanischen Ordenshauses wurde sie faktisch Haushälterin ihres priesterlichen Bruders in Bilk bis zu ihrem Tode am 9. Dezember 1812. Zu den Halbgeschwistern zählte auch der Bruder Peter Josef. Dieser wurde ebenfalls katholischer Priester und erhielt die Pfarrei Qualburg bei Kleve, die bei der Bistumsneuordnung im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zur Diözese Münster gelangte. Aus der zweiten Ehe des Vaters stammten drei Söhne, unter denen Anton Josef der mittlere war. Sein älterer Bruder Hermann Josef trat in den Kapuzinerorden ein, war nach der Säkularisation kurzfristig Kaplan seines Bruders Anton Josef in Bilk und wurde schließlich Pfarrer in Bergheim. Der jüngste der Brüder, Clemens August Josef Binterim, wurde Tuchfabrikant. Er lebte später in Aachen und Vaals und unterhielt über seine Frau enge Beziehungen nach Elberfeld.

Zusammenfassend lässt sich über die Geschwister des späteren Pfarrers und Historikers folgende Feststellung treffen: Alle Töchter seines Vaters, die Volljährigkeit erreichten, gingen ins Kloster, und von den Söhnen wurden alle, die nicht in der Jugend bereits verstarben, Priester, mit der einzigen Ausnahme des jüngsten Bruders. Dieser, der Tuchfabrikant Clemens August Binterim, wurde später evangelisch und schloss sich pietistischen Kreisen an; ohne die Ernsthaftigkeit seiner Konversion zu bestreiten, machte allerdings auch seine Berufswahl den Konfessionswechsel geradezu nötig. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die rheinische Tuchindustrie fest in protestantischen Händen.

Konkrete Aussagen über die Lebensverhältnisse in Binterims Elternhaus sind kaum möglich. Es lässt sich nur allgemein feststellen, dass nichts dagegen spricht, sich dieses als "typisch" für eine kirchlich gesinnte katholische Familie der unteren rheinischen Mittelschicht jener Zeit vorzustellen. Als Binterims älteste Schwester in einen Orden eintrat (wir wissen nicht, in welchen!), musste der Vater eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen, um die notwendige Mitgift aufzubringen. Dass er dies tat, legt zumindest die Vermutung nahe, in ihm einen sehr frommen Katholiken sehen zu können. Binterims Vater starb am 26. September 1791 in Düsseldorf. Der spätere Bilker Pfarrer war damals gerade 12 Jahre alt geworden und lebte in seinem Elternhaus. Binterims Mutter hat noch die ersten zehn Jahre vom Wirken ihres Sohnes in Bilk erlebt. Ihr Todestag war der 15. Dezember 1815. Auch wenn unmittelbare Quellenzeugnisse über die Emotionalität von Binterims früher Jugend fehlen, wird man unterstellen können, dass er ein gutes Verhältnis zu Eltern und Geschwistern hatte. Jedenfalls hat er sein Leben lang und mit großer Aufopferung für Familienangehörige gesorgt. Noch seine letzte Haushälterin, für deren wirtschaftliche Absicherung nach seinem Tode er zu sorgen bemüht war, stammte aus seiner – freilich entfernten – Verwandtschaft.

Etwa vom zehnten Lebensjahr an besuchte Binterim das Düsseldorfer Gymnasium. Dieses wurde nach der Aufhebung des Jesuitenordens (durch ein Breve Klemens XIV. vom 21.7.1773) von ehemaligen Jesuiten, so genannten Kongregationisten, mit Hilfe der Düsseldorfer Franziskaner geleitet. Die strenge Kirchlichkeit und hohe Wissenschaftlichkeit prädestinierte die Zusammenarbeit der (Ex-)Jesuiten und des Ordens des hl. Franziskus. Auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt Düsseldorf, wo die Franziskaner damals besonders in den oberen Klassen unterrichteten, kam Binterim zuerst mit dem Orden zusammen, dem er beitreten sollte und dem zeitlebens seine besondere Liebe gehörte.

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2. Eintritt in den Franziskanerorden in Düren, Priesterweihe in Deutz

Über die Einzelheiten der Berufung Binterims zum Franziskaner haben wir keinerlei verlässliche Quellen. Wir können nur die Fakten konstatieren. Im Frühjahr 1796, wahrscheinlich am 5. März, trat Binterim in Düren in den Franziskanerorden ein; abgesehen davon, dass der Düsseldorfer Konvent kein Studienhaus zur Ausbildung des Ordensnachwuchses besaß, hatte die Stadt Düsseldorf mit damals ca. 14.000 Einwohnern eine französische Besatzung von 36.000 Mann zu ertragen, die das Leben in der Stadt weit von der Normalität entfernen musste. Denkbar wäre es, dass die Franziskaner daher ihre Novizen auch aus diesem Grund "aus der Schusslinie" nehmen wollten und den jungen Binterim in ihr Kloster und Studienhaus für Philosophie mit Namen Bethanien zu Düren schickten. Am 7. März 1797, also noch nicht achtzehnjährig (!), legte er dort die ewigen Ordensgelübde ab. Im Oktober 1798 kam er zu weiteren – vor allem theologischen – Studien in den größeren Aachener Franziskanerkonvent St. Nikolaus. Den größten Einfluss unter seinen dortigen Lehrern hatte auf ihn Pater Polychromius Gaßmann (1740-1822), dessen Ordensname in der Literatur meist, aber wohl unrichtig mit "n", also "Polychronius", geschrieben wird.

Dieser, Lektor für Exegese und Kirchenrecht im Aachener Konvent, war entschiedener Gegner der Bonner Professoren Eulogius Schneider (1756-1794) und Franz Hedderich (1744-1808) gewesen. Beide waren vom Franziskanerorden (OFM) bzw. Minoritenorden (OFMConv) abgefallen und galten Gaßmann als Feinde der Kirche. Eulogius Schneider, dessen geradezu abenteuerliches Leben schon die Zeitgenossen faszinierte, legte 1793 sein Priesteramt ab und reüssierte zum zeitweiligen Ankläger des elsässischen Revolutionstribunals (er hat 29 Todesurteile zu verantworten); er wurde schließlich 1794 vom Revolutionstribunal in Paris auf Anordnung Saint-Justs selbst unter die Guillotine geschickt. Der äußerst rom- und papstkritische "Kanonikus" Hedderich begann nach seiner 1797 erfolgten kirchlichen Verurteilung später (seit 1803) eine neue Karriere als juristischer Lehrer in Binterims Heimatstadt Düsseldorf. Der Einfluss des frommen und (gemäßigt) konservativen Gaßmann kann wohl kaum überschätzt werden. Einigermaßen wahrscheinlich ist, dass der junge Binterim, der den Ordensnamen Flosculus (nach einem heiligen, in der Übergangszeit von Spätantike und Frühmittelalter lebenden Bischof von Orléans) angenommen hatte, von seinem älteren Ordensbruder auch einiges an Rhetorik und polemischem Humor gelernt hat.

Bereits während seines Aachener Ordensstudiums verteidigte Binterim 1802 in Gegenwart des ersten Bischofs der 1801 neu gegründeten Diözese Aachen, Marc Antonius Berdolet, fünf Tage lang öffentlich mit großem Erfolg ausgewählte theologische Thesen. Kurze Zeit nach der Aachener Disputation bewies Binterim seine Kirchentreue, indem er öffentlich den Pfarrer Gerhard von St. Severin in Weisweiler (östlich von Eschweiler) angriff, der in einer Festrede abfällige Bemerkungen über das Papsttum und leichtfertige über die Kirche gemacht hatte. Da diese Rede in Anwesenheit von Bischof Berdolet gehalten worden war, der selbst nicht protestiert hatte, wird man dem jungen Franziskaner unterstellen können, dass sein Eifer groß genug war, um auch in schwieriger Lage Mut zu zeigen. Binterim, der 1802 – wohl vor der theologischen Disputation – auch die Diakonatsweihe empfangen hat, fühlte sich im Aachener Franziskanerkonvent am rechten Platz und wurde von seinen Mitbrüdern nicht nur akzeptiert, sondern auch besonders geschätzt.

Binterim war also mit seinem Orden in Einklang und voller Eifer, als er durch den apostolischen Legaten Kardinal Giambattista Caprara die Dispens wegen fehlenden kanonischen Alters erhielt und dem Bischof von Aachen für die Priesterweihe präsentiert wurde. Zu dieser Ordination kam es aber nicht, da Binterims Aachener Konvent aufgehoben und säkularisiert wurde. Zum ersten Mal hatten äußere Einflüsse das reguläre curriculum des jungen Mendikanten im Minderbrüderorden behindert. Bei der Konventsaufhebung erinnerten sich die französischen Behörden der territorialen Herkunft Binterims. Sie schafften ihn mit Begleitung eines Gendarmen im August 1802 in seine Vaterstadt Düsseldorf, wodurch die Administration sich nebenbei auch die Verpflichtung entziehen konnte, für seinen Lebensunterhalt aufkommen zu müssen. Binterim hatte den Behörden wohl durch sein mutiges Eintreten für die Kirche ein zusätzliches Argument für dieses Verfahren geliefert, da er wahrscheinlich seine Gegner u.a. beschuldigte, dem "Gallikanismus" nahe zu stehen. Der Gallikanismus betonte die Freiheiten insbesondere der französischen Kirche gegenüber dem Papsttum und ließ doch recht umfangreiche Einflussnahme des Staates in innerkirchliche Angelegenheiten zu; letzteres bekämpfte Binterim aus Überzeugung und durchaus zuweilen grob während seines gesamten Lebens.

In Düsseldorf angekommen, tat Binterim das einzige, was einem so frommen jungen Mendikanten angemessen war, er begab sich ohne Verweilen in den dortigen Franziskanerkonvent, der ihn natürlich auch aufnahm. Am 19. September 1802 wurde er in Deutz vom seelsorgerischen Betreuer des rechtsrheinischen Resterzbistums Köln, Weihbischof Clemens August von Merle, zum Priester geweiht. Linksrheinisch, also auf französischen Staatsgebiet, existierte das alte geistliche Kurfürstentum Köln nicht mehr; die kirchlichen Angelegenheiten wurden von Aachen aus geregelt. Seine erste Messe feierte Binterim ohne alle Primizfeierlichkeiten am 23. September in der Düsseldorfer Franziskanerkirche, der heutigen Maxkirche.

Der Neupriester setzte nun zunächst seine Studien in Düsseldorf fort. Ganz besonders hörte er die Vorlesungen seines Mitbruders Ewald Huberti (1755-1807). Dieser hat zuvor ordensintern in Mainz und Aachen unterrichtet, gehörte aber schon seit 1787 zum Düsseldorfer Franziskanerkonvent. Pater Ewald, übrigens auch ein gebürtiger Düsseldorfer, war an Gelehrsamkeit wie strenger kirchlicher Gesinnung Binterims früherem Lehrer Pater Polychromius ähnlich. Er war Lektor für Exegese und orientalische Sprachen. Binterim hat später wohl den Umfang der ihm von diesem vermittelten Hebräischkenntnisse ein wenig übertrieben, dauerten doch seine Studien bei Huberti nicht länger als ein Jahr. Außer bei Professor Huberti hörte Binterim bei seinen Düsseldorfer Ordensbrüdern Ildephons Schmitz (1754-1832) und Adalarius Vonderbank (1766-1832). Ersterer unterrichtete in Kirchenrecht, letzterer wahrscheinlich in Dogmatik. Binterim hat dem Kirchenrecht besonderes Interesse entgegengebracht, so dass Professor Schmitz, später erster Pfarrer an der Düsseldorfer Maxkirche, zu den für ihn wichtigeren Lehrern gehörte.

Es waren wieder ausschließlich äußere Gewalten, nämlich staatliche Gesetze und Verordnungen, die den Franziskaner Binterim nun ein zweites Mal und diesmal endgültig aus dem Orden trieben. Obwohl die Rechtsgrundlage der Konventsaufhebung schon seit dem Reichsdeputationshauptschluss (25.2.1803) bestand, war deren Durchführung bis zum Jahresanfang 1804 noch nicht absolut sicher. Sie erfolgte aber dann am 1. Juli 1804. Pater Flosculus Binterim verlor seine Ordensfamilie und den bisherigen Lebensunterhalt. Freiwillig hätte er den Orden nie verlassen.

Rein theoretisch war den Düsseldorfer Franziskanern im Sommer 1804 die Wahl gelassen, ob sie den Ordensstand verlassen oder in das so genannte Bergische Zentralkloster nach Wipperfürth übersiedeln wollten. Dieses "Zentralkloster" war als staatlich initiierte Sammelstation für den zum Aussterben bestimmten Orden im Herzogtum Berg bestimmt. Selbstverständlich durften dort keine Novizen aufgenommen werden, und aufs Ganze gesehen handelte es sich bei dem "Zentralkloster" in Wahrheit wohl um ein wenig attraktives Altersheim mit – freilich sehr beschränkter – Selbstverwaltung. Aus dem Düsseldorfer Konvent gingen von den insgesamt 45 nur vier, ein hochbetagter Pater und drei Laienbrüder, nach Wipperfürth. Der vierundzwanzigjährige Pater Flosculus wählte nicht das Altersheim, sondern das – zunächst nur im staatlichen Rechtsbereich gültige – Ausscheiden aus dem Orden. Er fand als "Säkularkleriker" eine Hilfspriesterstelle in Itter (heute Stadtgebiet von Düsseldorf).

Binterim hat den letztlich unvermeidlichen Schritt aus der Ordensgemeinschaft heraus gewiss im Einverständnis mit seinen Oberen getan. Schon einige Zeit vor seinem Weggang nach Itter hatte er wie nicht weniger als sieben Ordensgeistliche die Pfarrerprüfung, den so genannten Pfarrkonkurs – angeordnet von Kurfürst Max Josef von Pfalzbayern und damit Regent der bergischen Lande, der den Franziskanern sehr kritisch gegenüberstand – abgelegt, übrigens als zweitbester von insgesamt 17 Prüflingen. Man wird gewiss davon ausgehen können, dass Binterim im Übergang zum Weltklerus die einzige Möglichkeit sah, seiner franziskanischen Berufung innerlich treu zu bleiben. Dies gilt auch für seine nach 1804 erfolgte vergebliche Bewerbung um das Pfarramt in Itter und für die erfolgreiche Bewerbung um die Pfarrei Bilk im folgenden Jahr.

In seiner ganzen langen Amtszeit als Pfarrer in Bilk hat Binterim sich bis an sein Lebensende als Mendikant gefühlt und immer wieder gelegentlich seinen Ordensnamen "Flosculus" wie einen dritten Vornamen geführt; noch kurz vor seinem Tod signierte er 1855 einen ihn selbst zeigenden Stich mit "Dr. Anton Joseph Flosculus Binterim". Wie sehr sich Binterim innerlich stets dem Franziskanerorden zugehörig fühlte, wurde überdeutlich durch die Feier seines fünfzigjährigen Professjubiläums am 8. März 1846 in seiner Bilker Pfarrei. Er beging diese Feier unter großer Anteilnahme seiner Gemeinde nicht als unverbindlichen und nostalgischen Gedenktag, sondern er hielt seine Goldprofess so ab, als ob er niemals aus dem Franziskanerorden ausgetreten wäre. Ein Bericht in den "Katholischen Blättern" aus Düsseldorf (März 1846) beschreibt ausführlich die Festmesse und die Predigt zu diesem Ereignis und stellt ein Lobgedicht auf A. J. Floskulus Binterim (!) vor. Bezug nehmend auf die Übersetzung von Flosculus, also auf "Blümchen", bietet das Gedicht – im Stil etwas schwülstig wie für die Biedermeier-Zeit typisch – eine Art Lebenslauf des Jubilars in Versform dar.

Unserm vielgeliebten, hochgefeierten Pfarrer Herrn A. J. Floskulus Binterim, Doctor der Theologie, Ritter des päbstl. Ordens vom goldenen Sporn u.s.w., zur goldenen Jubelfeier seines Eintritts in den Orden des h. Franziscus Seraphicus! (Am Tage des h. Thomas von Aquin 1846.)

In eines Seraphs heilig stillem Garten
Stand einst ein Blümchen wunderschön und hold,
Es wuchs in seinem seligen Betrachten
Des hohen Himmels auf. Des Morgens Gold
Goß Himmelsthau auf seine Blätter nieder;
Es spiegelt’ sich in ihm die Sonne wieder.

Zum Bäumchen ward die kleine prächt’ge Blume,
Das seine Krone himmelwärts erhob.
Doch ach, da naht dem stillen Heiligthume
Des Seraphs sich ein Sturm, der brüllt’ und schnob
Und stürzt die Mauern nieder, die den Garten
Als Paradies in wüster Welt bewachten.

Da stand das Bäumchen einsam auf den Auen
Und, ausgesetzt dem wüthenden Orkan,
Konnt’ man die Aeste oft gebogen schauen,
Doch hat der Sturm nicht Schaden ihm gethan;
Der junge Baum stand fest, ward reich und groß,
Senkt ankernd Wurzeln in den Erdenschooß.

Und nun ist er hinaufgereift, der hehre,
Der hohe Baum! es freut sich sein die Welt!
Der Ast neigt sich von seiner Früchten Schwere,
Der Strauch hat sich in seinen Schutz gestellt,
Und die an Duft und Frucht Gefallen hatten,
Sie sammeln sich in seines Laubes Schatten.

O, das bist Du! Du bist die Blume!
Du bist der große, früchtenreiche Baum,
Geliebter Greis, der dort im Heiligthume

Des Tempels, in des Seraphs Gartenmauer
Erst wunderschön und still entsprossen,
Nun wie ein Riese siegreich aufgeschossen – !

Hast Du Dich nicht ernährt vom Saft der Lehre
Der heiligen Väter? Hat des Himmels Thau
Nicht Deinen Geist befruchtet, gleich als wäre
Dein Vaterland dort in des Aethers Blau?
Und sanken um Dich nieder nicht die Mauern
Des Seraphgartens, den wir still betrauern?

Und hat nicht dann der Sturm an Dir gerüttelt?
Drang nicht allweg Verderben auf Dich ein?
Du hast den Regen von Dir abgeschüttelt!
Zwar trugst Du Ketten, littest Marterpein,
– Mit Clemens August hast Du sie getragen! –
Doch ist das all zum Heil Dir ausgeschlagen! –

Du hast gesiegt! – Groß stehst Du da, erhaben!
An Deinen Früchten labt sich eine Welt!
Mit Deiner Weisheit Duft und ihren Gaben
Bist Du, ein hoher Leuchter aufgestellt,
Ein Thomas von Aquin, ob dessen Worten
Die Jünger lange sinnen aller Orten. –

O Priester Gottes, großer Hirt und Lehrer,
Der selbst geschmückt von Petri Felsen ward,
Wie groß ist wohl die Anzahl der Verehrer,
Die Dein sich rühmt und Deiner Wahrheit Macht?
O, nimm von uns den tieffsten Wunsch entgegen:
Wirk’ lange noch zu unser Aller Segen! –

War er vielleicht im eigentlichen kirchlichen Rechtssinne nie aus dem Orden ausgetreten und bis an sein Lebensende Franziskaner? Hier liegt ein endgültig wohl unlösbares Problem für die historische Erforschung seiner Biographie. War er einer der wenigen "Ex"-Franziskaner, die eine Dispens für den äußerlich neuen Stand, sozusagen ein Exemptionsprivileg besaßen, wie Hugo Dausend bereits 1930 vermutet hat? Es spricht vieles für und nichts gegen diese Annahme, die sich allerdings nicht beweisen lässt. Hätte nämlich Binterim selbst oder sein Orden die Exemption öffentlich gemacht, so hätte man in der kirchenpolitischen Situation jener Zeit in Preußen große Schwierigkeiten heraufbeschworen, die Binterims Stellung als ordentlicher Pfarrer zumindest geschwächt hätten.

Es ist daher nicht damit zu rechnen, dass jemals von der Forschung ein Dokument entdeckt wird, das alle historischen Unsicherheiten über diese Frage zweifelsfrei beseitigt. Auch die Franziskaner haben Binterim ganz überwiegend stets als einen der Ihren angesehen, ihn aber niemals in Bezug auf irgendwelche Pflichten als einen Mitbruder behandelt. Zum Tode Binterims findet sich im Memorienbuch des auch auf dessen Betreiben 1853 neu gegründeten Franziskanerkonvents St. Antonius in Düsseldorf

 Zur der Wiedereröffnung des Franziskanerkonvents in Düsseldorf – geweiht dem heiligen Antonius von Padua – erstellte Binterim ein recht kunstvolles Chronogramm im Versmaß des daktylischen Hexameters. Die römischen Zahlen in jedem Vers ergeben immer die Jahreszahl 1853.


HeV eXVL DusselLDorf FranCIsCVs oVet reDIVIVVs,
PaX eX Dote feraX, tIbI LaVs De Loe eCDICe VeraX!
FLVXerVnt LVstra hUc bIs qUInqUe, IdeM reVoCatUr,
Vt speCULUM eXCeLsae aeVo faX pIetatIs et InDeX,
ErUDIat popULUM, aC VIrtUtIbUs eXCoLat UsqUe;
MI antonI eXaCUe, UsqUe IUVa eXCLaraqUe soDaLes!
FranCIsCi eX reDItU orbeM eXaLtet paXqUe, saLUsqUe;
EXCoqUe FranCIsCI eX MerIto UsqUe tUos DeUs Une,
Da frUCtU IesU CrUCIs eXsatUrentUr In aeVUM,
VIVat reX, CIVesqUe pIos LUX aLMa seCUnDet.
 

Die freie Übersetzung lautet:
Düsseldorf, der verbannte Franziskus – welcher Schmerz! – möge im Triumph frohlockend wieder Einzug halten! Es steht eine gedeihliche Friedenszeit an – zu verdanken einer Schenkung: Dir, dem der Wahrheit verpflichteten Freiherr von Loe gebührt der Ruhm hierfür! Es sind bis jetzt zwei mal fünf Lustren verflossen, jetzt wird derselbe zurückgerufen, damit er, für unser Zeitalter gleichsam ein Spiegel, eine Fackel und ein Wegweiser herausragender Frömmigkeit, in einem fort das Volk bilde und fördere in den Tugenden. Lieber Antonius, sporne die Brüder an, hilf ihnen unentwegt und erleuchte sie! Friede und Heil möge jetzt, nach der Rückkehr des Franziskus, die Welt erhöhen! Du, Gott, der Eine, führe aufgrund des Verdienstes des Franziskus die Deinen immerfort zur Reife, gib, dass sie auf ewig sich an der Frucht des Kreuzes Jesu sättigen! Es lebe der König, und möge das Licht der göttlichen Gnade die frommen Bürger beglücken!
Zur Erläuterung: Freiherr von Loe schenkte den Franziskanern das Grundstück für den Klosterbau; Lustrum = Zeitraum von fünf Jahren (Übersetzung: Christoph Hutter)

folgender Eintrag zum 17. Mai, der die hinterlassene Bibliothek des Bilker Pfarrers ganz besonders erwähnt: "A. D. 1855 obiit Reverendissimus Dominus Flosculus Binterim, Parochus Jubilatus in Bilk, qui praeter alia beneficia in suo testamento nobis sancivit ius utendi Bibliotheca pretiosa a se parochiae relicta" (Im Jahr 1855 verstarb der Hochwürdigste Herr Flosculus Binterim, der uns außer anderen Wohltaten testamentarisch das Recht auf Benutzung seiner kostbaren Bibliothek einräumte, die er seiner Pfarrei hinterlassen hat). Binterim unterstützte das neue Haus der Franziskaner in Düsseldorf auch mit erheblichen finanziellen Mitteln. In der Geschichte der Kölnischen Franziskanerprovinz stellte der Franziskaner Pater Flosculus Binterim das Verbindungsglied zwischen der alten Provinz und den Vorstufen der neuen Provinz dar.

Binterim, der seine Ordensprofess wahrscheinlich schon mit siebzehn Jahren ablegte (s.o.) und der wenige Tage nach seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag zum Priester geweiht wurde, hat sich sehr früh zum besonderen Dienst für Gott und die Kirche entschieden. Noch weit mehr fällt ins Gewicht, dass er diese Entscheidung zu einer Zeit traf, als die katholische Kirche und der christliche Glaube in äußerster irdischer Bedrängnis waren. Binterims Berufung zum Priester und zum Franziskaner war wohl durch keinerlei weltliche Motive mit beeinflusst. Diese Grundentscheidung seines Lebens muss bedacht werden, wenn man ihm für spätere Lebensphasen Karrieredenken vorwerfen will.

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3. Säkularkleriker und Pastor in Bilk

Priester aus voller Berufung, aber Weltgeistlicher wider Willen, so muss man Anton Josef Binterim kennzeichnen, als er sich um die Pfarrerstelle in Bilk bewarb und diese im Sommer 1805 antrat. Alle Ämter und Aufgaben, die er in späterer Zeit übernahm, blieben der Seelsorge als Pastor in Bilk untergeordnet. Er hat neunundvierzig Jahre und elf Monate als Pfarrer an St. Martin in Bilk gewirkt.

1805 war das Gotteshaus der Pfarrei noch Alt-Sankt-Martin, heute Filialkirche der Bilker St.-Bonifatius-Pfarre. Dieses älteste Gebäude Düsseldorfs, schon um 700 gab es hier eine karolingische Kirche, war in dieser Zeit in einem beklagenswert schlechtem Zustand. Daher erwirkte Binterim 1812 bei der Regierung des Großherzogtums Berg die Genehmigung, die 1686 erbaute Loretto-Kapelle (Lauretanische Kapelle zu Düsseldorf, unweit von Alt-Sankt-Martin) als Pfarrkirche benutzen zu können. Der Kern dieser Kapelle, die überbaute Nachbildung des "Nazaretanischen heiligen Hauses" des Wallfahrtsortes Loretto in Mittelitalien, wurde bald darauf abgebrochen, um einen für den Pfarrgottesdienst geeigneten Raum zu schaffen. Zu den erheblichen Kosten für diesen und vor allem die nach langer Wartezeit anschließenden Umbauten trug Binterim in großem Umfang persönlich bei, und zwar mit Geld, das er durch seine Publikationen verdiente. Der Erlös seiner Schrift "Kurze Beschreibung der jetzigen Pfarrkirche zu Bilk mit ihren Gemälden" von 1833, erschienen nach endgültiger Beendigung der Renovierung, wurde sogar gänzlich für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.

Der Umbau brachte ihm übrigens Konflikte mit einigen fromm-konservativen Pfarrangehörigen. Diese waren begreiflicherweise vom Umbau der Loretto-Kapelle zur Pfarrkirche und ihrer dabei unvermeidlichen "Zerstörung" wenig erbaut. Die Situation wurde noch dadurch erschwert, dass dieselben Leute das Andenken des letzten Priesters, der an der Loretto-Kapelle amtiert hatte, des ehemaligen Jesuiten Pater Hermann Schönenbusch (1728-1810), fast wie das eines Heiligen hochhielten; aufgrund der großen regionalen Verehrung dieser Priesterpersönlichkeit wurde sein Leichnam 1935 nach Alt-Sankt-Martin umgebettet. Binterim hat Feingefühl genug besessen, diese Gläubigen "vom alten Schlag" schließlich mit den Erfordernissen der Zeit zu versöhnen.

Als Binterim die Pfarrei übernahm, war diese ohne Kaplanstellen. 1824 konnte er ein erstes Vikariat errichten, das aus Mitteln des Pastoratsfonds bestritten wurde. Auch die zweite Kaplanstelle in Bilk wurde von Binterim auf seine Kosten eingerichtet und war ursprünglich ebenfalls eine Stiftungsvikarie. Die Pfarre St. Martin hatte zu Binterims Zeiten eine große Ausdehnung, sie umfasste ganz Bilk und die so genannte Neustadt. Ihr Gebiet wurde erst seit 1868, also lange nach Binterims Tod, durch die Gründung der St.-Joseph-Pfarre in Oberbilk und fünf später folgende Abpfarrungen verkleinert. Bei Binterims Ableben hatte seine Pfarre rund 7.000 Seelen.

Als Seelsorger war Binterim von größtem Pflichtbewusstsein. Durch seinen unbedingten Einsatz, aber auch aufgrund seiner Leutseligkeit und seines heiteren Wesens erwarb er sich dauerhaft Liebe und Zuneigung der Pfarrangehörigen. Eine sehr große Zahl seiner Pfarrkinder duzte er, was bei einem Seelsorger mit 50 jähriger Amtszeit natürlich nicht verwunderlich ist; er begleitete sie durch ihr Leben. All das bedeutet natürlich nicht, dass er nicht auch in seiner eigenen Pfarrei einzelne Feinde gehabt hat. Vor allem um 1840, also zu der Zeit, als er von den preußischen Behörden in besonderem Maße bespitzelt wurde, hatte er guten Grund, nicht jedem seiner Pfarreimitglieder unbedingtes Vertrauen zu schenken. Das Verhältnis zu seinen Kaplänen war meist gut und teilweise sehr herzlich, aber auch hier gab es Ausnahmen. So traf es Binterim schwer, dass sein damaliger Kaplan während der Zeit der Gefangenschaft des Pfarrers in der Festung Wesel die Hälfte der Pfarreinnahmen für sich verlangte. Auch die Anforderungen, die der Pfarrer an seine Kapläne stellte, wurden nicht immer in vollem Umfang akzeptiert, wohl vor allem, weil diese häufig über die "normalen" Kaplanspflichten hinausgingen, insbesondere verlangte er nicht selten von ihnen "gelehrtes" Arbeiten, besonders auf seinem Spezialgebiet, der Kirchengeschichte. Einige dieser Kapläne wurden dann später auch durchaus anerkannte Wissenschaftler. Besonders Heinrich Joseph Floß (1819-1881), Professor für Kirchengeschichte und Moraltheologie in Bonn, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

Das Verhältnis zu seinen Amtsbrüdern im Dekanat Düsseldorf und in der Erzdiözese Köln insgesamt war von sehr unterschiedlicher Natur. Von denen, die mit ihm in näheren Kontakt kamen, hat wahrscheinlich die Hälfte den unausgesprochenen geistigen Führungsanspruch seiner dominanten Persönlichkeit anerkannt, einige gingen bewusst (und vielleicht klug) auf Distanz, und nicht wenige scheinen ihn beneidet und sogar gehasst zu haben. Vor allem die Dechanten des Düsseldorfer Dekanats scheinen mit dem mehrfach promovierten Confrater, der Träger eines nicht unbedeutenden päpstlichen Ordens war, ihre Probleme gehabt zu haben. Dem entspricht es, dass schon Zeitgenossen Binterims von dessen Gelehrtendünkel sprachen. Da angebliche, nur mündlich tradierte Äußerungen des Bilker Pfarrers schwerlich in soliden Quellen zu erweisen sind, ist auch der Beweis des Gegenteils schwierig. Zu sagen bleibt aber auch, dass die Ausbildung der Kleriker sich gerade zur Zeit Binterims erst langsam wieder verbesserte, die theologisch-historische Ausbildung vor allem des Säkularklerus – natürlich gab es immer Ausnahmen – hatte lange Jahrzehnte zu wünschen übrig gelassen. Auffallend ist, dass Binterim schriftlich seinen Mitbrüdern selten mangelnde Bildung, aber sehr häufig einen Mangel an entschlossenem Mut gegenüber staatlichen Bevormundungsversuchen vorwarf, worauf er immer allergisch reagierte.

Großes hat er beim Aufbau kirchlich-karitativer Einrichtungen in seiner Pfarre wie im Düsseldorfer Dekanat geleistet. Die priesterlichen Aufgaben im engsten Sinne, Sakramentenspendung, liturgische Feiern, öffentliche und private seelsorgliche Unterweisung, Breviergebet, hat Binterim mit großem Pflichtgefühl erfüllt. Da ein großer Teil der von Binterim in seiner Pfarrkirche gehaltenen Predigten gedruckt wurde, lässt sich die pastoraltheologische Praxis des Bilker Pfarrers gut erkennen. Die von ihm vermittelte Frömmigkeit war gleichzeitig emotional und auf die Realitäten des Alltags bezogen. Gelegentlich nicht ohne Pathos formulierend und damit ganz dem Zeitgeist entsprechend, hat Binterim niemals die in seinen Augen gottgegebenen äußeren Lebensbedingungen seiner Zuhörer außer Acht gelassen oder gar vergessen. Neben vielen Predigten zum Leben von Heiligen zeigen 18 Predigten zur Erstkommunion der Kinder, die, wenn auch wohl in überarbeiteter Form, durch die Drucklegung erhalten sind, diesen Charakter seiner seelsorglichen Orientierung in besonders deutlicher Weise. Sie erschienen in zwei Sammlungen. In Köln wurden 1837 "Zwölf Reden, gehalten bei der ersten Kommunion der Kinder" gedruckt. In Mainz erschienen 1848 "Sechs Reden bei der Feierlichkeit der ersten heiligen Kommunion." (Die erste Sammlung der "Zwölf Reden" erschien in mehreren Neuauflagen und auch in einer niederländischen Übersetzung. Beide Sammlungen erhielten bei der Drucklegung auch textliche Erweiterungen, die sich mit allgemeinen pastoraltheologischen Fragen befassen.)

Durch die "öffentliche Bibliothèque" der Stadt Düsseldorf, die seit 1770 existierte, konnte Binterim an viele Werke gelangen, die für seine historischen Studien bedeutsam waren. Um Bücher allerdings nach Hause ausleihen zu dürfen, musste der Bibliotheksbenutzer damals eine Bücherspende quasi als Eintrittsgeld entrichten. Binterim tat dies 1805 durch Überlassung der sechsbändigen "Orientalischen und exegetischen Bibliothek" von Johann David Michaelis. Die geschenkten Bücher mussten wissenschaftlichen Charakter besitzen, Paragraph 7 der Benutzungsordnung lautete ausdrücklich: "Romainen (also Romane und Unterhaltungsliteratur) werden durchaus nicht angenommen."

Einige Jahre nach seinem sechzigsten Geburtstag begann Binterims Gesundheit zu schwinden. Er wurde damals oft, und auch gerade von seinen Bewunderern, als Greis bezeichnet. Während Augenleiden seine wissenschaftliche Arbeit behinderten, erschwerten die Gicht und chronische Erkrankungen der Luftwege seine Seelsorgetätigkeiten. Aller Schwäche zum Trotz hat sich der Bilker Pfarrer bis zuletzt nicht geschont. Es kam vor, dass er bei nächtlichen Versehgängen im Winter bis zu viermal wegen Schnee und Glatteis stürzte, aber niemals versäumte er, den Sterbenden seiner Pfarrei beizustehen. Am Weißen Sonntag 1853 befiel ihn nach dem Festgottesdienst ein größerer Schwächeanfall, der mehrere Stunden andauerte. Dennoch hielt er die sog. Dankandacht der Kommunionkinder, und seine dabei gehaltene Predigt soll sich durch besondere Länge ausgezeichnet haben. Er erfüllte seine Seelsorgepflichten bis zur Todeserschöpfung. Binterim starb am 17. Mai 1855 an einer Lungenlähmung. Sie war durch übergroße Überanstrengung des schon lange kranken Priesters beim Pfarrgottesdienst ausgelöst worden.

Überaus typisch für Binterims Persönlichkeit ist, dass er selbst innerhalb seiner wirklich vorbildlich erfüllten Seelsorgspflichten noch einen kleinen Bereich fand, in dem wieder der Historiker in ihm angesprochen war. Er legte einen freilich unvollendeten "liber parochialis ecclesiae ad St. Martinum" an. Bezeichnend für den "Vollbluthistoriker" Binterim ist der folgende Satz aus der Einleitung: "Antiqua Ecclesiae monumenta conservare calamo, conservata enucleare, inter parochialia officia haud minimum esse, vix prudens rerum arbiter in dubium vocabit (Es kann für einen klug urteilenden Menschen kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es keineswegs die unbedeutendste Pflicht eines Pfarrers ist, die alten Zeugnisse über seine Kirche mit dem Schreibrohr [calamus] zu bewahren und das Bewahrte dann zu erklären." Die Bedeutung dieser "kleinen" (Pfarr-)Geschichtsschreibung und der damit verbundenen Quellenforschung wird gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit immer deutlicher.

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4. Sein Opus als Kirchenhistoriker

Da Binterims zahlreiche große und kleine Werke zur Kirchengeschichte detailliert in der Ausstellung gezeigt werden, soll hier nur ein Überblick über das Lebenswerk seiner Forschungen versucht werden. Der Historiker Binterim ist der Nachwelt unendlich bekannter als der Priester und Kirchenpolitiker. Allein der große Umfang seiner Schriften zur Kirchengeschichte wird ihm auch zukünftig ein Nachleben in den Anmerkungen vieler Werke sichern. Sehr oft war nämlich Binterim derjenige, der ein bislang wenig beachtetes ungelöstes Problem der Geschichtswissenschaft aufgriff, sodann sehr schnell einen eigenen Lösungsvorschlag vorlegte und diesen dann gegen jede Kritik mit ebensoviel Vehemenz wie Hartnäckigkeit verteidigte.

Als Historiker war er (wie als Politiker) ein kämpferischer Charakter, fern von der Milde, die er im alltäglichen Umgang mit seinen Mitmenschen oft an den Tag legte. Die unbestreitbar gelegentlich bei Binterim festzustellende Neigung, den eigenen Standpunkt in wissenschaftlichen Fragen bis zur Uneinsichtigkeit zu verteidigen, sozusagen die negative Begleitung seiner positiven Charakterstärke, sollte nicht dazu führen, die großen Leistungen des Historikers Binterim abzuwerten. Das Gleiche gilt auch für die gelegentlich unterstellte Flüchtigkeit in seinen Schriften. Es ist um der Sachlichkeit willen notwendig, seine insgesamt seltenen, heute offenkundigen Fehler zu entschuldigen, da sie nur vor dem Hintergrund der Stellung Binterims innerhalb der Entwicklung der historischen Forschung zu verstehen sind. Viele Hilfsmittel, die heute jedem Proseminaristen zur Verfügung stehen, wurden damals erst erarbeitet. Die meisten Geschichtsgelehrten vor Leopold von Ranke (1795-1886) und seiner Schule arbeiteten nicht historisch-kritisch im modernen Sinne.

Die allergrößten Verdienste erwarb sich Binterim um die Erforschung der Kölner Bistumsgeschichte. Zusammen mit seinem Freund Josef Hubert Mooren (1797-1887), Pfarrer in Wachtendonk und später seit 1854 auch erster Vorsitzender ("Präsident") des Historischen Vereins für den Niederrhein, schuf er das vierbändige Werk Die alte und die neue Erzdiözese Köln in Dekanate eingeteilt, oder das Erzbistum Köln mit den Stiften, Dekanaten, Pfarreien und Vicarien samt deren Einkommen und Collatoren, das 1828 bis 1831 in Mainz erschien. Die Aufarbeitung der Quellen war dabei ganz überwiegend der Anteil Binterims.

Abb. 1: Die alte und neue Erzdiözese Köln Titelbl. des ersten Bandes der Erstausgabe

Diözesan- und Dombibliothek Köln: Cb 920
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Abb. 2: Pragmatische Geschichte der deutschen Concilien Titelbl. des ersten Bandes der zweiten Auflage

Diözesan- und Dombibliothek Köln: Cb 864
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Dieses großartige Opus, mehr Quellensammlung als Darstellung, hat allgemeines Lob gefunden und wurde wohl nur von Neidern angegriffen. Der "allerhöchste Beifall seiner Majestät" des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. ist allerdings mehr Beleg für das allgemeine Ansehen der Geschichtswissenschaften im 19. Jahrhundert als für die spezielle Qualität des Werkes. Letztere wurde aber schon sehr bald durch die bedeutendsten Historiker seiner Zeit verbürgt. Die beiden ersten Bände wurden 1892 in Düsseldorf neu herausgegeben, und zwar durch Hubert Moorens Neffen, den berühmten Augenarzt und ersten Leiter der Düsseldorfer Augenklinik Albert Mooren (1828-1899).

Der Geschichte des Erzbistum Köln widmete Binterim auch eine Fülle von Einzeluntersuchungen von teilweise hohem wissenschaftlichem Rang. Es kam allerdings auch vor, dass Binterim irrte und dies nicht erkannte oder erkennen wollte. Dies gilt besonders für den Streit, den er mit dem Bonner Theologieprofessor Johann Wilhelm Josef Braun (1801-1863) über die "geborenen Kardinäle der kölnischen Kirche" ausfocht. Binterim erkannte nicht, dass Köln wie auch einige andere Metropolitansitze im 11. Jahrhundert ein eigenes Kardinalskollegium besessen hat, das dem römischen nachgebildet war, aber dass dem Kölner Erzbischof keinerlei römischen Kardinalsrang verlieh.

Man kann allerdings auch vermuten, dass er dies nicht erkennen wollte. Binterim hatte nämlich am 17. Oktober 1850, als er dem Kölner Erzbischof Johannes von Geissel die Glückwünsche der Düsseldorfer Katholiken zur erst am 12. November förmlich erfolgenden Kardinalserhebung überbrachte, in Zusammenhang mit seiner Gratulationsadresse eine sehr schwerwiegende Behauptung aufgestellt. Er erklärte, die Erzbischöfe von Köln seien in alter Zeit stets "geborene Kardinäle der Römischen Kirche" gewesen. Vor Johannes von Geissel hatten aber nur die kölnischen Geistlichen Johannes Gropper (1503-1559) und Herzog Christian August von Sachsen-Zeitz (Dompropst in Köln zu Beginn des 18. Jahrhunderts) den römischen Kardinalsrang inne; als Kölner Erzbischof war von Geissel der erste Kardinal.

Von besonderer Bedeutung unter Binterims kleineren Schriften über die Geschichte des Erzbistums Köln ist seine sehr gründliche Bearbeitung von Johann Heinrich Heisters zu Beginn des 17. Jahrhunderts verfasstem Werk über die Kölner Weihbischöfe. Binterim, der im Untertitel dieses 1843 in Mainz erschienenen Werkes selbstverständlich den ursprünglichen Verfasser genannt hat ("quod prius instruxit J. H. Heister Coloniensis"), schuf damit der rheinischen Kirchengeschichte ein wertvolles Hilfsmittel.

Binterims in sieben Bänden 1835 bis 1848 in Mainz erschienene Pragmatische Geschichte der deutschen National-, Provinzial- und vorzüglichsten Diözesankonzilien war eine großartige Leistung und hat die weitere kirchenhistorische Erforschung des deutschen Mittelalters befördert. Das umfangreichste Werk Binterims waren Die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der christ-katholischen Kirche, die 1825 bis 1841 in Mainz herausgebracht wurden. Auch dieses Werk umfasste sieben Bände. Es war in 17 Teile gegliedert. (Aufbau und Gliederung übernahm Binterim aus der älteren Forschung.) Spezielle, thematisch fokussierte Auszüge aus diesem opus magnum wären ein wünschenswerter Beitrag nicht nur zur Kirchengeschichte, sondern auch zur deutschen und europäischen Volkskunde; geschehen ist dies schon hinsichtlich des mittelalterlichen deutschen Aberglaubens sowie der Besessenheit und ihrer Behandlung in der alten Kirche.

Papst Leo XII. hielt Binterims wissenschaftliche Leistung in den Denkwürdigkeiten für so überragend, dass er am 19. April 1828, also noch vor der Vollendung des Gesamtwerkes, "seinem geliebten Sohn" in Bilk ein eigenes Breve widmete und ihn zu fleißiger Weiterarbeit anspornte. Der Mainzer Verlag Kirchheim, Schott und Thielmann rühmte das Werk seines Autors 1837 als "das einzige in der neueren katholischen Literatur," welches "die ganze Formation und das äußere Leben der Kirche von den ältesten bis in die neuesten Zeiten mit seltener Gründlichkeit und Vollständigkeit" darstelle."

1821 wurde Binterim durch die Würzburger Universität zum Doktor der Theologie promoviert. War dies auch keineswegs eine bloße Ehrenpromotion, so wurde ihm der akademische Grad doch angetragen. Binterim musste kein Rigorosum ablegen. 1848 wurde er Mitglied und damit implizit Ehrendoktor der Universität Prag; aus einem der Briefe von 1849 an seinen Freund, den Löwener Professor für Geschichte Johannes Möller (1806-1862), geht hervor, dass Binterim sich diese Ehrung allerdings selbst nicht recht erklären konnte, wo er doch kein Mitglied der Prager Universität persönlich kannte. 1852 machte ihn die Universität Löwen zum Doktor des Kirchenrechts. In diesem Falle kam ein Vertreter der Hohen Schule (Professor Beelen) nach Bilk, um ihm das Diplom zu überreichen. Binterim erhielt 1824 durch Leo XII. den päpstlichen Orden vom goldenen Sporn – er trug diesen Orden, der nach langer inflationärer Verleihpraxis seine alte Reputation zurückerlangt hatte, stets mit besonderem Stolz – und wurde 1826 von der Römischen Akademie zu ihrem Mitglied ernannt.

Zu den großen Verdiensten des Bilker Pastors um die Geschichtswissenschaft gehört auch eines, das mehr der Organisation als dem Inhalt historischer Forschung zuzuordnen ist. Mit Recht ist Binterim als der "Geistige Vater" des "Historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere für das alte Erzbistum Köln" anzusprechen. Der Todestag Binterims war zugleich der erste Jahrestag der am 17. Mai 1854 in Köln geschehenen Gründung des Historischen Vereins für den Niederrhein. Die Pläne zur Vereinsgründung konkretisierten sich erstmals bei der Feier von Binterims goldenem Priesterjubiläum in Düsseldorf am 20. September 1852. Nach der Gründung war zunächst daran gedacht, ihn zum ersten Ehrenvorsitzenden zu erheben, doch verstarb er vor der möglichen Realisierung (gegen die allerdings

Abb. 3: Denkwürdigkeiten der Christ-Katholischen Kirche Titelbl. des ersten Bandes der zweiten Auflage

Diözesan- und Dombibliothek Köln: Cb 3384
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Abb. 4: Binterim im Jahre 1834

Lithographie von H. Fleuß bei Stern, Frankfurt

Archiv der Kölnischen Franziskanerprovinz, Mönchengladbach
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auch bestimmte kirchenpolitische Rücksichten sprachen). Die ersten Mitglieder des Historischen Vereins waren sich der Rolle Binterims als des Gründervaters sehr wohl bewusst, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieb dieses Bewusstsein lebendig, wozu vor allem sein Freund und Schüler Heinrich Joseph Floß, Vizepräsident und eigentlicher Leiter des Vereins von 1870 bis 1881, beigetragen hat.

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5. Binterim im Mischehenstreit

Ein wichtiger Bereich eigentlich theologischer Äußerungen Binterims war auf den so genannten Mischehenstreit bezogen, der vor allem in Preußens überwiegend katholischer Rheinprovinz ausgefochten wurde und schließlich im "Kölner Kirchenkampf" (s.u.) kumulierte. Binterim gehörte zu den katholischen Geistlichen des Rheinlandes, die konfessionsverschiedene Ehen mit ganz besonderer Härte ablehnten. 1838 gründete er sogar eigens einen Verein zur Verhinderung von Mischehen, den "katholischen Bruder- und Schwesterbund zu einer rein katholischen Ehe." Der Streit um die Mischehen wurde auf sehr verschiedenen Ebenen ausgefochten. In ländlichen Regionen ist es beispielsweise vorgekommen, dass die katholische Ortsgeistlichkeit die landbesitzende Oberschicht vor schlecht bezahlten, ins Rheinland versetzten protestantischen Beamten als vor gefährlichen Mitgiftjägern gewarnt hat. Binterim war einer derjenigen, der ausschließlich religiös und in diesem Bereich nicht nur pastoraltheologisch, sondern auch fundamentaltheologisch (und selbstverständlich kanonistisch) argumentierte. Berichtet wird jedoch auch, dass der Pastor zu Bilk seine Prinzipien hintanstellen konnte, wenn er feststellte, dass aus wirklicher Zuneigung eine konfessionsverschiedene Ehe eingegangen werden sollte.

Der Bilker Pfarrer vertrat die Ansicht, Spender des Ehesakramentes seien nicht die Eheleute, sondern der die Ehe einsegnende Priester. Dies war schon damals nur die Ansicht einer Minderheit von Theologen, heute wird sie in der katholischen Kirche von niemandem vertreten. Mit seinen deutsch und lateinisch veröffentlichten Argumentationen ging Binterim tief in die intellektuell sehr anspruchsvolle Sakramentaltheologie. Nun war gerade beim Ehesakrament die genaue Bestimmung von Materie und Form des Sakramentes lange strittig. Für Binterim bestand die Materie im "natürlich wirksamen Vertrag (contractus naturalis de praesenti)", nicht etwa im sog. "bürgerlichen Vertrag". Die Form des Sakramentes waren für ihn die priesterlichen Worte "Ego vos conjungo […]".

Binterim konnte sich für seine eigentlich schon damals abwegige Ansicht auf eine ganze Reihe von Theologen berufen. Im Besonderen fußte seine theologische Interpretation auf Melchior Cano (1500-1560), einem sehr bedeutenden Dominikanertheologen, der heute meist nur wegen seiner unseligen Rolle im Carranza-Prozess (Inquisitionsverfahren gegen den Erzbischof von Toledo Bartolomé Carranza) bekannt ist. Als auch theologisch selbständiger Denker wich Binterim in der Bestimmung der Materie des Ehesakraments aber ganz bewusst von seinem Hauptgewährsmann Melchior Cano ab. Schließlich hat Binterim sich als Theologe und Kanonist auch mit der Verteidigung der Unauflöslichkeit der Ehe befasst.

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6. Kampf gegen die Hermesianer

Obwohl Binterim im Mischehenstreit praktisch rein theologisch argumentiert hat, war er von seiner ganzen Persönlichkeit her nicht eigentlich für die philosophisch-spekulative Theologie prädestiniert, sondern mit Leib und Seele einerseits priesterlicher Seelsorger und andererseits Kirchenhistoriker. Im Unterschied zu den meisten zeitgenössischen Amtsbrüdern als Pfarrer im Rheinland und im ganzen damaligen deutschsprachigen Raum besaß Binterim aber eine gediegene theologische Bildung.

Sie war Folge seiner früheren Zugehörigkeit zum Franziskanerorden. Während die eigentlich theologische Ausbildung des Säkularklerus und der meisten Ordensleute im späten 18. Jahrhundert einer oberflächlichen Form der Aufklärung zum Opfer gefallen war, hatten die Franziskanerobservanten in ihren ordensinternen Lehrinstitutionen die traditionelle Scholastik bewahrt. D.h. Binterims theologische Ausbildung war reichlich antiquiert und gemessen an den besonderen Erfordernissen der Zeit wohl auch etwas lebensfern, aber sie war weit besser als das, was die Mehrzahl der anderen Pfarrer an damals modischem Pastoralethos ersatzweise auf oft staatlich beeinflussten Akademien gelernt hatten.

Schließlich war Binterim nicht grundlos von der Universität von Würzburg zum Doktor der Theologie promoviert worden, wenn dabei auch vor allem seine kirchengeschichtlichen Leistungen gewürdigt worden waren. Binterim hatte die extrem logisch aufgebauten Lehrsätze der mittelalterlichen Scholastik erfasst und verinnerlicht.

Benutzt hat er seine gediegenen Kenntnisse allerdings nicht, um theologische Gedankengebäude zu entwickeln, sondern um entweder theologiegeschichtlich zu forschen oder um ihm pastoral gefährlich erscheinende Meinungen zu bekämpfen.

Besonders gefährlich erschienen ihm die so genannten "Hermesianer" vor allem an der neu gegründeten Bonner Universität, und er widmete dem Kampf gegen diese sehr viel Energie und Zeit. Zuweilen griff er aber auch Persönlichkeiten als Anhänger von Hermes an, von denen nur schwerlich behauptet werden konnte, sie seien ebensolche. Dadurch kann natürlich der Gedanke aufkommen, dass Binterim das spekulative System des Hermesianismus nicht vollkommen überblickte.

Georg Hermes (1775-1831) war sicher einer der bekanntesten katholischen Theologen Deutschlands im 19. Jahrhundert. Hermes war in jeder Beziehung ein Gegner der scholastischen Theologie und Philosophie, und er unternahm den Versuch, den christlichen Offenbarungsglauben mit der Philosophie Immanuel Kants zu versöhnen, ja ihn aus ihr philosophisch zu begründen.

Wichtig im Zusammenhang mit der Biographie Binterims ist die Tatsache, dass die Theologie von Georg Hermes die Gunst des preußischen Staates fand und dass sie an den katholischen Fakultäten der preußischen Universitäten demgemäß geradezu zur herrschenden Lehre wurde. 1835/36 wurde Hermes' Lehre päpstlicherseits verurteilt, und diese posthume kirchenamtliche Verurteilung erfolgte nicht zuletzt auf Betreiben von Anton Josef Binterim. Der erste, der Hermes noch zu Lebzeiten wegen mangelnder Rechtgläubigkeit angegriffen hatte, war Hermes' Bonner Kollege von der Philosophischen Fakultät, der universalgelehrte Konvertit Karl Josef Windischmann (1775-1839). Windischmann, Professor für Medizin und Philosophie, den Papst Gregor XVI. anfangs irrtümlich für einen Theologen hielt, war später ein enger Freund Binterims. Der erste, der wirklich massiv auf eine Verurteilung des Hermes hinarbeitete, war der Düsseldorfer Kaplan Alexander von Sieger, und zwar im Todesjahr von Georg Hermes 1831.

Dieser Alexander von Sieger (1798-1848) war ein ebenfalls ein sehr guter Freund Binterims. Freilich unterschied sich dieser Düsseldorfer Kaplan und spätere Pastor in Mülheim an der Ruhr vom Bilker Pfarrer durch einen gewissen unkritischen Übereifer. Dieser zeigte sich auch bei anderen theologischen Fragen. So sprach Sieger den Mischehen (anders als Binterim) grundsätzlich jede Sakramentalität ab. Sieger hat in einer späteren (auf Betreiben des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste zu Vischering nicht veröffentlichten) Schrift gegen Hermes auch den heiligen Thomas von Aquin übertriebener Vernunfthörigkeit bezichtigt!

Das Leben Binterims wurde spätestens seit 1831 und bis zu seinem Tode vom Kampf gegen die Lehren des Hermes stark mitbestimmt. Blind aus Hass ist er in dieser Angelegenheit nicht geworden. 1846 äußerte sich Binterim: "Hermes selbst soll in seinem Leben […] ein warmer Anhänger der katholischen Kirche gewesen sein. Er starb als katholischer Lehrer, und wir sind weit davon entfernt, die Orthodoxie seines Herzens und Verstandes, obgleich er sich verirrte, jetzt in Zweifel zu ziehen oder die Asche des im Frieden der Kirche Verstorbenen zu beunruhigen." (Zitat aus Binterims in Mainz erschienener Schrift "Zurechtweisung der Lobredner Luthers").

Wenn Binterim aber die "Hermesianer" unabhängig von seiner Meinung über Georg Hermes bekämpfte, so erkennt man leicht die wirklichen Motive für seinen prononcierten "Antihermesianismus". Binterim war stets mehr Historiker als Philosoph. Zwar hielt er die Lehre des Hermes und mehr noch deren Konsequenzen für dogmatisch falsch, aber er war im Grunde weit davon entfernt, die Gegenposition einzunehmen, wie dies der Kölner Erzbischof Droste zu Vischering oder Professor Windischmann taten. Binterim war so wenig ein Anhänger des Fideismus wie die zeitgenössischen Päpste Gregor XVI. und Pius IX. Weltanschaulich trennten ihn Welten von seinem Düsseldorfer Freund und Confrater Alexander von Sieger. Der Historiker Binterim war vielmehr ein eminent politischer Mensch. Für ihn waren Hermesianer weniger Theologen, die mit der Scholastik gebrochen hatten, sondern katholische Priester, die dem preußischen Staat mehr Sympathie entgegenbrachten, als mit ihrem geistlichen Stand zu vereinbaren war.

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7. Der Konflikt mit dem preußischen Staat

Wenn der Bilker Pfarrer zum Publizisten und schließlich sogar zum Politiker wurde, so geschah dies ausschließlich veranlasst durch seinen seelsorglichen Eifer und insbesondere durch seine damit verbundene Sorge, der Staat könne die Kirche in ihrer cura animarum behindern. Der Bilker Pfarrer ist zeit seines Lebens eigentlich ständig in Konflikten mit dem Staat gewesen. Schon dem wittelsbachischen Landesherrn des Herzogtums Berg, unter dessen Landesherrschaft 1805 sein Pfarrexamen stattfand, hatte er Grund zu misstrauen. Das napoleonische Großherzogtum Berg war genau so wenig ein Staat nach seinem Geschmack. Offene Konflikte hatte Binterim aber vor allem mit dem Staat Preußen ausgetragen. Der Bilker Pfarrer, der immerhin sechs Monate in Festungshaft in Wesel verbringen musste und der vom preußischen Staat vorübergehend aus dem Amt gejagt wurde, ist trotzdem kein fanatischer Antipreuße – er schätze zum Beispiel das preußische Schulwesen hoch ein – gewesen, obwohl einzelne von ihm überlieferte Formulierungen dies nahe legen könnten.

Es ist zwar gewiss nicht auszuschließen, dass der Bilker Pfarrer wie viele Rheinländer seiner Zeit starke, auch emotionale Ressentiments gegenüber Preußen besaß. Entscheidend für Binterims Handlungen waren solche Empfindungen gewiss nicht. Binterim beurteilte jeden Staat fast ausschließlich nach dessen Verhältnis zur katholischen Kirche. Dies schloss zwar nicht aus, dass er 1848 wie fast alle seine rheinischen Landsleute mehr bürgerliche Freiheiten forderte, aber auch wenn Binterim beispielsweise von Pressefreiheit sprach, dachte er zuerst und zuletzt ganz speziell an die ungehinderte Publikationsfreiheit für die Kirche; er beteiligte sich daher auch an der Gründung von Kirchenzeitungen im Düsseldorf-Neusser Raum. Binterims Abneigungen gegen den preußischen Staat entsprangen nicht unklaren Emotionen, sondern nüchterner Erkenntnis.

Es war das Staatskirchentum als solches, was Binterim bekämpfte. Gegen die keineswegs katholisch-klerikale Verfassung Belgiens von 1831, die eine im damaligen Europa beispiellose Kirchenfreiheit propagierte, hat er nie polemisiert. Binterim bekämpfte nicht (oder nicht vorrangig) den preußischen Staat als rheinischer Regionalpatriot, sondern er sah völlig zu Recht im preußischen Staatskirchentum ein echtes Hindernis für eine freie Entfaltung und vor allem für eine unbehinderte Seelsorge der katholischen Kirche. Eine andere Frage ist, ob der Bilker Pfarrer vorurteilslos genug war, die ideologische Zwangslage des Staates zu erkennen und das – recht seltene – Entgegenkommen gelegentlich tolerant gestimmter Staatsbehörden zu würdigen wusste. Man muss klar betonen, dass der konfessionelle Gegensatz sekundär war; entscheidend war nicht der evangelische Glaube der Regierung, sondern ihr Hineinregieren in die katholische Kirche.

Ein Blick auf das Verhältnis Preußens zu den evangelischen Kirchen führt zwar weg von Binterims von ihm selbst empfundenen Lebensaufgaben, ist aber unerlässlich für die nachträgliche historische Einordnung seiner Einstellung zum preußischen Staat. Man wird vergröbernd, aber keineswegs verfälschend sagen können, dass das Preußen der Restaurationszeit mit den protestantischen Kirchen letztlich noch viel rücksichtsloser umsprang als mit der katholischen Kirche, wenn von dieser Seite auch aus einer Reihe von insgesamt sehr komplizierten Gründen weniger Protest zu hören war.

1838 erlebte Binterim den Zugriff der preußischen Behörden auf seine persönliche Integrität. Er wurde im Zusammenhang mit dem "Kölner Kirchenstreit" mehrmals verhaftet und noch öfter polizeilich verhört. Außerdem fanden mehrere staatliche Durchsuchungen seines Bilker Pfarrhauses statt, um belastendes Material für Anklagen wegen konspirativer Tätigkeit zu erlangen. Binterim wurde schließlich am 10. Dezember 1838, nachdem der Versuch, ihn in sittlicher Hinsicht zu diffamieren, fehlgeschlagen war, wegen Gesetzesübertretung (bei der Parteinahme für seinen vorher verhafteten Erzbischof Droste zu Vischering) und seinem so entschiedenen Eintreten gegen Mischehen zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt.

Die Urteilsbegründung wurde ihm zunächst vorenthalten, was die preußischen Gesetze durchaus als Möglichkeit vorsahen. Binterims Haftantritt gestaltete sich schwierig, denn die Behörden stellten ihm die Wahl des Festungsortes frei, fanden aber die Festung Ehrenbreitstein nicht sicher genug, die Festung Jülich erwies sich als überfüllt. So blieb nur das von Binterim ursprünglich nicht gewollte Wesel. Hier trat der Bilker Pfarrer am 29. Januar 1839 die Haft an. Am 27. Juli desselben Jahres hatte die nach der Urteilsverkündigung von Binterim angestrengte Appellation Erfolg; die Mehrheit der Richter waren übrigens Protestanten. Das Urteil gegen ihn wurde aufgehoben, und er konnte in den ersten Augusttagen geradezu triumphal in seine Pfarre zurückkehren. Während der Haft, in der Binterim auch für einige Wochen ernstlich erkrankte, war seine Behandlung sehr unterschiedlich. Wochenlang nahm man sein Schreibzeug weg und verhinderte Besuche. Zwei Monate war ihm die Zelebration der Messe untersagt, die Führung der mehrheitlich protestantischen Festungsbesatzung fürchtete wohl geradezu Missionsversuche durch Binterim. Andererseits soll sein konvertierter Bruder in Wesel versucht haben, Binterim zum pietistischen Glauben zu bekehren.

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8. Binterim und die Kölner Erzbischöfe

Binterim hatte zu den drei von ihm als Pfarrer erlebten Kölner Erzbischöfen ein sehr unterschiedliches Verhältnis. Mit Graf Spiegel ist er trotz geradezu naturgegebener Spannungen aufs Ganze gesehen dennoch ziemlich gut ausgekommen. Zwar war eine unterschiedlichere soziale und vor allem geistige Herkunft schwerlich denkbar, dennoch hat der scholastisch ausgebildete Franziskaner offenbar erkannt, dass den von der Aufklärung herkommenden Oberhirten echte Frömmigkeit und priesterliche Grundeinstellung erfüllte. Günstig auf das wechselseitige Verhältnis wirkte sich auch aus, dass der vielseitig interessierte Erzbischof Graf Spiegel die historischen Arbeiten des Bilker Pfarrers mit Wohlgefallen förderte.

Sehr gut, aber dennoch nicht ganz ohne Missverständnisse war Binterims Verhältnis zu Clemens August von Droste zu Vischering (1835-1845). Binterim sah in Droste (wie in bescheidenerem Maße auch sich selbst!) einen Märtyrer der Kirchenfreiheit. Charakterlich waren der Erzbischof und sein Pfarrer freilich grundverschieden. War Droste zu Vischering von recht verschlossener Gemütsart, so war Binterim eher mitteilsam und besaß durchaus ein zuweilen aufbrausendes Temperament.

Das Verhältnis des Bilker Pfarrers zu Erzbischof Johannes von Geißel (1845-1864) müsste man als ausnehmend schlecht benennen, wenn nicht die gemeinsame Loyalität zur Kirche beide Kontrahenten wenigstens vor den allerschlimmsten Formen persönlicher Auseinandersetzungen bewahrt hätte. Binterim hat Geißel gegenüber auf eine Beteiligung der Priester an der Leitung der Erzdiözese als Hilfe und Unterstützung für den erzbischöflichen Stuhl gedrängt (Adresse der Düsseldorfer Geistlichkeit an den Erzbischof vom 27. März 1848, Binterims mehrfach geäußerte Vorstellungen von der Errichtung eines "Synodalgerichts"). Geißel und mehr noch seine Vertrauten, vor allem Johannes Baudri, haben Binterim deshalb als einen Kirchenrevolutionär oder gar Demagogen abstempeln wollen, eine nun wirklich absurde Vorstellung.

In Wahrheit waren nur wenige Priester im Kölner Sprengel konservativer als Binterim. Seine Motive für die "Demokratisierung" in der Kirche entstammen keiner ihm wesensfremden progressiven Grundeinstellung. Der Pfarrer von Bilk wollte ihm heilige kirchliche Traditionen unbeeinflusst vom ihm gefährlich erscheinenden Zeitgeist erhalten. Da er den Bischöfen – gewiss auch aufgrund einseitiger Vorurteile – misstraute, ja sie sogar der indirekten Kollaboration mit der Staatsgewalt aus Schwäche für fähig hielt, glaubte er die kirchliche Tradition beim einfachen Klerus besser gehütet. Kanonische Wahlen und kollegial strukturierte Entscheidungsinstanzen waren aber für Binterim, der die mittelalterliche Kirchengeschichte wie kaum ein anderer kannte, kein Bruch mit der Tradition der Kirche, sondern eher ein Mittel für deren Wiederherstellung, ein Mittel auch um einen möglicherweise wiedererwachenden Episkopalismus zu zähmen.

Binterims Beziehungen zu Erzbischof von Geißels Generalvikar und Weihbischof Johannes Baudri waren von Anfang an so vergiftet, dass man von einer "Privatfehde" sprechen muss. So stand der Bilker Pfarrer in seinem letzten Lebensjahrzehnt einen heftigen Kampf mit der Kölner Diözesanverwaltung durch, aus dem er sachlich zum größten Teil und moralisch vollkommen gerechtfertigt als Sieger hervorging. Auch wenn es 1850 nach einer persönlichen Auseinandersetzung in Düsseldorf zwischen Binterim und Erzbischof von Geissel scheinbar zu einer Aussöhnung kam, vergaß von Geissel dem Bilker Pastor bis an dessen Lebensende und darüber hinaus diese Angelegenheit nie. Bezeichnend ist die überaus kühle – auch in kleiner Type gedruckte – Nachricht über das goldene Priesterjubiläum Binterims im offiziellen kirchlichen Anzeiger für die Erzdiözese Köln vom 1. Oktober 1852.

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9. Leben und Werk im Urteil seiner Zeitgenossen und der Nachwelt

Die Persönlichkeit Binterims wirkte auf seine Umgebung in fast jeder Beziehung polarisierend. (Bei diesem Urteil werden auch seine Bewunderer wie seine Gegner heute zustimmen.) Nur sehr wenige Zeitgenossen konnten ihm gegenüber eine neutrale Haltung einnehmen. Am ehesten kann dies wohl von den Kölner Erzbischöfen Graf Spiegel und Droste zu Vischering gesagt werden, die ihm auf unterschiedliche Weise sehr entgegenkamen, aber es vermieden, seinen Ratschlägen zu folgen. Binterim hatte unter seinen Zeitgenossen aber zahlreiche Freunde und Bewunderer. Sie waren über den gesamten katholischen Teil Europas verteilt, fanden sich aber meist in Deutschland, Österreich, Italien und besonders in Belgien. Unter ihnen waren Fachgelehrte wie Johannes Möller, aber auch Persönlichkeiten wie der Vorkämpfer des politischen Katholizismus Joseph Görres, die konvertierten Schriftsteller Luise Hensel und Graf Friedrich Leopold von Stolberg sowie der bekannte – überzeugt protestantische – Düsseldorfer Astronom Johann Friedrich Benzenberg.

Gleichzeitig hatte er zu seinen Lebzeiten und mehr noch nach seinem Tode nicht wenige Feinde. Stammten aber seine Feinde im Leben aus ihm als feindselig bekannten gegnerischen Kreisen, so waren die ihn posthum befehdenden Autoren aus dem eigenen Lager. Knapp 80 Jahre nach seinem Tode erschien 1933 die bislang einzige umfangreiche Biographie über Binterim, und zwar als Dissertation der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Würzburg, von der Binterim einstmals den ersten seiner drei Doktorgrade erlangte. Ihr Titel lautete Anton Josef Binterim (1779-1855) als Kirchenpolitiker und Gelehrter. Gedruckt wurde sie im selben Jahr in Düsseldorf.

Der Verfasser dieser Arbeit, der Freiburger Diözesanpriester Cornel Schönig (1891-1955), nahm Binterim gegenüber eine Grundhaltung ein, die man nur als Mischung aus Verachtung und Mitleid bezeichnen kann; alles Schlechte an Binterim wurde von ihm weit übertrieben, alles Gute ebenso untertrieben. Dabei war Schönigs Arbeit fleißig recherchiert und sie ist bis heute unter dem Aspekt der in ihr enthaltenen Materialsammlung für jede weitere Beschäftigung mit Binterim unverzichtbar. Schönigs Doktorvater, der verdiente Kirchenhistoriker Sebastian Merkle (1862-1945), dessen sonstige Leistungen hier nicht geschmälert werden sollen, brachte Binterim unverhohlenen und schwer erklärbaren Hass entgegen. Dieser zeigte sich am deutlichsten in dessen Aufsatz Der hermesische Streit im Lichte neuer Quellen, der 1940 im Jahrbuch der Görres-Gesellschaft erschien.

Versucht man die deutliche Abneigung Merkles und Schönigs gegen Binterim zu erklären, so bietet sich wohl nur eine Deutung an. Beiden Autoren erschien Binterim als Hindernis im Bestreben, die katholische Kirche mit der modernen Wissenschaft und dem modernen Staat zu versöhnen. Dass Schönigs und Merkles Äußerungen ausgerechnet in die Jahre 1933 und 1940 fielen, also, was die Versöhnung mit dem Staat betrifft, mehr als unzeitgemäß waren, mag als Ironie der Geschichte gelten. Cornel Schönig war von 1934 durchgehend bis 1955 Religionslehrer am Ettlinger Gymnasium für Jungen, gewiss kein Zeichen für ausgeprägte Gegnerschaft zum Staat in dieser Zeit. So negativ wie Binterim von seinen Amtsbrüdern posthum überwiegend bewertet wurde (die Namen der beiden genannten ließen sich beträchtlich bis in die Gegenwart hinein verlängern), so wenig ablehnend verhielten sich die meisten Profanhistoriker aus beiden Konfessionen gegenüber dem gewaltigen Opus dieses im universitätsfernen Abseits wirkenden Kollegen.

Der Historische Verein für den Niederrhein bewies unter seinem Vorsitzenden Alexander Schnütgen (1926-1936) eine erstaunliche Offenheit, indem Schönigs Werk, dass doch gegenüber dem ideellen Gründervater hyperkritisch verfasst worden war, als Band 5 der Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein erscheinen konnte.

Aber auch im kirchlich-katholischen Bereich hat der Bilker Pfarrer stets eine kleine Gruppe von Bewunderern behalten. Mit wissenschaftlichem Anspruch verteidigten ihn vor allem Angehörige seines eigenen Ordens, also Kirchenhistoriker des Franziskanerordens. Stellvertretend für diese seien hier Willibald Kullmann und Hugo Dausend genannt, die auch nicht zögerten, Sebastian Merkle in diesem Zusammenhang unmittelbar anzugreifen.

Abb. 5: Binterim im Jahre 1838

Lithographie von Franz Pohl bei Welcker, Düsseldorf

Archiv der Kölnischen Franziskanerprovinz, Mönchengladbach
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Abb. 6: Binterim in seinem Todesjahr 1855

Lithographie von Foegen bei Henry & Cohen, Bonn

Archiv der Kölnischen Franziskanerprovinz, Mönchengladbach
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Häufig wurde Pastor Anton Josef Binterim einer eher moralischen als wissenschaftlichen Beurteilung unterzogen. Geschah dies in religiösem Kontext, so attestierte man ihm bereitwillig Glaubenseifer und Frömmigkeit, sprach ihm aber einen guten Teil der Tugenden ab, die sich auf das Zusammenleben mit anderen Menschen beziehen. Es fanden sich nicht wenige extreme Kritiker, die ihm schillernden Charakter oder gar eine zwielichtige Persönlichkeit unterstellten. Neben dem Vorwurf des Denunziantentums, den vor allem Hubert Bastgen 1931, also zwei Jahre vor Schönig, erhob, war es vor allem sein angeblich schrankenloser Ehrgeiz, der als ganz besonderer Makel herausgestellt wurde. Binterim hat zu unterschiedlichen Zeiten vor allem drei Ämter angestrebt, die in ganz unterschiedliche Karriererichtungen wiesen, nämlich das eines Ordinarius für Kirchengeschichte, das eines Weihbischofs und das eines Dompropstes. Ganz gewiss kann man Binterim Ehrgeiz nicht absprechen, man sollte diesen nur nicht – wie oft geschehen – als maßlos bezeichnen. Seine Prinzipien waren ihm nämlich stets wichtiger als seine Karriere.

Zum hundertsten Todestag Binterims erschien 1955 in der Zeitschrift "Die Bilker Sternwarte" eine insgesamt höchst positive Gesamtbeurteilung seiner Persönlichkeit durch Eduard Hegel. Hegel hat freilich in anderen Publikationen auch (berechtigte) Einzelkritik an Binterim vorgebracht. Das ausgesprochen negative Bild, das Max Braubach von Binterim als Historiker (1954 in seinen "Landesgeschichtlichen Bestrebungen") gezeichnet hat, wurde in mehreren Publikationen der letzten Jahre gründlich widerlegt. Bei zufälliger Recherche im Internet ist die Hochschätzung auffallend, die Binterim vor allem von Historikern aus romanischen Ländern und den USA entgegengebracht wird. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Forschungen dem Pastor und Kirchenhistoriker und seiner Bedeutung, die weit über die Erzdiözese Köln hinausreichte, vollends gerecht werden.


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