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Prof. Dr. Siegfried Schmidt75 Jahre bibliothekarische Ausbildung in BonnÜbersicht
Einleitung Die Bibliothekarschule des Borromäusvereins wurde am Samstag, dem 16. April 1921 in einer kleinen Feierstunde im Borromäushaus am Wittelsbacherring in Bonn offiziell eröffnet und nahm in der darauffolgenden Woche ihren Lehrbetrieb mit 15 Studentinnen und Studenten auf. Überlegungen zur Gründung einer 'Bibliothekarbildungsanstalt' gab es seitens der Zentralstelle schon 1912; diese führten aber in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg noch zu keinem konkreten Ergebnis[02]. Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten wurden die Gespräche hierüber 1920 wieder aufgenommen. Auf der Mitgliederversammlung des Vereins am 19.05.1920 wurde der konkrete Beschluß gefaßt, zur Vorbereitung der Einrichtung "den Betrag von zunächst zehntausend Mark zur Verfügung zu stellen"[03]. Nachdem die Vorarbeiten abgeschlossen waren, wurde die Gründung einer Schule endgültig in der Sitzung des Vereinsvorstandes vom 21. Februar 1921 beschlossen. Welche Motive waren damals ausschlaggebend für die Einrichtung einer bibliothekarischen Ausbildungsstätte durch den Verein? Folgt man den noch erhaltenen Akten der Schule und den Publikationen jener Zeit, so läßt sich feststellen, daß es mehrere Beweggründe waren, die eine eigene Bibliothekarschule notwendig erscheinen ließen:
Die Eröffnung der Bibliothekarschule stieß - nicht nur in der Fachwelt - auf eine erhebliche Resonanz. Etliche Tageszeitungen im gesamten Reichsgebiet druckten eine Agenturmeldung, in der es hieß, daß diese Bibliothekarschule auf katholischer Seite etwas ganz Neues sei. Die örtliche Deutsche Reichszeitung / Bonner Volkswacht widmete der Eröffnung auf ihrer zweiten Seite einen ausführlichen Eigenbericht[10]. Auch ein Jahr später, nach Abschluß des ersten Studienjahres, wiesen etliche Tageszeitungen auf die Ausbildungsmöglichkeit in Bonn hin. Die Kölnische Volkszeitung publizierte einen längeren, von Generalsekretär Braun verfaßten Bericht über die Ziele der Schule, die Inhalte der Ausbildung und über mögliche Berufsfelder für Absolventinnen und Absolventen[11] . Das zehnjährige Jubiläum der Schule wurde am Samstag, dem 28. Februar 1931 in einem Festakt gefeiert und war ebenfalls Anlaß für eine ausführliche Berichterstattung in der Presse[12]. Die Dozentenschaft der Bibliotheksschule setzte sich in den Anfangsjahren aus Mitarbeitern der Zentralstelle und Personen, die dem Verein in anderer Weise verbunden waren, aus Hochschullehrern der Universität Bonn und aus Bibliothekaren, vor allem Mitarbeitern der Universitätsbibliothek Bonn, zusammen. Es überwogen Personen aus dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen, was aber damit zusammenhängen mag, daß es zu dieser Zeit im Volksbüchereiwesen im Rheinland kaum hauptamtlich angestellte Kräfte gab. Natürlich unterrichtete auch Braun selbst an der Schule. Er vermittelte Kenntnisse in den Fächern Bibliothekskunde, Bibliotheksgeschichte, Modernes Volksbildungswesen und Katholisches Bildungswesen. Die Voraussetzungen für die Aufnahme an der Einrichtung waren: Mindestalter 18 Jahre und Primanerzeugnis (1921) bzw. Abitur (1924). Mit dieser Regelung ging man über den preußischen Erlaß von 1916 hinaus, der nur die mittlere Reife vorsah, und nahm eine Vorreiterrolle unter den Ausbildungsstätten im Reich ein[13]. In den Prospekten der Anfangsjahre hieß es weiterhin, daß nur Katholiken berücksichtigt werden können. Hiervon wich man erstmals 1926 ab. Im Protokollbuch der Dozentenkonferenz ist zu lesen: "Es liegen Anfragen von zwei nichtkatholischen Schülerinnen wegen Aufnahme in die Schule vor. Der Direktor wird ermächtigt, den Antragstellerinnen mitzuteilen, daß ihrem Eintritt nichts im Wege stände, wenn sie eine Anstalt mit nur kath. Dozenten für ihre eigene Ausbildung für geeignet hielten".[14] Die Schülerinnen und Schüler des ersten Kurses, die 1923 ihr Examen ablegten, stammten vorwiegend aus dem Köln-Bonner Raum. Aber schon mit dem zweiten Kurs 1924 weitete sich das Einzugsgebiet der Schule auf die katholischen Rheinlande und das Münsterland aus. In diesem Kurs machte auch Hedwig Fuisting aus Münster, die später Leiterin der Fernleihbibliothek und Studienleiterin der Schule (bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1958) wurde, ihr Examen. Die preußische Rheinprovinz, das Ruhrgebiet und Westfalen bildeten auch in den Folgejahren das Hauptherkunftsgebiet für die Besucher der Bonner Bibliothekarschule.[15] Über den Alltag der Ausbildung der Anfangsjahre läßt sich heute wenig berichten, da es kaum noch Zeitzeugen gibt, die das unmittelbar Erlebte veranschaulichen können. Der theoretische Unterricht fand in den Räumen der Zentralstelle statt. 1928 konnte die Schule einen, auf einem Nachbargrundstück neuerrichteten Anbau beziehen (Haus Wittelsbacherring 7), in dem im 1. Stock auch die zentrale Fernleihbibliothek des Vereins Platz fand. Eine willkommene Abwechslung zum Lehrbetrieb waren sicher Ausflüge, Besichtigungen und Exkursionen. In den späten 20er Jahren konnte man unter Leitung von Direktor Braun auch einmal eine elftägige Studienreise organisieren, die nach Freiburg i.Br., Bern, Genf, Lausanne, Mailand, Padua, Venedig, Innsbruck und München führte und mit der sich Besichtigungen von 12 Büchereien und schulischen Anstalten verbanden. Als Höhepunkt wurde jedoch eine Heilige Messe am Grabe des Heiligen Karl Borromäus im Mailänder Dom beschrieben.[16] Aber schon zwei Jahre später mußte die Dozentenkonferenz den Beschluß fassen, daß wegen der wirtschaftlichen Notlage statt einer Studienfahrt nur kürzere Reisen in die nähere Umgebung unternommen werden könnten.[17] Zwei studentische "Bierzeitungen" aus den Jahren 1932/33 und 1934 sind erhalten und zeigen, daß auch damals das Examen eine willkommene Gelegenheit war, die Ausbildungsinhalte, die Dozenten und die Gepflogenheiten der Schule von einer humoristischen Seite aus zu betrachten. Eine Examenszeitung aus dem Jahre 1932/33 brachte in Anspielung auf die leserpsychologische Studie von Albert Rumpf "Kind und Buch", die natürlich Pflichtlektüre für Prüflinge war, den Witz: Tischgespräch vor dem Examen: Sie müssen mir Ihren Rumpf leihen ...". Bei der Erstellung der Lehrpläne orientierte man sich an den gültigen preußischen Ministerialerlassen. Der erste Lehrplan war entsprechend der Prüfungsordnung von 1916 gegliedert. Dieser Lehrplan wurde bereits 1923, nach Abschluß des ersten Kurses, geändert, da man mit den Prüfungsergebnissen unzufrieden war. Die Schülerinnen und Schüler, denen die praktische Ausbildung fehlte, konnten dem Vergleich mit den Berliner Anwärtern nicht standhalten. Nach Auswertungen der Berliner Ausbildung wurde eine Umstellung der Lehrinhalte beschlossen, um künftig bessere Ergebnisse zu erzielen. Eine grundlegende Veränderung erfuhr der Lehrplan dann nach dem Inkrafttreten der Preußischen Bibliotheksprüfungsordnung von 1930. Diese verlangte erstmals eine Trennung der Ausbildung für den volksbibliothekarischen Dienst von der für den mittleren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Bibliotheksschülerinnen und -schüler mußten sich nun schon bei der Aufnahme für einen der beiden Ausbildungszweige entscheiden. In der Praxis fanden in Bonn aber weiterhin viele Veranstaltungen für die Hörer beider Zweige gemeinsam statt; einzelne Vorlesungen wurden aber nur noch speziell entweder für die angehenden Volksbibliothekare oder die angehenden Bibliothekare an wissenschaftlichen Bibliotheken abgehalten.[18] Die Zahl der Absolventinnen und Absolventen der
Bonner Bibliothekarschule war in den ersten Jahren gering. Zwischen 1923
und 1931 schlossen insgesamt 83 Personen aus neun Kursen die Ausbildung
erfolgreich ab. Einer internen Statistik ist zu entnehmen, daß von
69 Personen, die bis 1930 ihr Examen ablegten, 17 im katholischen Büchereiwesen
Anstellung fanden, 23 in anderen Büchereien angestellt wurden, 8 sich
noch auf die staatliche Prüfung in Berlin vorbereiteten, 10 arbeitslos
waren und der Rest - überwiegend aus privaten Gründen (z.B. Heirat,
Eintritt in ein Kloster) keine Berufstätigkeit ausübte.[19]
Diejenigen, die im katholischen Büchereiwesen eine Beschäftigung
fanden, wurden entweder in der Zentralstelle selbst angestellt, übernahmen
die fachliche Leitung neu geschaffener Diözesanstellen oder arbeiteten
hauptamtlich in einzelnen großen katholischen Volksbüchereien,
z.B. in Bonn, Trier und Saarbrücken. Beispielhaft seien an dieser
Stelle genannt: Maria Göbbels (Beratungsstelle BV, Examen 1924), Gisela
Peters (Beratungsstelle Neisse, Examen 1924), Gertrud Fritzen (Beratungsstelle
BV, Examen 1927), Aenne Kellner (Diözese Trier, Examen 1928), Johannes
Knobloch (Münsterbibl. Bonn, später Beratungsstelle BV, Examen
1928) Elisabeth Mies (Diözese Aachen, Examen 1928). Aufgrund der im
katholischen Büchereiwesen insgesamt doch begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten
wurde nunmehr der Ausbildung für den eigenen Bedarf kein Vorrang mehr
eingeräumt. Vielmehr wurde die Ausbildung für die eigenen Zwecke
und die theoretische Ausbildung für Personen, die in Berlin das staatliche
Examen ablegen wollten, als gleich wichtig angesehen.
Mit der staatlichen Anerkennung verbunden war nun auch die Regelung, daß einige Schülerinnen und Schüler weiterhin direkt vom Verein aufgenommen wurden, andere aber im Zuge eines zentralen Zuteilungsverfahrens von Berlin aus der Bonner Schule zugewiesen wurden. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Borromäusvereins und der Bibliotheksschule. Das staatliche Volksbüchereiwesen wurde nun zwar stärker gefördert, zugleich aber auch im Sinne des Nationalsozialismus politisiert und ideologisiert. Das katholische Büchereiwesen wurde ab 1933 durch den NS-Staat mit wachsender Intensität bevormundet, unterdrückt und schließlich zur Zerschlagung freigegeben. Eine erste Etappe dieser Unterdrückung, an der sich andere volksbibliothekarische Verbände und ihre Wortführer teils willfährig beteiligten, war die Aberkennung jeglichen Öffentlichkeitscharakters und die Rückverweisung in den kirchlichen Raum. Die Bibliotheksschule des Borromäusvereins
fiel dieser Politik als eine der ersten Einrichtungen zum Opfer, denn der
Lehrbetrieb wurde bereits mit dem Ende des Wintersemesters 1933/34 eingestellt.
Die genauen Umstände der 'Schließung' konnten noch nicht rekonstruiert
werden, da beim Verein nur wenige Akten aus dieser Zeit erhalten sind und
schriftliche Aufzeichnungen zum Teil wohl auch aus Angst vor staatlichen
Übergriffen bewußt vermieden wurden. In groben Zügen läßt
sich der Vorgang allerdings aufgrund mittlerweile in anderen Archiven aufgefundenen
Aktenstücken wie folgt schildern:
"Endlich darf ich noch mitteilen, daß die Grundsätze des nationalsozialistischen Staates die staatliche Anerkennung einer konfessionellen Bibliotheksschule nicht angängig erscheinen lassen. Wenn vor wenigen Jahren der Borromäusverein die staatliche Anerkennung der Bibliotheksschule nachsuchte, so mag das bei dem gespannten, wenn nicht feindlichen Verhältnis zwischen den marxistischen Machthabern und den Kirchen berechtigt gewesen sein. Im nationalsozialistischen Staate ist diese Voraussetzung fortgefallen. Dazu kommt, daß bei der geringen Zahl der Bibliotheksschulen eine Spaltung nach konfessionellen Gesichtspunkten vermieden werden muß. Es muß deshalb bezüglich der Bonner Bibliotheksschule bei der Entscheidung vom 27. November 1933 verbleiben. Eine Weiterarbeit für private Zwecke des Borromäusvereins wird durch diese Entscheidung nicht berührt".[21]
Der Lehrbetrieb wurde mit dem Ende des Wintersemesters 1933/34 nahezu 'geräuschlos' eingestellt. Immerhin war gewährleistet, daß diejenigen, die ihr Studium noch nicht abgeschlossen hatten, die Ausbildung an einer staatlichen Büchereischule beenden konnten. Keine Notiz in den Unterlagen der Bibliotheksschule, etwa im Protokollbuch der Dozentenkonferenz oder im Tagebuch der Lehrveranstaltungen, weist auf das von außen erzwungene vorläufige Ende der Bonner Bibliotheksschule hin. Etliche, noch im Archiv der Fachhochschule erhaltene Zeitungsausschnitte zu Fragen der bibliothekarischen Ausbildung weisen darauf hin, daß seitens des Vereins die Einstellung des Lehrbetriebes nur als vorübergehend angesehen wurde. Man verlor das Ziel, die Bibliotheksschule unter geänderten politischen Vorzeichen wiederzueröffnen, nicht aus dem Auge. Der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Dozentenkonferenzen während des letzten Kriegsjahres vorbereitet und nur wenige Monate nach Kriegsende konkret in Angriff angenommen. Die Genehmigung zur Wiedereröffnung der Schule wurde von der Militärregierung der Britischen Besatzungszone, zu der Bonn nun gehörte, bereits am 19.01.1946 ausgesprochen. Unter schwierigsten äußeren Bedingungen konnten so zum 1. Mai 1946 wieder achtzehn Schülerinnen und Schülern aufgenommen werden, die von 11 Dozenten betreut wurde. Die Erneuerung der staatlichen Anerkennung durch das erst wenige Monate zuvor gegründete Land Nordrhein-Westfalen erfolgte am 6.03.1947 unter ausdrücklicher Würdigung der Verdienste des Vereins um die Förderung des Büchereiwesens.[23] In Ermangelung anderer Regelungen bildete man weiterhin nach der preußischen Bibliotheksprüfungsordnung von 1930 für beide Zweige des Büchereiwesens aus. In einem Schulprospekt aus dem Jahre 1946 hieß es: "Die Schule ... nimmt die Tradition auf, die 1934 durch staatliche Maßnahmen abgebrochen wurde, erweitert sie aber insofern, als sie jetzt auch für den Buchhandel geeignete Kräfte ausbildet. Die bibliothekarischen Kräfte sollen den Bedürfnissen des Vereins dienen ... Aber auch denjenigen, die sich für den Dienst an Volksbibliotheken oder für den mittleren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken vorbereiten wollen, soll die Schule die Möglichkeit dazu geben".[24] Neu war also Möglichkeit, sich in Bonn als Buchhändler oder als Verleger ausbilden zu lassen. Dieser Ausbildungszweig wurde allerdings bereits 1954 wieder von der Schule abgetrennt. Vorübergehend nannte sich das Institut in den ersten Nachkriegsjahren Bibliotheks- und Buchhandelsschule des Borromäusvereins. Seitdem erfolgte in Bonn kontinuierlich eine Ausbildung von Diplom-Bibliothekarinnen und Bibliothekaren für den Dienst an Volksbüchereien bzw. an Öffentlichen Bibliotheken. Der Ausbildungszweig für das wissenschaftliche Bibliothekswesen wurde dagegen 1972 vorläufig eingestellt. Es konnte anhand des Prüfungsbuches und der Personalkartei ermittelt werden, daß in der Zeit von 1948 bis 1995 571 Personen ihr Diplom-Examen ablegten, darunter 510 für das Öffentliche Bibliothekswesen und 61 für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken (1948-1972). Zusammen mit 132 Absolventinnen und Absolventen der Jahre 1923-1934 ergibt sich damit eine Gesamtzahl von 703 ausgebildeten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren seit Gründung der Schule. Hinzu kommen noch 52 Buchhändlerinnen und Buchhändler (1948-1954). Es ist klar, daß eine solche, über viele Jahrzehnte geleistete Arbeit einer Entwicklung bzw. einem Wandel unterlag, in der sich Anpassungen an veränderte Berufswirklichkeiten aber auch geänderte Ansprüche gegenüber dem bibliothekarischen Beruf widerspiegeln. Diese Veränderungen werden zum einen deutlich an den Inhalten des theoretischen Studiums, an den Prüfungsthemen, aber auch an den Lehrveranstaltungsformen und an der gesamten Studienorganisation. In den frühen fünfziger Jahren dominierten in der theoretischen Ausbildung für die angehenden Volksbibliothekare, die weiterhin drei Semester dauerte und von einem einjährigen großen Praktikum in einer Volksbücherei und einem kleinen Praktikum in einer wissenschaftlichen Bibliothek begleitet wurde, drei große Themenkreise: die Beschäftigung mit der Weltliteratur, die Wissenschaftskunde und das Bildungswesen. Im Mittelpunkt stand also eine Beschäftigung mit den Inhalten der in einer Volksbücherei angebotenen Bücher und mit Fragen der büchereipädagogischen Vermittlung dieser Inhalte. Bibliothekarischem Fachwissen im engeren Sinne, etwa im Rahmen der Büchereiverwaltung, wurde dagegen nur eine untergeordnete Bedeutung beigemessen.[25] In den Kernfächern unterrichteten damals profilierte nebenamtliche Dozenten. Prof. Dr. Theo Clasen (1908-1988) hielt anspruchsvolle Vorlesungen zur Literaturgeschichte. Der bei den Studierenden des Instituts sehr beliebte Leiter der Bonner Stadtbücherei, Dr. Bernhard Rang, war für die Vermittlung der Weltliteratur zuständig. Der stellvertretende Direktor der UB Bonn, Dr.Gustav Reich (1894-1966), vermittelte die Wissenschaftskunde sehr präzise und mit einem äußerst fundierten fachlichen Hintergrund. Die Büchereipädagogik und das Bildungswesen wurden weiterhin von den beiden Männern an der Spitze des Vereins, Direktor Johannes Braun und Generalsekretär Dr. Albert Rumpf, doziert. Dr. Rumpf nahm seine Aufgabe sehr ernst und verlangte, daß die Studierenden seinen Vorlesungsstoff und den Inhalt der zahlreich verteilten Manuskripte bei den Prüfungen genau beherrschten. Braun, der Mitbegründer der Schule, wirkte auf die Studierenden, die ihn noch im ersten Nachkriegsjahrzehnt erleben durften, wie ein großer Patriarch. Solange er als Direktor des Vereins amtierte, wurde das Amt der Leitung der Bibliotheksschule von ihm voll ausgefüllt. Als Studienleiterin war Hedwig Fuisting nur mit organisatorischen und praktischen Aufgaben betraut. Sie war die Ansprechpartnerin für die Studierenden in allen Fragen und wird als ein mütterlicher Typ beschrieben, der Verständnis für die Finanznöte und Sorgen des einzelnen hatte. Da sie keine akademische Ausbildung vorweisen konnte, beschränkte sich ihre Tätigkeit als Dozentin ohnehin auf das bibliothekspraktische Fach des Unterrichts in Formalkatalogisierung nach den 'Preußischen Instruktionen'. Den Zugang zu diesem trockenen Stoff und zugleich gefürchteten Prüfungsfach verstand sie aber gut zu vermitteln und durch die Auswahl interessanter Beispiele aufzulockern. In den Nachkriegsjahren bestand ein enger Kontakt der Bonner Bibliotheksschule zum benachbarten staatlichen Bibliothekar-Lehrinstitut in Köln, das 1928 als Westdeutsche Büchereischule gegründet worden war und in jenen Jahren räumlich und personell eng mit der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln verbunden war. Dies ergab sich natürlich daraus, daß das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen für beide Büchereischulen zuständig war und Erlasse und Verordnungen gleichermaßen auf Köln und Bonn anwandte. Aufgrund insgesamt knapper Ausbildungsplätze und Praktikantenstellen gab es Absprachen bezüglich der Aufnahme von Bewerberinnen und Bewerbern[26]. Für das einjährige große Praktikum an einer Volksbücherei hatte sich der Brauch durchgesetzt, daß die Einweisung in das Praktikum auch für die Bonner Schülerinnen und Schüler vom Direktor des BLI in Köln vorgenommen wurde. Diese Gewohnheit ließ nach einigen Jahren in Bonn die Befürchtung aufkommen, man könnte vereinnahmt werden, da die Praktikumsbibliotheken teilweise ihre gesamte Korrespondenz nur noch mit dem BLI in Köln führten. Das Kultusministerium publizierte daraufhin Ende 1957 einen Erlaß, in dem u.a. die Gleichwertigkeit der beiden Institute bestätigt wurde und zugleich geregelt wurde, daß der Direktor des BLI in Köln zwar weiterhin die Zuweisung in das Praktikum regeln sollte, der weitere Schriftwechsel mit den Ausbildungsbüchereien aber von Bonn aus unmittelbar geführt werden sollte.[27] Mitte der 50er Jahre schied dann die Gründergeneration, die auf Seiten des Vereins die Bibliotheksschule ins Leben gerufen hatte und durch ihr Engagement seitdem mitgetragen hatte, aus dem aktiven Berufsleben aus: Direktor Braun ging im Mai 1956 mit fast 78 Jahren in den Ruhestand, ihm folgte anderthalb Jahre später sein Stellvertreter Dr. Rumpf, und einige Monate später die erste Studienleiterin der Bibliotheksschule, Hedwig Fuisting. Zugleich mußte auch die Ausbildung inhaltlich und ihrer äußeren Form nach reformiert werden, denn am 1.4.1957 wurde vom Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen eine neue Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den Dienst an Volksbüchereien erlassen[28], die die preußische Ordnung von 1930 ablöste. In der Folgezeit sind die Geschicke der Bonner Ausbildungsstätte für mehr als ein Vierteljahrhundert auf das engste mit der Studienleiterin, Maria Bollig (* 1915) verknüpft, die am 1.10.1958 in der Nachfolge von Hedwig Fuisting zunächst hauptberufliche Dozentin wurde und ein Jahr später auch das Amt der Studienleiterin übernahm. In dieser Funktion war sie bis zu ihrem Ruhestand Ende 1984 tätig. Maria Bollig gehört zu jenem nicht seltenen Typus Bibliothekarin, die diesen Beruf erst in ihrem "zweiten Leben" ergriffen. Am 7.7.1915 als Tochter eines Postbetriebsrates in Köln geboren, legte sie 1934 ihr Abitur an der dortigen Kaiserin-Augusta-Schule ab. Ihrer ausgesprochenen musischen Begabung folgend bemühte sie sich in den Folgejahren um eine Aufnahme in die Meisterklasse Gesang an der Musikhochschule Köln, was ihr 1938 gelang. Von 1938-1942 studierte sie Musik. Nach bestandenem Opernexamen verließ sie die Hochschule 1942, um ein Engagement als Solistin an den Städtischen Bühnen Bonn anzunehmen. Nach der Schließung der Oper im Jahre 1950 stand sie als 35jährige vor dem Problem der beruflichen Umorientierung. Eine freie Betätigung als Konzertsängerin reichte in den Nachkriegsjahren nicht zu einem dauerhaften und gesicherten Lebensunterhalt aus. Sie fand eine Halbtagsstelle als Sekretärin der "Arbeitsgemeinschaft für westdeutsche Landes- und Volksforschung" innerhalb des damals von dem angesehenen Historiker Prof. Dr. Franz Steinbach geleiteten Instituts für geschichtliche Landeskunde an der Universität Bonn. Als freie Mitarbeiterin der Bonner Gilde-Buchhandlung bemühte sie sich außerdem, im Einverständnis mit der Klinikleitung, Patienten der Bonner Universitätsklinik am Krankenbett "gute Bücher als ein neuartiges 'Heilmittel' im Kampf gegen Langeweile, Apathie und Resignation anzubieten" und so der Buchhandlung ein neues Absatzgebiet zu erschließen. Gerade dieses persönliche Engagement am Krankenbett ließ wohl in ihr den Entschluß reifen, die Arbeit mit Menschen und guten Büchern zum Hauptberuf zu machen - Tätigkeitsmerkmale, die damals in besonderer Weise mit dem Beruf der Volksbibliothekarin in Verbindung gebracht wurden. 1955 wurde sie an der Bonner Bibliotheksschule aufgenommen und absolvierte sodann vom Oktober 1955 bis zum September 1958 ihr volksbibliothekarisches Studium. Es war für Maria Bollig sicher eine glückliche Fügung, daß ihr Ausbildungsende mit der anstehenden Pensionierung der bisherigen Studienleiterin, Hedwig Fuisting, zusammenfiel. Leidvolle Erfahrungen mit der bisher in der Zentrale des Borromäusvereins nicht unüblichen Praxis, langjährige Mitarbeiter teilweise auch noch weit in das Rentenalter hinein weiterzubeschäftigen, ließen es dem neuen Direktor des Vereins, Dr. Leo Koep[29], opportun erscheinen, die Stelle der Studienleiterin rasch neu zu besetzen. Koeps Wahl fiel auf die Studentin Maria Bollig, die neben ihrer Beheimatung im katholischen Milieu und guter Studienleistungen auf eine abgeschlossene akademische Ausbildung und aufgrund ihres Lebensalters - sie war inzwischen 43 Jahre alt - auf die für eine solche Aufgabe nötige menschliche Reife verweisen konnte. "Sie kämpfte wie eine Löwin um ihre Studentinnen und Studenten und um ihr Institut" - diesem Ausspruch begegnet man immer wieder, wenn man Zeitzeugen nach dem Wirken von Frau Bollig befragt. Diese Feststellung kann sich auf viele Situationen beziehen, etwa, wenn sie der Meinung war, daß dem Institut die notwendige Anerkennung von außen versagt wurde oder es an der erforderlichen Unterstützung seitens des Borromäusvereins fehlte. Genausogut mag dieser Spruch aber auch ihren Einsatz im Prüfungsausschuß beschreiben, wenn sie glaubte, eine an sich gute Studentin habe in einer Prüfung einen schlechten Tag erwischt und sollte deshalb bei der Beurteilung mit größerer Nachsicht behandelt werden. Und schließlich verbirgt sich hinter einer solchen Formulierung auch die Einstellung, hinter den Studierenden die Menschen mit ihrer je eigenen Biographie zu sehen und an deren Problemen und Schicksalen Anteil zu nehmen. Der mit dieser Grundhaltung verbundene sehr persönliche und fürsorgliche Führungsstil darf als ein Charakteristikum der bibliothekarischen Ausbildung in Bonn gesehen werden, das sicherstellte, daß die meisten angehenden Bibliothekarinnen und Bibliothekare ihr Studienziel "an der Schule" ohne Umwege und mit guten Erfolgen erreichten. Als Studienleiterin und einzige hauptamtliche Dozentin war Maria Bollig in einer "Einzelkämpfersituation". Anders als unter dem Begründer Johannes Braun lag die Erledigung der Alltagsgeschäfte des Instituts bis hin zu reinen Sekretariatsaufgaben, die Organisation des Studienbetriebs, der Praktika und der Prüfungen und die Wahrnehmung zahlreicher Außenkontakte unter seinen Nachfolgern Koep und Dr. Franz Hermann[31] in einem weitaus stärkeren Maße in der Hand der Studienleiterin. Maria Bollig bewältigte diese Aufgaben mit großem persönlichen Einsatz und einem oft bis in die Abendstunden hineinreichenden Arbeitspensum. Die notwendigen Verbindungen zur bibliothekarischen Fachwelt sicherte sie sich nicht zuletzt auch durch eine persönliche Präsenz in zahlreichen Gremien und auf Fachtagungen: Mitwirkung in der Konferenz der bibliothekarischen Ausbildungsstätten (später auch in der Sektion 7 des Deutschen Bibliotheksverbandes), regelmäßige Teilnahme an den Zusammenkünften des Arbeitskreises für Jugendliteratur, an den Jahrestagungen des Vereins der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken und des Verbandes Deutscher Werkbüchereien und an den seit 1969 durchgeführten Studientagungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der katholischen Büchereiarbeit sollen hier als Beispiele genügen. Zu diesem umfangreichen Reiseprogramm gehörte auch die Teilnahme als Gast an den Abschlußprüfungen anderer Ausbildungsstätten, vor allem am Kölner Bibliothekar-Lehrinstitut. Als Dozentin unterrichtete Maria Bollig vor allem in den Fächern Bibliotheksverwaltungslehre, Sachkatalogisierung, Bibliotheksgeschichte, Geschichte des Bildungswesens, Pädagogik und Psychologie. Die Schwierigkeit, ohne allzugroße theoretische oder praktische Vorerfahrungen den Studierenden diese unterschiedlichen Inhalte zu vermitteln, bewältigte sie ebenfalls mit "unglaublichem Fleiß"[32]. Wichtige Lehrbücher, Materialien von einschlägigen Fortbildungsveranstaltungen und Unterlagen, die andere Dozenten zur Verfügung stellten[33], bildeten so die Grundlage für die eigenen Vorlesungen. Ebenso großen Fleiß verlangte sie von den Studierenden: fest umrissenes, stark an bestimmten Vorlagen orientiertes Wissen war zu rezipieren und mußte "sitzen". Staatliche Anerkennung ohne staatliche UnterstützungHatte man die staatliche Anerkennung der Bonner Ausbildung nach dem Zweiten Weltkrieg bereits vor der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen wiedererlangt, so stellte sich um 1960 die Frage einer Bezuschussung der Bonner Ausbildungsstätte durch staatliche Mittel auf dem Hintergrund zunehmender finanzieller Probleme des Borromäusvereins mit wachsender Dringlichkeit. Der Verein befand sich damals in einer konzeptionellen Krise, die erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Öffnung der katholischen Büchereiarbeit unter dem Leitslogan 'Katholische öffentliche Bücherei' überwunden werden konnte. Die ausschließliche Finanzierung der Büchereischule allein aus Erträgen der Vereinstätigkeit schien nicht länger möglich zu sein. Der neue, Anfang 1961 ins Amt gekommene Direktor des Vereins, Dr. Franz Hermann, unternahm beim Düsseldorfer Kultusministerium energische Vorstöße, Landesmittel für diese Aufgabe des Vereins zu erhalten und die Bibliotheksschule in den Kreis der staatlich geförderten Ersatzschulen einzubringen. In einem Brief an das Ministerium begründete er diese Forderung so: Die Bibliotheksschule "war ursprünglich gedacht als Ausbildungsstätte für Bibliothekare in kirchlichen Büchereien. Seit ihrer staatlichen Anerkennung mußte die Schule erheblich erweitert werden und findet der größte Teil der Absolventen Anstellung in kommunalen oder staatlichen Büchereien"[34]. Einer beigefügten Übersicht ist zu entnehmen, daß von 49 Absolventen der Examensjahrgänge 1958, 1960 und 1961 lediglich 7 (= 15%) eine Stelle in der kirchlichen Büchereiarbeit fanden. Zugleich legte er einen Haushaltsplan für das Jahr 1962 vor, dem zu entnehmen ist, daß sich die Personal- und Sachkosten auf ca. DM 55.500,- belaufen, wovon DM 10.500,- durch Studiengebühren eingenommen werden sollten und der Restbetrag durch den Verein aufzubringen war[35]. Das Ministerium zeigte sich durchaus aufgeschlossen in der Frage einer staatlichen Unterstützung, knüpfte diese aber an Bedingungen: In einer Unterredung mit dem zuständigen Regierungsdirektor Classen im Ministerium wurde für 1962 ein Zuschuß von DM 35.000.- (also etwa 60% der Kosten) in Aussicht gestellt, unter der Voraussetzung, daß die Schule die Studiengebühren abschaffe und künftig jährlich mindestens drei Bundesanwärter für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken aufnehme. Eine Finanzierung nach dem Ersatzschulgesetz des Landes aus dem Jahre 1952 sei allerdings nicht möglich, da die Schule nicht den dort aufgestellten Bedingungen entspreche.[36] Präzisiert und erschwert wurden die Auflagen und Forderungen seitens des Landes in dem offiziellen Antwortschreiben des Ministeriums, das einige Wochen später vorlag. Dort wurde die Gewährung von Landeszuschüssen zunächst mit einer Verstärkung der Staatsaufsicht über die Schule verknüpft: "Es bietet sich einmal die Möglichkeit, entsprechend der niedersächsischen Regelung für die Evangelische Bibliotheksschule in Göttingen den Direktor der Universitätsbibliothek in Bonn, der bisher schon ständiger Staatskommissar für die Prüfungen der Bonner Schule war, mit der Wahrnehmung der Schulaufsicht über die Bibliotheksschule ständig zu betrauen. Es bietet sich aber auch die Möglichkeit, an der Bibliotheksschule in Bonn einen ständigen Beirat von etwa 5 Personen zu bestellen, dessen Aufgabe es wäre, sich laufend über die Durchführung des Unterrichts zu informieren und die Leitung der Schule zu beraten. Dieser Beirat würde zweckmäßig aus zwei Leitern von großen Bibliotheken des Landes und zwei aus dem Kreise des Borromäusvereins bestellten Mitgliedern bestehen. Zu ihm würde ein vom Kultusministerium bestellter Direktor einer Universitäts-Bibliothek als Vertreter des Staates gehören". Solche Zuschüsse seien jährlich neu zu beantragende Ermessenszuschüsse; eine Finanzierung nach dem Ersatzschulgesetz würde einen starken Umbau der Schule, insbesondere in personeller Hinsicht voraussetzen[37]. Solchen weitreichenden Forderungen nach staatlicher Aufsicht und Vereinnahmung wollten und konnten sich der Direktor und der Vorstand des Vereins jedoch nicht anschließen. Sie widersprachen nicht nur der - sicher auch aus bitteren Erfahrungen mit staatlicher Reglementierung während der Jahre des Nationalsozialismus geprägten - Grundhaltung, eine staatliche Einflußnahme auf die Aktivitäten des Vereins nach Möglichkeit zu vermeiden, sondern hätten in der Praxis auch bedeutet, daß der Borromäusverein die Leitung der Schule hätte aufgeben müssen. So verzichtete man lieber auf das an sich dringend benötigte Geld. Hinzu kam, daß der für die Schulaufsicht ins Auge gefaßte Direktor der UB Bonn, Prof. Dr. Viktor Burr (1906-1975)[38], kaum geneigt war, dieses Amt zu übernehmen und sich auch nur schwer vorstellen konnte, in einem Beirat mit einem Herrn aus einer kommunalen Bücherei und einer staatlichen Büchereistelle zusammenzuarbeiten[39]. Aus heutiger Sicht mag man bedauern, daß es damals nicht gelang, der Bonner Bibliotheksschule eine staatliche Mitfinanzierung zu sichern. Hermanns Vorstoß kam zeitlich allerdings auch fast schon zu spät. Aufgrund der politischen Konstellationen im Lande Nordrhein-Westfalen darf man davon ausgehen, daß in der ersten Hälfte der 50er Jahre eine Ersatzschulfinanzierung für die Bibliotheksschule problemlos und ohne besondere Auflagen zu erreichen gewesen wäre, wenn der Verein diese beantragt hätte. Wäre eine solche Mitfinanzierung erfolgt, so hätte die Einrichtung sicher in den darauffolgenden Jahrzehnten andere Entwicklungschancen gehabt. Angesichts der heutigen Personalausstattung etlicher staatlicher Fachhochschulen bzw. Fachbereiche für Bibliothekswesen wird gerne übersehen, daß diese Bibliotheksschulen Anfang der 60er Jahre ebenfalls nur in einem sehr begrenzten Umfange über hauptamtliche Dozentinnen und Dozenten verfügten. Der Preis für diese Entwicklung wäre allerdings eine stärkere Verselbständigung der Büchereischule gegenüber dem Borromäusverein gewesen. So blieb jedoch alles beim alten - der Borromäusverein blieb Träger der staatlich anerkannten Bibliotheksschule Bonn, die allein schon aus finanziellen Überlegungen heraus ihre Ausbildungskapazitäten und ihr hauptamtliches Personal nicht erweitern konnte. Eine stärkere Erweiterung wurde aber aus inhaltlichen Erwägungen heraus nicht für sinnvoll gehalten. Immerhin gelang es einige Jahre später Zuschüsse für die Dienstleistungen des Vereins (Büchereischule, Fernleihbibliothek, Lektorat und Generalsekretariat) von den deutschen Bistümern über den Verband der Diözesen Deutschlands zu erhalten und damit diese Dienste materiell abzusichern. Gründe für eine eigene BibliotheksschuleEs mag Außenstehenden bemerkenswert erscheinen, daß der Verein auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie den 60er Jahren immer zu "seiner" Ausbildungsstätte für hauptamtliche Diplom-Bibliothekarinnen und Bibliothekare gestanden hat. Rückblickend betrachtet lassen sich für die Nachkriegsjahrzehnte wohl durchgängig vor allem drei Begründungen für diese Haltung anführen, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben: Zwar hat der Bedarf an Bibliothekaren im Hauptberuf nie jene Ausmaße angenommen, wie es vielleicht von den Gründern der Bibliotheksschule erhofft wurde und manche Planungspapiere späterer Jahre es vorhersagten - dennoch gab und gibt es einen kontinuierlichen Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal in den Zentral- und Fachstellen der katholischen Büchereiarbeit und später auch in den in verschiedenen Bistümern entstandenen Vertragsbüchereien. Genannt seien an dieser Stelle beispielsweise die Diözesanbibliothekarinnen und -Bibliothekare Norbert Brockmann (Aachen, später Borromäusverein), Marlies Göcking (Essen), Heide Hünnebeck (Mainz), Renate Kaliner (Berlin), Liesel Müller (Limburg), Hildegard Neuhäuser (Trier), Anni Schlaud (Münster) und Rainer Stratmann (Paderborn), die alle in Bonn in den 50er und 60er Jahren an der Bibliotheksschule Bonn ihr Diplom erworben hatten und die die katholische Büchereiarbeit auf Fachstellenebene für Jahrzehnte maßgeblich geprägt haben. Von 164 Abgängern der Jahre 1980-1995 sind gegenwärtig (Dezember 1996) 33 Personen (= 20%) in Einrichtungen der kirchlichen Büchereiarbeit, vor allem in den Zentralstellen (BV und SMB), in den diözesanen Büchereifachstellen und in hauptamtlichen Katholischen öffentlichen Büchereien als Diplom-Bibliothekarinnen und -Bibliothekare beschäftigt. Bonner Absolventinnen und Absolventen dominierten von jeher auf diesem Teilsegment des Arbeitsmarktes, weil die Schule dem Verein immer auch die Möglichkeit bot, in der Ausbildung Schwerpunkte zu setzen, die mit den eigenen Zielsetzungen der Arbeit in Beziehung standen und die anderenorts nicht die notwendige Berücksichtigung fanden. Mit dem qualifizierten Studienangebot der Bibliotheksschule machte der Borromäusverein den seiner Arbeit oft skeptisch oder gar kritisch gegenüberstehenden Vertretern der kommunalen Büchereiarbeit deutlich, daß die allgemein anerkannten fachlichen Standards auch für die katholische Büchereiarbeit gelten - ungeachtet der Tatsache, daß in der Mehrzahl der örtlichen katholischen öffentlichen Büchereien keine hauptamtlichen Kräfte beschäftigt sind. Die Büchereischule verschaffte dem Verein Anerkennung für seine Arbeit und trug immer auch dazu bei, daß seine Aktivitäten als wesentlicher Beitrag zum Aufbau und Erhalt einer vielfältigen Bibliothekslandschaft in Deutschland wahrgenommen wurden. Nicht selten waren die Praktikantinnen und Praktikanten dank ihrer hohen Motivation und Einsatzfreude in den Ausbildungsbibliotheken die besten Botschafter des Vereins und konnten manches Vorurteil gegenüber dem Borromäusverein abbauen. Rita Kalbhenn erinnert sich z.B. an ihr großes Praktikum Anfang der 50er Jahre: "Das habe ich in der Stadtbibliothek Essen abgeleistet ... - Wir hatten einmal im Monat eine große Versammlung in der Bibliothek im Rathaussaal in Essen. Da wurden Bücher vorgestellt, organisatorische Fragen besprochen, und die Praktikanten saßen auf einem Katzenbänkchen an der Seite. Wir waren damals zwei aus Hamburg, zwei aus Stuttgart, zwei aus Köln und zwei aus Bonn. Wir waren allen Mitarbeitern der Bibliothek noch völlig unbekannt. Die saßen nun dort und beugten sich zu uns und versuchten herauszufinden, wer denn die braven Bonner wären. Die braven Bonner entpuppten sich dann als die Stuttgarter. So kann man Vorurteile schnell beseitigen"[40]. Des weiteren war und ist der Studiengang Öffentliches Bibliothekswesen Teil eines umfassenden, abgestuften Aus- und Fortbildungsangebotes zur Qualifizierung der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der katholischen Büchereiarbeit. Seit Jahrzehnten kann der Verein hier auf eine systematische und äußerst erfolgreiche Arbeit zurückblicken. Zwischen den einzelnen Bausteinen des Angebotes gibt es zahlreiche Wechselbeziehungen und Synergieeffekte: sei es, daß Jugendliche, die sich einige Jahre ehrenamtlich in einer KÖB engagiert haben und vielleicht über die Basis-12-Grundausbildung und den Besuch von Diözesantagen den Entschluß gefaßt haben, die Bibliotheksarbeit zum Beruf zu machen, sei es, daß sich Dozentinnen und Dozenten der Ausbildungsstätte zugleich in der Ausbildung zur kirchlichen Büchereiassistentin engagieren, sei es, daß manche Mutter - angeregt durch das Studium der eigenen Tochter - den Entschluß faßt, selbst die Qualifizierung zur kirchlichen Büchereiassistentin anzustreben. Synergieeffekte gab es natürlich stets auch zwischen der durch das Dozentenkollegium repräsentierten Fachkompetenz und dem Bemühen der Zentralstelle, für die Fachstellen und für die örtlichen Büchereien vielfältige Service- und Dienstleistungen zu erbringen und diesen beratend zur Seite zu stehen. Eine besonders enge Verbindung bestand seit jeher zwischen der Bibliotheksschule des Borromäusvereins und der Universitätsbibliothek Bonn. Schon kurz nach der Gründung engagierten sich einzelne Mitarbeiter der UB als nebenamtliche Dozenten. Diese Tradition setzte sich über die gesamte Nachkriegszeit durch zahlreiche Dozentinnen und Dozenten fort. Darüber hinaus wurde der Direktor der Universitätsbibliothek regelmäßig von Düsseldorfer Kultusministerium zum sogenannten Staatskommissar bestellt, der die ordnungsgemäße Durchführung der Examensprüfungen zu überwachen hatte. Zwischen 1952 und 1968 wurde dieses Amt von Prof. Dr. Viktor Burr wahrgenommen. Aus Sicht des Borromäusvereins gestaltete sich der Umgang mit ihm nicht immer einfach, da Burr dieses Aufsichtsamt offensichtlich sehr ernst nahm und keineswegs nur auf die Abschlußprüfungen bezogen wissen wollte. Bald nachdem Koep Direktor des Vereins geworden war, beklagte sich Burr darüber, daß er nun nicht mehr in allen Fragen der Schule beratend hinzugezogen würde, wie das unter Direktor Braun der Fall gewesen sei. Als die Auseinandersetzungen 1959 zu eskalieren drohten, schaltete sich sogar der im Kultusministerium für die Büchereischule zuständige Regierungsdirektor Dr. Classen als Vermittler zwischen Koep und Burr ein und legte als Ergebnis der Gespräche in einem mehrseitigen Schreiben dar, welche Aufgaben mit dem Amt des Staatskommissars verbunden seien[41]. Maria Bollig resümiert in einer Aktennotiz über ihren Antrittsbesuch als Studienleiterin bei Burr, der in diese Monate fiel, sie habe an ein Labyrinth denken müssen, dessen Ausgang sie dankbar begrüßt habe.[42] Ungeachtet dieser Klarstellungen gab es bereits einige Monate später anläßlich der Suche nach einem Nachfolger für den Unterricht in Preußischen Instruktionen zwischen Burr und Koep erneut einen heftigen Disput in der Frage, inwieweit der Staatskommissar ein Vorschlagsrecht bei der Berufung nebenamtlicher Dozenten habe[43]. Die Situation entspannte sich erst, als sich zwischen dem Nachfolger Koeps und Burr ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis herausbildete, das sicher auch durch die landsmannschaftliche Verbundenheit (beide stammten aus Baden-Württemberg) begünstigt wurde. Burr wußte aber sehr wohl zwischen den Meinungsverschiedenheiten mit der Leitung der Bibliotheksschule und seinem Amt als Dozent oder Prüfungskommissar zu unterscheiden. Hans Bemmann charakterisiert Burr rückblickend als "absolut bärbeißig" und "brummig". Aber: "Er war der zärtlichste Vater während der Prüfung. Da habe ich immer wieder gestaunt. Über sein Entgegenkommen, über seine Freundlichkeit, über die Art, wie er mit den Studenten in dieser Situation umging"[44]. Auch nach dem Ausscheiden Burrs aus den Diensten der Universitätsbibliothek setzte sich die Tradition, daß diese Bibliothek den Staatskommissar bzw. in späteren Jahren den Vorsitzenden des Prüfungsausschusses stellt, fort und wurde für kurze Zeit von Dr. Otto Wenig (1911-1972) (damals stellvertretender Leiter der UB Bonn) und dann in der Zeit von 1970 -bis 1992 von Dr. Hartwig Lohse (1926-1995) wahrgenommen. Lohse leitete die UB Bonn von 1970 bis 1991 und stand der Bonner Ausbildung stets mit großer Sympathie gegenüber, da er hier die von ihm geforderte Praxisnähe des bibliothekarischen Studiums in einer Weise realisiert sah, wie sie anderenorts nicht möglich war. Inzwischen ist das Amt, den Vorsitz des Prüfungsausschusses zu führen, auf den jetzigen Leiter der ULB Bonn, Dr. Peter Rau übergegangen. Bis heute stellt die ULB Bonn auch die größte Zahl an Praktikumsplätzen für das Kurzzeitpraktikum in einer wissenschaftlichen Bibliothek und trägt damit wesentlich zur Vermittlung eines Praxisbezuges der Ausbildung bei. Das Verhältnis zur Stadtbücherei Bonn ist dagegen nie so eng gewesen. Mitten im Krieg (1943) gegründet, wuchs diese erst in der Nachkriegszeit zu einer beachtlichen Größe heran. Trotz einiger Vorbehalte gab es unter den früheren Leitern der Stadtbücherei, Dr. Bernhard Rang und Dr. Günter Röttcher, dennoch eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen beiden Einrichtungen, die sich u.a. durch das Engagement der Leiter und weiterer Bibliothekare der Stadtbücherei als nebenamtliche Dozenten und Mitglieder des Prüfungsausschusses, durch die Bereitschaft, Praktikumsplätze bis an die Grenzen der Möglichkeit bereitzustellen, und in der Durchführung etlicher Veranstaltungen und Projektseminare der Bibliotheksschule in der Stadtbücherei ausdrückte. Unter dem jetzigen Leiter der Stadtbücherei, Heinrich Obberg (seit 1985 im Amt), ist diese Beziehung inzwischen jedoch fast völlig zum Erliegen gekommen. Wie aus zahlreichen Publikationen Obbergs ersichtlich ist, sieht dieser in dem seit drei Jahrzehnten vertretenen Grundkonzept kirchlicher Büchereiarbeit, Teil und Partner des gesamten Bibliothekswesens zu sein, eine Konkurrenz zu den kommunalen Büchereien. In seine mehr von Abgrenzung und weniger von Kooperation geprägte Einstellung bezieht er auch die Ausbildungsstätte des Borromäusvereins mit ein. Es ist selbstverständlich, daß mit dem Ausbau und der Neugründung etlicher wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken im Köln-Bonner Raum in den letzten Jahrzehnten die Zusammenarbeit nicht nur auf die beiden großen "ortsansässigen" Bibliotheken beschränkt blieb, sondern sich in der ein oder anderen Weise auf zahlreiche weitere Einrichtungen ausdehnte. Darüber hinaus pflegte die Büchereischule von jeher intensive Kontakte mit zahlreichen Praktikumsbibliotheken in Nordrhein-Westfalen und in anderen Bundesländern. Eine detaillierte Darstellung dieser Außenbeziehungen würde jedoch zu weit führen. Ausbildung im WandelIn einem vorangegangenen Abschnitt dieses Beitrags ist bereits dargestellt worden, daß bis weit in die 50er Jahre hinein die Beschäftigung mit den Inhalten der in einer Volksbücherei angebotenen Bücher und deren büchereipädagogische Vermittlung die bibliothekarische Ausbildung dominierten und bibliothekarischem Fachwissen eine eher untergeordnete Rolle beigemessen wurde. Erste Umstellungen der bisherigen Studieninhalte kamen nach dem Erlaß der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den Dienst an Volksbüchereien durch das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahre 1957 in Gang. Die Ordnung selbst enthält keinerlei Aussagen über den Inhalt und das Volumen der Studienfächer. Die Bibliotheksschulen in Köln und Bonn wurden vom Ministerium aufgefordert, bis zum 1.10.1959 einen verbindlichen Rahmenlehrplan für die Ausbildung zum Dienst an Volksbüchereien aufzustellen[45]. Eine grundlegende Reform vermag man rückblickend in der nun praktizierten Ausbildung gegenüber vorangegangenen Kursen jedoch nicht zu erkennen. Folgt man der Ordnung und dem daraufhin erstellten Rahmenplan, so umfaßte die dreijährige Ausbildung nunmehr ein Einführungssemester an der Bibliotheksschule, ein einjähriges Praktikum (zwei Semester) an einer staatlich anerkannten Ausbildungsbücherei und drei weitere theoretische Semester an der Bibliotheksschule einschließlich eines informatorischen Praktikums an einer wissenschaftlichen Bibliothek während der Semesterferien. Der Unterricht in den vier theoretischen Semestern
umfaßte nach dem Anfang 1960 aufgestellten Lehrplan der Bonner Bibliotheksschule
insgesamt 91 Semesterwochenstunden (SWS), wobei die Zahl der Unterrichtsstunden
zwischen 29 im 1. Semester und 21 im 6. Semester, das zugleich Prüfungssemester
war, schwankte. Wahlpflichtveranstaltungen, also Angebote, bei denen die
Studierenden zwischen verschiedenen Fächern wählen konnten, waren
nicht vorgesehen. Fast alle Lehrveranstaltungen fanden in der Form von
Vorlesungen statt. Das vom Volumen her umfangreichste Fach war die Katalogkunde
(Theorie und Übungen) mit insgesamt 20 SWS. Innerhalb der übrigen
Fächer dominierte weiterhin die Literatur mit 23 SWS (Jugendliteratur,
Deutsche Literatur und Weltliteratur) und die Wissenschaftskunde mit insgesamt
21 SWS (Wissenschaftskunde allgemein, Kunstgeschichte, Musikgeschichte,
Philosophie, Gesellschaftslehre und Bürgerkunde). Auch die Buchkritik
(8 SWS) und die Praktische Bücherkunde (8 SWS) müssen noch zu
den Fächern gerechnet werden, die sich vorwiegend mit den Buchinhalten
beschäftigten. Für die über den Katalogisierungsunterricht
hinausgehende Vermittlung von bibliothekarischem Fachwissen blieben also
lediglich 21 SWS (oder ein knappes Viertel des Studienvolumens) übrig.
Die Angebote wurden zu den vier großen Fächern Volksbildungs-
und Büchereiwesen, Bibliographie, Bibliotheksverwaltungslehre und
Kommunalverwaltungslehre zusammengefaßt[46].
Die Schwerpunkte bei den Lehrinhalten korrespondieren eng mit den Themen,
die in den späten 50er und in den 60er Jahren als Examensarbeiten
ausgegeben und bearbeitet wurden. Es dominieren eindeutig Aufgabenstellungen
aus den Bereichen Welt- und Gegenwartsliteratur. Die Büchereipädagogik
trat zurück; Themen, die sich auf den Bestand an Sachbüchern
oder an Kinder- und Jugendliteratur beziehen, gewannen an Raum. Bibliothekswissenschaftliche
Themen traten vereinzelt nur für Examenskandidaten des gehobenen Dienstes
an wissenschaftlichen Bibliotheken auf.
Konnte man Anfang der 60er Jahre noch jedes Aufnahmegesuch
für einen Studienplatz in Bonn positiv bescheiden, sofern die Bewerberin
oder der Bewerber einen entsprechenden Eindruck beim Vorstellungsgespräch
hinterlassen hatte, so führten zunehmende Interessentenzahlen einige
Jahre später dazu, daß über die Zulassungen in einem eigenen
Aufnahmeverfahren entschieden werden mußte. Gleichzeitig wurde die
Zahl der Neuaufnahmen in der Regel auf 30 beschränkt[47].
Einen Höchststand erreichten die Bewerberzahlen Ende der 70er Jahre.
1977 wurden z.B. 334 Bewerbungen gezählt. Inzwischen ist das Verhältnis
zwischen Zahl der Bewerber und Zahl der Studienplätze wieder auf ein
erträgliches Verhältnis von ca. 3,5 : 1 gesunken.
Tiefgreifende Auswirkungen hatten solche Vorstöße allerdings nicht, da man an den Lehrinstituten in Köln und Bonn - die Bonner Bibliotheksschule hatte sich mit Wirkung vom 15.10.1969 in "Staatlich anerkanntes Bibliothekar-Lehrinstitut Bonn umbenannt" und damit eine der Kölner Bibliotheksschule ähnliche Bezeichnung gewählt[50] - weiterhin an die Vorgaben der Düsseldorfer Kultusbehörde gebunden war. Inzwischen zeichneten sich jedoch weiterreichende Veränderungen ab. Auf ihrer 120. Plenarsitzung hatte die Kultusministerkonferenz der Länder am 18. und 19.1.1968 in Berlin eine Rahmenvereinbarung für den Dienst als Diplom-Bibliothekar an Öffentlichen Bibliotheken verabschiedet, die sechs theoretische Semester und mindestens vier Monate praktischer Unterweisung in den Semesterferien vorsah.[51] Auch andere Bestimmungen in dieser Rahmenvereinbarung, wie z.B. das Abiturzeugnis als Regelzugang zum Studium, die Möglichkeit, bis zu zwei Semestern Hochschulstudium auf die Ausbildung anerkannt zu bekommen, und die Vorgabe, daß hauptamtliche Lehrkräfte an den Instituten über eine bibliothekarische Fachausbildung und ein abgeschlossenes Hochschulstudium verfügen müssen, zeigten an, daß mit dieser Rahmenvereinbarung die Überführung der bisherigen Lehrinstitute aus dem Schul- in den Hochschulbereich angestrebt wurde. Ohne auf die intensive Fachdiskussion jener Jahre näher eingehen zu wollen, sei an dieser Stelle angemerkt, daß seitens der Ausbildungsstätten damals mehrheitlich eine Integration in den Universitätsbereich und nicht - wie es später der Regelfall wurde - in den Bereich der Fachhochschulen favorisiert wurde. Die Bonner Devise im Hinblick auf die zu erwartenden einschneidenden Veränderungen in der bibliothekarischen Ausbildung hieß: "Abwarten". Das Kultusministerium stellte klar, daß die Rahmenvereinbarung erst in Kraft treten werde, wenn sie in Länderrecht umgesetzt sei. Dann gelte sie allerdings auch in gleicher Weise für das staatlich-anerkannte Bibliothekar-Lehrinstitut Bonn. Direktor Hermann teilte dem Kultusministerium auf Anfrage mit, daß er nach persönlicher Durchsicht dieser Vereinbarung keine Bedenken hinsichtlich einer Durchführbarkeit habe[52]. Bis 1972 wurde in Bonn weiterhin in der bisherigen Weise unterrichtet. Modifizierungen an den bisherigen Studienfächern wurden erstmals 1972 für den Lehrgang 1971/74 vorgenommen. So gab es in Übernahme der Studienreformpläne des BLI Köln eine Ausweitung des Fächerspektrums in der Wissenschaftskunde und einzelne Seminare als Wahlpflichtangebote ab dem 3. Semester. Ein Jahr später wurden weitere Veränderungen zwingend, da nunmehr in Übernahme der Rahmenvereinbarung der KMK eine gänzlich veränderte Studien- und Prüfungsordnung vom Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen erlassen wurde, die ab dem Tage des Inkrafttretens (1. August 1973) auch für das BLI Bonn verbindlich war[53]. Die Verantwortlichen des Lehrinstituts standen also vor der Schwierigkeit, mit ihren begrenzten Ressourcen innerhalb kurzer Zeit und in einem laufenden Kurs eine Studien- und Prüfungsordnung umzusetzen, die erheblich von den bisherigen Gepflogenheiten abwich. Da eine Kapazitätsausweitung nicht möglich war, entschied man sich für einen dreijährigen Aufnahmeturnus. Die Verzahnung einzelner Kurse fiel weg. Zugleich ließ man den Studienzweig "Wissenschaftliches Bibliothekswesen", der ohnehin nur von untergeordneter Bedeutung war, ruhen. Die Abschaffung des großen Praktikums und die Beschränkung der praktischen Ausbildung auf Kurzzeitpraktika in den Semesterferien wurde in Bonn allgemein kritisch gesehen; damals mußte allerdings auch diese Abänderung mitvollzogen werden. Gegenüber den bisherigen Bestimmungen wurden die Pflichtveranstaltungen in den bibliothekswissenschaftlichen Fächern auf 60 SWS ausgeweitet und somit mehr als verdoppelt. Zahlreiche neue Fächer, wie Datenverarbeitung und Dokumentation, standen erstmals auf dem Lehrplan. Bei der Suche nach geeigneten Dozentinnen und Dozenten wurde die Studienleiterin nachhaltig von Dr. Hartwig Lohse unterstützt. Auch für Erich Hodick, damals Generalsekretär des Borromäusvereins, war dieser Umbruch Auslöser für ein verstärktes Engagement am Bibliothekar-Lehrinstitut; er übernahm zunächst als nebenamtlicher Dozent Teile der "Bibliothekslehre". Bei der Frage, wie einzelne Fächer, die in der Studienordnung nur äußerst knapp beschrieben wurden, mit Inhalten zu füllen sind, leistete das BLI Köln und insbesondere der damalige Leiter des Instituts, Dr. Werner Krieg, tatkräftige Amtshilfe. Dagegen wurde das Pflichtangebot in den Literaturfächern auf 8 SWS eingeschränkt. Die Wissenschaftskunde und damit Lehrveranstaltungen, die auf den Sachbuch- und Informationsbestand Öffentlicher Bibliotheken bezogen waren, wurde mit insgesamt 19 SWS (einschließlich Fachbibliographie) umfänglich berücksichtigt. Zu diesen 87 SWS Pflichtstudium kam ein bescheidenes Wahlpflichtstudium von 8 SWS hinzu, welches aus zwei Wahlfächern bestehen sollte. Die Prüfungsanforderungen wurden dadurch verschärft, daß zahlreiche studienbegleitende Leistungsnachweise neu eingeführt wurden. Eine - sicher nicht gelungene - Besonderheit dieser Ordnung war, daß jedes der 15 Wissenschaftskundefächer mit einer einstündigen Klausur in Frageform abschloß. Folglich erhielt dieser Teil des Studienplans ein unangemessen starkes Gewicht. Andererseits waren die Klausurergebnisse für die Diplomnote ohne Belang. In den Wahlpflichtveranstaltungen waren ebenfalls Leistungsnachweise zu erbringen. Innerhalb der Abschlußprüfungen zum Diplom wurde die Hausarbeit von ihrer Bedeutung her aufgewertet. Von nun an war es in Bonn üblich, daß nahezu jeder Examenskandidat ein individuelles Thema bearbeitete. Bei den Examensarbeiten rückten zugleich Themen aus den Bereichen Bibliographie, Bibliothekslehre und Bibliotheksverwaltung in den Vordergrund. Auch die Beschäftigung mit Fragen der sozialen Bibliotheksarbeit stand damals hoch im Kurs. Die 1973 eingeführte Studien- und Prüfungsordnung blieb bis zur Umwandlung des BLI Bonn in eine Fachhochschule die rechtliche Basis für den Studiengang Öffentliches Bibliothekswesen. Nicht nur die Ausbildungsinhalte veränderten
sich, auch im Dozentenkollegium vollzog sich ein steter Wechsel, allein
schon aus Altersgründen. Dozenten, die das erste Nachkriegsjahrzehnt
an der Bonner Bibliotheksschule mitprägten, wurden teilweise schon
näher charakterisiert. Zwei Jahrzehnte nach dem Kriegsende und dem
Wiederbeginn des Lehrbetriebs stellte Prof. Dr. Theo Clasen in seinem Weihnachtsbrief
an Direktor Hermann mit Wehmut fest, daß er nach dem Tode von Dr.
Reich der einzige Dozent sei, der von Anfang an dabei war[54].
Längst engagierten sich jüngere, erst später hinzugekommene
Lehrkräfte an der Bibliotheksschule und am Lehrinstitut. Ohne Anspruch
auf Vollständigkeit sollen hier noch einige weitere Dozentinnen und
Dozenten erwähnt werden, die für Jahrzehnte an der Bibliotheksschule
und am Lehrinstitut lehrend tätig waren und vielen Absolventinnen
und Absolventen noch in lebhafter Erinnerung sind[55]:
Erich Hodick (*1931) kam Mitte des Jahres 1963
als Generalsekretär in die Zentralstelle des Borromäusvereins.
Von 1988 bis 1996 war er Direktor des Vereins. Sein bis heute bestehendes
Engagement für das Bibliothekar-Lehrinstitut begann Anfang der 70er
Jahre, als sich die Umsetzung der veränderten Studien- und Prüfungsordnung
abzeichnete. Von da an übernahm er auch Lehrveranstaltungen in Bibliothekslehre
und Bibliothekstheorie. Wie kein anderer konnte er dabei Theorie und Praxis
mustergültig verbinden. Als Mitglied zahlreicher bibliothekarischer
Gremien konnte er stets aus erster Hand in seinen Lehrveranstaltungen auch
aktuellste Entwicklungen, Diskussionen und Fallbeispiele mit berücksichtigen.
Die stets enge Verbundenheit der Büchereischule bzw. des BLI Bonn mit der Universitätsbibliothek mag man auch daran ermessen, daß etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des höheren Dienstes auf eine langwährende Dozententätigkeit zurückblicken können. Stellvertretend seien genannt: Dr. Melitta von Beckerath (* 1933) für das Fach Geowissenschaften (seit 1976), Dr. Doris Pinkwart (*1936) für die Fächer Geographie (1971 bis 1976) und Kunstwissenschaft (1973 bis 1995), Dr. Elsbeth Scharf-Siegers (*1940) für die Rechtskunde und das Fach Bibliotheksrecht (seit 1973) und Dr. Hartmut Weidemeier (*1937) für die Allgemeinbibliographie (seit 1972). Der frühere Leiter der Stadtbücherei Bonn, Dr. Günter Röttcher (*1921) dozierte von 1964 bis 1992 im Fach Technik; zeitweise hatte er auch Teile der Bibliotheksverwaltung übernommen. Zum Kreis der Praktiker, die keine bibliothekarische Tätigkeit ausübten, aber durch ihren Beruf dennoch die nötige Praxisnähe in der Ausbildung vermitteln konnten, gehörten u.a. der Beigeordnete der Stadt Bonn Willy Sauerborn (1928-1991), der von Mitte der 60er Jahre bis 1980 das Fach Kommunalverwaltungslehre vertrat. Ferner sind zu nennen Dr. Hanns Ott (*1912), Ministerialrat im Familienministerium in Bonn für das Fach Kinder- und Jugendbüchereiwesen (bis 1980), Oberstudienrat Hans Haupts für die Wissenschaftskunde im Bereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (seit 1973) und schließlich der früh verstorbene Leiter des Referates Buch und Büchereien des Bistums Münster, Dr. Karl-Heinz Bloching (1933-1986), der bis kurz vor seinem Tode das Fach Gegenwartsliteratur vertrat. Vom Bibliothekar-Lehrinstitut Bonn zur Fachhochschule für das öffentliche BibliothekswesenDie mit der Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz von 1968 beabsichtigte Überführung der bibliothekarischen Ausbildung in den Hochschulbereich ließ im Lande Nordrhein-Westfalen im Unterschied zu anderen Bundesländern lange auf sich warten. Während die Ausbildungsstätten in Hamburg und Stuttgart z.B. bereits 1970 bzw. 1971 Teil einer Fachhochschule wurden oder selbst den Status einer Fachhochschule erhielten, kam die Diskussion für das BLI Köln erst 1977/1978 im Rahmen einer bevorstehenden Novelle des Fachhochschulgesetzes in Gang[57]. Es war naheliegend, daß im Rahmen der Gesetzesnovelle auch geklärt werden mußte, ob das BLI Bonn den Status einer Fachhochschule erhalten könnte, da nur so gewährleistet sein würde, daß die dort erworbenen Abschlüsse weiterhin staatlich anerkannt seien[58]. Im Januar 1978 wurden erste Gespräche, etwa mit dem Bibliotheksreferenten im Wissenschaftsministerium, Dr. Antonius Jammers, geführt. Seitens des Borromäusvereins engagierte sich vor allem Erich Hodick mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Geschicklichkeit. Hodick spricht rückblickend gern von einem "siebenjährigen Kampf", der einen glücklichen Ausgang genommen habe. Maria Bollig kommt das Verdienst zu, daß sie bereit war, über ihre Pensionsgrenze hinaus als Studienleiterin am Lehrinstitut tätig zu sein und damit für eine kontinuierliche Fortführung des Lehrbetriebs bis zur Klärung der offenen Statusfragen gesorgt zu haben. Die 1979 verfaßten Denkschriften wurden jedoch zunächst einmal wieder auf Eis gelegt, weil die Einbeziehung der bibliothekarischen Ausbildung in das Fachhochschulgesetz erneut unsicher geworden war. Der Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen reagierte auf diese Verzögerungen in einer Stellungnahme Anfang 1980 mit "Sorge und Betroffenheit" und zog in seine Überlegungen auch das BLI Bonn mit ein[59]. Im Herbst zeichnete sich dann ab, daß das BLI Köln doch Fachhochschule werden würde. Tatsächlich wurde das Kölner Institut in das im Juli 1981 verkündete "Gesetz zur Änderung hochschulrechtlicher Bestimmungen" miteinbezogen und zum Wintersemester 1981/82 in die Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen (FHBD) umgewandelt[60]. Die Zukunft des Bonner Lehrinstituts blieb jedoch weiter ungewiß. Wenn es drei weiterer Jahre bedurfte, bis nach ungezählten Gesprächen, Erwägungen und Entwürfen am 24. September 1984 der Bescheid des Wissenschaftsministers vorlag, daß dieses als private Fachhochschule im Sinne des Fachhochschulgesetzes staatlich anerkannt sei, so lag dies nicht am Ministerium oder am guten Willen aller Beteiligten. Vielmehr mußte für eine komplizierte Sachlage die beste Lösung gefunden werden: Dabei galt es einmal, gegenüber kirchlichen Stellen die Notwendigkeit einer eigenen bibliothekarischen Ausbildungsstätte für den Bedarf im kirchlichen Büchereiwesen und darüber hinaus zu begründen und Ängste und Befürchtungen auszuräumen, mit der Umwandlung in eine Fachhochschule seien automatisch ein Ausbau des Instituts, mehr hauptamtliches Personal und damit eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung verbunden. Gegenüber dem Land mußten viele Detailprobleme geklärt werden, ob sich das Fachhochschulgesetz auch auf eine Fachhochschule "en miniature" mit ihren Besonderheiten anwenden ließe. Zwei Organisationsmodelle wurden dabei lange parallel verfolgt: das BLI Bonn als eigene Fachhochschule oder als ein Fachbereich oder eine Abteilung der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen (KFH NW) mit Sitz in Köln[61]. Wichtige Zwischenschritte auf dem Wege zu einer Lösung waren, daß das Ministerium schon früh signalisierte, auch über eine eigenständige Fachhochschule mit sich reden zu lassen und Ende 1981 noch einmal ausdrücklich bestätigte, daß die Bonner Ausbildung in inhaltlicher Hinsicht alle Anforderungen eines Fachhochschulstudiums erfüllt[62]. Die Konferenz der bibliothekarischen Ausbildungsstätten (KBA) setzte sich einmütig für eine Sicherung der Existenz des Lehrinstituts in Bonn ein und bescheinigte der hier angebotenen Ausbildung großes Ansehen in der Fachwelt[63]. Der Verband der Diözesen Deutschlands sprach Ende 1983 gegenüber dem Borromäusverein die Bereitschaft aus, die Kosten des Lehrinstituts weiterhin zu bezuschussen. Die zwischenzeitlich sogar favorisierte Lösung einer Angliederung des Bonner Instituts an die KFH NW wurde schließlich durch ein Kooperationsmodell ersetzt. In einer speziellen Vereinbarung wurde diese Zusammenarbeit vertraglich näher geregelt[64]. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist bekannt. Der formelle Antrag des Borromäusvereins zur Umwandlung des BLI Bonn in eine staatlich anerkannte Fachhochschule wurde vom Präsidenten des Vereins mit Schreiben vom 6.7.1984 beim Ministerium eingereicht. Die Tatsache, daß bereits gut zwei Monate später ein positiver Entscheid des Ministers vorlag, weist darauf hin, daß eine gute Vorarbeit geleistet worden war und die Anerkennung als Hochschule nun fast nur noch eine Formsache war[65]. Nachdem unverzüglich die Grundordnung der neugeschaffenenen Fachhochschule für das öffentliche Bibliothekswesen Bonn in Kraft getreten war[66], gab es für den Verein einen doppelten Anlaß zu einem Fest, zu dem sich neben Angehörigen und Freunden des Hauses und der Fachhochschule Vertreter des Berufsstandes und anderer Ausbildungsstätten einfanden. Am 12.12.1984 wurde im Borromäushaus sowohl die Umwandlung des BLI Bonn in eine der kleinsten Fachhochschulen der Welt gefeiert als auch die bisherige Studienleiterin, Maria Bollig, in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Direktor Pater Konrad Welzel[67] hielt seine Laudatio auf Maria Bollig, Erich Hodick konnte aus erster Hand über den langen Weg des BLI Bonn zur Fachhochschule berichten und Dr. Hartwig Lohse dachte in seinem Festvortrag über die Ausbildung der Bibliothekare zwischen Theorie und Praxis nach[68]. Junge Fachhochschule mit alten BesonderheitenNicht jeder, der Gast bei der Feier der Umwandlung des BLI Bonn in eine Fachhochschule gewesen war, konnte sich wohl mit dieser Lösung anfreunden. Hermann Waßner, Rektor der FHB Stuttgart, nutzte jedenfalls einige Monate später den Anlaß eines Themenschwerpunktes zu Ausbildungsstätten und Ausbildungsfragen in der Zeitschrift Buch und Bibliothek zu einer heftigen und recht unkollegialen Phillipika gegen die Bonner Ausbildungsstätte[69]. Letztlich sah er durch die Bonner Fachhochschule sein eigenes Lebenswerk, nämlich die Schaffung einer großen und gegenüber der bibliothekarischen Praxis eigenständigen Fachhochschule für Bibliothekswesen und die Verzahnung von Fachhochschulstudium mit universitären Studiengängen, wie sie für viele Jahre ein wesentliches Element der Stuttgarter Studien- und Prüfungsordnungen für den Studiengang Öffentliches Bibliothekswesen gewesen ist, in Frage gestellt. Auf diesem Hintergrund mag man ein gewisses Verständnis für Waßners Positionen aufbringen. Dennoch ist dem Kritiker der Bonner Ausbildungsstätte aus heutiger Sicht vorzuhalten, daß er ein wesentliches Charakteristikum hochschulbezogener Ausbildung übersah: Die Autonomie und Freiheit der jeweiligen Hochschulen, Anforderungen und Inhalte in den einzelnen Studiengängen - unter Beachtung der allgemeinen hochschulrechtlichen Bestimmungen - selbst zu definieren. Spätestens mit der Überführung der Bibliothekar-Lehrinstitute in Fachhochschulen mußte man also Abschied von der Vorstellung nehmen, man könne sich über ein einheitliches Grundgerüst bibliothekarischer Studiengänge verständigen. Heute gilt die Devise 'viele Wege führen nach Rom' und jede Hochschule wird eingestehen müssen, daß ihr Studienangebot nur ein möglicher Ansatz ist, jungen Menschen die notwendigen fachlichen Voraussetzungen und Qualifikationen für eine Tätigkeit im Berufsfeld Bibliothek zu vermitteln. Ein Blick auf die Entwicklung der Hochschullandschaft im Bereich Bibliothek und Information und die Studienreformen des letzten Jahrzehnts zeigt, daß sich hier eine vielfältige und bunte Szene entstanden ist, die zwar bei ihren Reformbemühungen gewissen hochschulpolitischen und fachimmanenten Trends folgt, deren Mininmalkonsens ansonsten aber vor allem in der Vergleichbarkeit der Studiengänge liegt. Innerhalb dieser Szene muß jede Einrichtung ihren eigenen Platz finden und ihr eigenes Profil weiterentwickeln. Erich Hodick ging daher in seiner Antwort auf Waßner vor allem auf die 'alten' Besonderheiten ein, wie sie sich über Jahrzehnte an der Bonner Ausbildungsstätte herauskristallisiert haben und wie sie auch nach der Umwandlung für die 'junge' Fachhochschule gelten. Er nannte dabei insbesondere folgende Punkte:[70]
Wenn auch jene goldenen Zeiten der 60er und 70er Jahre wohl endgültig vorbei sind, in denen angehende Bibliothekarinnen und Bibliothekare schon vor dem Examen ihren festen Arbeitsplatz in der Tasche hatten: Der Berufsstand ist - aller Klagen zum Trotz - gottseidank immer noch weit von jener Massenarbeitslosigkeit entfernt, wie sie für angehende Lehrer, Juristen, Mediziner und angehende Geisteswissenschaftler heute harte Realität ist[72]. Zumindest in diesem Punkt kann man somit dem, was Waßner 1985 geschrieben hat, nur voll zustimmen: "Man muß jeder Generation ihre Chance geben, es mag denen, die wohlbestallt sind und gerne ihre Ruhe hätten, gefallen oder nicht. Eine gewisse, wenn auch durchaus in vertretbaren Grenzen gehaltene Konkurrenzsituation wird unser Berufsstand hinnehmen müssen, wie vergleichbare Berufe auch ... Wir sind komplett und wollen kein Gedränge in unseren Reihen -, das entspräche einer Gesinnung, für die mir im Augenblick kein rechter Name einfällt, der aber aus Gründen der Höflichkeit auch nicht gesucht werden soll"[73]. Wenden wir uns nun dem vorerst letzten Kapitel in der Geschichte der Bonner Ausbildungsstätte zu, der Fachhochschule für das öffentliche Bibliothekswesen Bonn. Auch wenn der kommissarische Studienleiter der Hochschule, Erich Hodick, das Prinzip pflegte, so wenig schriftliche Regularien wie möglich zu erstellen, um ein Mindestmaß an Ordnungen kam auch die FHöBB nicht herum, wenn man den hochschulrechtlichen Vorgaben Genüge leisten wollte. Bereits zum Zeitpunkt der Umwandlung des BLI Bonn in die FHöBB lagen mit der schon erwähnten "Ordnung der Fachhochschule für das öffentliche Bibliothekswesen Bonn" und der "Vereinbarung zwischen der Zusammenarbeit der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen und der Fachhochschule für das öffentliche Bibliothekswesen Bonn" zwei wichtige Rechtsgrundlagen vor. In der Folgezeit mußte auf der Basis dieser Ordnung ein Fachhochschulrat gebildet werden, dessen vorrangige Aufgabe die Mitwirkung an der Gestaltung des Studiums gemäß der Grundsätze des Fachhochschulgesetzes ist. Als zentrales Gremium der Hochschule gehören diesem Rat der Leiter der FHöBB und sein Stellvertreter, der Rektor der KFH NW oder sein Beauftragter, der Studienleiter, Vertreter der Lehrbeauftragten und Vertreter der Studenten an[74]. Im Dezember 1985 trat der Fachhochschulrat zu einer konstituierenden Sitzung zusammen. Als vorrangige Aufgabe wurde die Erarbeitung einer neuen Studien- und Prüfungsordnung angesehen[75]. Seitdem befaßte sich der Fachhochschulrat bei seinen in der Regel einmal in der Mitte eines Semesters stattfindenden Sitzungen vor allem mit Fragen der Hochschulentwicklung und -politik, mit der Entwicklung und Reform des Studienangebotes und berief die Mitglieder der Prüfungsausschüsse und Zulassungskommissionen. Die Aufgaben des Fachhochschulrates sind in einer Satzung näher geregelt, die der Borromäusverein als Träger der FHöBB 1988 in Kraft gesetzt hat[76]. Neben dem Fachhochschulrat blieb weiterhin die Dozentenkonferenz als Zusammenschluß aller haupt- und nebenamtlicher Lehrender an der FHöBB bestehen. Die Aufgaben der Konferenz konzentrierten sich nun in Anbetracht des neuen Hochschulgremiums vor allem auf Fragen der unmittelbaren Kursplanung und Studienorganisation und auf die methodische und inhaltliche Gestaltung des Studienangebotes. Ein drängendes Problem war auch die baldige Wiederbesetzung der vakanten Stelle des Studienleiters. Da das Lehrinstitut nun zu einer Fachhochschule geworden war, mußten von Bewerberinnen und Bewerbern Einstellungsvoraussetzungen eingefordert werden, wie sie das nordrhein-westfälische Fachhochschulgesetz für Hochschuldozenten vorsah[77]. Auf eine im April 1985 in der Fachpresse und in überregionalen Wochenzeitungen publizierte Stellenausschreibung gingen eine ganze Anzahl von Bewerbungen ein. Die Wahl fiel schließlich auf den erst 29jährigen wissenschaftlichen Bibliothekar Dr. Siegfried Schmidt[78]. Dieser nahm mit Beginn des Winteresemesters 1985/86 erstmals einen nebenamtlichen Lehrauftrag im Fach Sacherschließung wahr und trat zum 1.1.1986 das Amt des Studienleiters in der Nachfolge von Maria Bollig an[79]. Gerade in dieser Anfangsphase der FHöBB erwies sich die Kooperationsvereinbarung mit der KFH NW als sehr nützlich und hilfreich. Der Rektor der KFH NW, Prof. Dr. Joachim Baltes[80], nahm regelmäßig an den Sitzungen des Fachhochschulrates teil und beteiligte sich aktiv an den Beratungen zur Studien- und Prüfungsordnung. Auch sein Nachfolger, Prof. Dr. Winfried Hofmann[81], der Ende 1991 nach dem Ausscheiden von Prof. Baltes zum Rektor der KFH NW gewählt worden war, ließ der Bonner Fachhochschule in ähnlich engagierter Weise seine Unterstützung zukommen. Dank seiner Informationen aus der Rektorenkonferenz und den Dienstbesprechungen im Ministerium war der Fachhochschulrat stets über aktuelle hochschulpolitische Entwicklungen im Lande Nordrhein-Westfalen informiert und konnte frühzeitig die erforderlichen Schritte für eine erneute Studienreform auf der Basis der Eckdatenverordnung einleiten. 1996 ging die Vertretung der KFH NW im Fachhochschulrat der FHöBB auf den Prorektor der Kölner Fachhochschule, Prof. Dr. Gerhard Herkenrath über. Solange die Bonner Ausbildungsstätte nicht den Status einer Fachhochschule hatte, galten für die bibliothekarische Ausbildung jeweils die im zuständigen Land erlassenen Ordnungen; in Köln und Bonn bildeten also jahrzehntelang identische Studien- und Prüfungsordnungen die Grundlage für den Lehrbetrieb. Diese Praxis fand mit der Umwandlung beider Lehrinstitute in Fachhochschulen Anfang der 80er Jahre ein Ende. Mit Beginn des Jahres 1986 nahm eine vom Fachhochschulrat eingesetzte, achtköpfige Kommission die Beratung zur Schaffung einer eigenen Diplomprüfungs- und Studienordnung für den Studiengang Öffentliches Bibliothekswesen der FHöBB auf. Die Kommission orientierte sich in ihren Beratungen zawr in formaler Hinsicht - allein schon aus hochschulpolitischen Erwägungen - an der ein Jahr zuvor von der FHBD in Köln erlassenen Ordnung[82] für diesen Studiengang, setzte aber bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung durchaus eigene Akzente, z.B. durch eine Verlängerung der Kurzzeitpraktika von 16 auf insgesamt 24 Wochen, durch eine Beteiligung von in der Praxis stehenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren im Prüfungsausschuß, durch eine starke Berücksichtigung von Lehrveranstaltungen aus den Bereichen Literatur und Wissenschaftskunde und eine deutliche Erweiterung der Wahlpflichtangebote[83]. Unter dem äußeren Druck, die Studienreform möglichst für den im Oktober 1986 beginnenden Lehrgang wirksam werden zu lassen, gelang es der Kommission in erstaunlich kurzer Zeit, nämlich in weniger als einem Jahr, Textvorlagen für die neuen Ordnungen zu erarbeiten, die dann ebenso zügig in den zuständigen Gremien (Fachhochschulrat, Vorstand des Borromäusvereins als Träger der Fachhochschule, Ministerium für Wissenschaft und Forschung wegen Anerkennung der Gleichwertigkeit) abschließend beraten wurden. Zwischen dem Beginn der Kommissionsarbeit und der Rechtsgültigkeit der Ordnungen lag so eine Zeitspanne von lediglich 13 Monaten[84]. Fussnoten:
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