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Joachim M. Plotzek: Zur Geschichte der Kölner Dombibliothek. In: Glaube und Wissen im Mittelalter. Katalogbuch zur Ausstellung. München 1998, S. 15-64.

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Zur Geschichte der Kölner Dombibliothek

Soweit man sehen kann, ist das Bildmotiv der Titelminiatur (Abb.1) im sog. Friedrich-Lektionar, Folio 1r der Dom Hs.59 (Kat.Nr.30) einzigartig innerhalb der mittelalterlichen Kunst. Seine Aussage läßt sich im wörtlichen sowie im übertragenen Sinne verstehen. Nach der ersten Sichtweise thront hier der Kölner Erzbischof Friedrich I. von Schwarzenburg (1100-1131) in feierlicher Frontalität innerhalb der Stadt, im Innern eines Raumes, von Kisten umgeben, die mit Büchern gefüllt sind. Der im Bild imaginierte Ort könnte demnach das Armarium, den Bibliotheksraum, meinen, der in den Kirchen und Klöstern des Mittelalters gewöhnlich in der Nähe der Sakristei oder des Skriptoriums untergebracht war. Der St. Galler Idealplan eines Klosters von ca. 820 sieht für ihn einen Raum im Obergeschoß eines quadratischen Gebäudes im Winkel von Chor und nördlichem Querhaus vor. Miniaturen des frühen Mittelalters reduzieren den Topos "Bibliothek" auf die Wiedergabe eines Bücherschrankes mit darin liegend aufbewahrten Handschriften oder von Truhen und Kisten, in denen Pergamentrollen und Codices eingestellt sind: etwa in jenem Bild, auf dem Esdra an der Erneuerung der Bibel arbeitet, Folio 5A im 'Codex Amiatinus' der Biblioteca Laurenziana in Florenz (Amiatinus 1) vom Anfang des 8. Jahrhunderts, das selbst wieder auf den weit älteren 'Codex grandior' Cassiodors (um 485-um 580) aus dessen berühmter Bibliothek im Kloster Vivarium zurückgeht; oder auch in den Hieronymusbildern karolingischer Zeit in der Bibel des Laienabtes Graf Vivian von Saint-Martin in Tours (Paris, Bibl. Nat., Lat. 1, fol.3v) oder auf Folio 3v der Bibel von San Paolo fuori le mura in Rom. Als älteste Nachricht über die Unterbringung der Kölner Dombibliothek nennt eine von Theodor J. Lacomblet veröffentlichte Urkunde vom 25.Juni 1261 den alten, von der römischen Stadtbefestigung übriggebliebenen Turm, gegenüber dem Haus Wolkenburg in der Trankgasse, an der Nordseite des neuen (gotischen) Doms gelegen; das ist etwa an der Stelle, wo in unserer Zeit die fast vollendete neue Domschatzkammer eingerichtet wird.

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Man würde die Miniatur mit Erzbischof Friedrich I. wohl mißverstehen, würde man sie vorrangig im Hinblick auf ihren topographischen Realitätsgehalt betrachten, wie er in gelegentlich affirmativer Bildwirklichkeit beispielsweise das Dedikationsbild (Abb. S.8) im Hillinus-Codex (Kat.Nr.76) bestimmt. Dennoch kann die Präsenz der Kölner Dombibliothek mittels andeutender Umschreibung aus der Bildaussage erschlossen werden. Natürlich ist hier der Metropolit auch nicht in der Verantwortung des Bibliothekars gemeint. Hundert Jahre zuvor hatte Papst Benedikt VIII. (1012-1024) an Erzbischof Pilgrim von Köln (1021-1036) die Würde eines päpstlichen 'bibliothecarius' verliehen und ihn damit, wenn auch nur nominell, zum Vorsteher der Kanzlei des Laterans ernannt. Vielmehr folgt die Miniatur der Bildautorität der schon erwähnten und in Köln seit dem 11. Jahrhundert nachweisbar bekannten Hieronymus-Darstellungen, auf denen der Kirchenvater als Schöpfer des ins Lateinische übersetzten biblischen Einheitstextes, der Vulgata, überliefert ist. Indem sich Erzbischof Friedrich I. in einer von ihm in Auftrag gegebenen Handschrift mit Texten des Hieronymus anstelle des Autors ins Bild setzen läßt, versteht er sich in der bewußten, gleichsam identifizierenden Nachfolge des lateinischen Kirchenvaters als jemand, der wie dieser den ganzen Tag - so sagt es die Inschrift - über Gottes Gesetz meditiert, das sich in den biblischen Büchern manifestiert. Eine solche Bildaussage porträtiert den Dargestellten als Seite 16 Garant der Wissensüberlieferung und der tatkräftigen Sorge um Kenntnis, Wahrung und Weitergabe des Wortes Gottes. Der Inhalt des sog. Friedrich-Lektionars - Briefe des Hieronymus an verschiedene Adressaten sowie Streitschriften gegen diverse Irrlehren - vermittelt in den gewählten literarischen Formen ein sehr persönliches Engagement des Autors für die Erhaltung der wahren Lehre Gottes in seiner Zeit. Die Wahl von Text und Bild dokumentiert somit im übertragenen Sinn, sie reflektiert gleichsam auf umschreibende Weise das Wirken des Kölner Erzbischofs vor dem historisch-politischen Hintergrund der Gregorianischen Kirchenreform, der Auseinandersetzungen des Investiturstreites bis hin zum formellen Abschluß der Streitigkeiten zwischen Papsttum und salischem Kaisertum im Wormser Konkordat von 1122. Während die Wormser Urkunde Friedrich I. noch als Ratgeber Heinrichs V. und als Erzkanzler von Italien nennt, kommt der Erzbischof nach dem Tod des Saliers am 23. Mai 1125 mit dem Mainzer Erzbischof Adalbert I. (1109-1137) überein, nicht den vom Kaiser bestimmten Nachfolger, nämlich dessen Neffen Herzog Friedrich V. von Schwaben, zu wählen, sondern die Wahl auf Herzog Lothar III. von Süpplingenburg (1075-1137, seit 1106 Herzog von Sachsen) zu lenken. Etwa zu dieser Zeit entstand die Handschrift, die uns heute wie ein sich in Bild und Text rechtfertigendes Dokument des Auftraggebers erscheint und diesen zugleich als jemanden in der Reihe derjenigen belegt, welche die Dombibliothek mit Stiftungen bereicherten.

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Von hier aus geht der Blick etwa gleich weit zum einen in die Zukunft bis zum Ende des Mittelalters - in der Ausstellung belegt durch die dem Dom gestifteten liturgischen Codices und Zeugnisse privater Frömmigkeit -, zum anderen zurück bis in karolingische Zeit, aus der die ersten Hinweise und Belege für eine sich formende Bibliothek überliefert sind. Die zum quadratischen Format neigende und im monumentalen Schriftbild so beeindruckende Dom Hs.212 (Kat.Nr.17) mit einer Sammlung kirchenrechtlicher Texte ragt wie ein erinnernder Gruß aus der Spätantike in die neuen kulturellen Bestrebungen des Frühmittelalters hinein. Wohl noch am Ende des 6. Jahrhunderts in Südfrankreich entstanden ist sie als ältester Codex der Kölner Dombibliothek überkommen. Auf dem ersten Blatt (1v) notierte ein karolingischer Schreiber (Abb.2) In Dei nomen Hildibaldus (?) memor (?) esto (?) fili quoniam pauperes vitam gerimus - Im Namen Gottes denke daran, Hildebald, daß wir als arme Kinder Gottes unser Leben führen. Der Eintrag diente dem Schreiber vermutlich, wie der mit wenigen Strichen gezeichnete Vogel daneben, als Federprobe, mit der er einen Sinnspruch der Vanitas an Hildebald adressiert. Die Mahnung richtet sich an den Kölner Metropoliten Hildebald (vor 787-818), einen der bedeutendsten Berater und Tischgenossen Karls des Großen (768-814), Freund seiner Freunde in Alkuins Hofgesellschaft, wo er den Namen Aaron nach dem ersten Hohenpriester des Alten Bundes erhielt. Seit 791 war er Leiter der Hofschule und somit als 'archicapellanus' erster Geistlicher des Fränkischen Reiches, zudem erster Erzbischof von Köln mit einer erstmaligen Nennung des Titels 'archiepiscopus' im Jahr 794/795. Die "literarische Gattung" solcher Schreibernotate bot oftmals Witz, Fantasie, Ansporn zum Lernen, Erkenntnis von Lebensweisheiten und die Möglichkeit, bisweilen Ungewöhnliches in der Form des Nebensächlichen zu verbergen. Oder darf man in Erwägung ziehen, daß dieser Eintrag vom Erzbischof selbst stammen könnte, als Eingeständnis auf der Höhe seiner Macht, den Canones der Konzilien und den Dekreten der Päpste vorangestellt? Wie dem auch sei, die Handschrift überliefert damit ein Indiz, daß sie sich zur Zeit Hildebalds bereits Seite 17 in der Dombibliothek befand. Freilich läßt sich, wie auch bei anderen vorkarolingischen Manuskripten, nicht mehr eruieren, ob die in Italien (Dom Hs.212, Kat.Nr.17), im insularen Bereich (Dom Hs.213, Kat.Nr.18) bzw. in einem insular beeinflußten kontinentalen Skriptorium (Dom Hs.165, Kat.Nr.15) oder im westfränkischen Gebiet (Dom Hs.98, Kat.Nr.8; Dom Hs.210, Kat.Nr.19) im 7. und 8. Jahrhundert entstandenen Handschriften schon vor Hildebalds Zeit für Köln erworben oder doch erst mit dem intensiven Bestreben dieses Metropoliten, eine Bibliothek aufzubauen, an den Rhein gelangt sind.

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Sicheren Boden betreten wir wieder bei jenen zwölf Codices, deren Schriftbild und Ausstattung eine Entstehung in den Jahren um 800 erschließen lassen und die zugleich Besitzeinträge Hildebalds enthalten und damit den Nachweis einer Dombibliothek in seiner Zeit erbringen. Es sind die Dom Hss.41, 54, 55, 63, 67, 83II, 92, 103, 115 und 171 (Kat.Nrn.12, 6, 7, 3, 24, 11, 23, 21, 13) sowie die Dom Hss.51 (Kat.Nr.5) und 74, deren heute herausgeschnittener bzw. ausradierter Eintrag im Katalog von Philipp Jaffé und Wilhelm Wattenbach aus dem Jahr 1874 noch mitgeteilt wird. Der Wortlaut Codex sancti Petri sub pio patre Hildebaldo archiepiscopo scriptus - Das Buch ist Eigentum des hl. Petrus und wurde unter dem frommen Vater Erzbischof Hildebald geschrieben -, der den Apostelfürsten und Patron des Kölner Doms als Eigentümer der Handschrift benennt, entspricht den Dedikationsbildern, in denen z.B. der Domherr Hillinus sein kostbares Evangeliar (Dom Hs.12, Kat.Nr.76) dem hl. Petrus überreicht. Wie im Bild und in den Inschriften der Siegel verkörpert auch hier der Heilige die ihm gewidmete Kirche, ist gleichsam juristische Seite 18 Person der Domkirche und erscheint mit seiner Namensnennung oder im Bild stellvertretend für die Institution.

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Die meisten der Hildebald-Einträge (Abb.3-7 [Dom Hss. 54, 1r; 63, 1r; 103, 1r; 171, 1r]) sind in einer monumentalen Capitalis karolingischer Prägung ausgeführt, die in ihrer Größe und Wirkung - freistehend auf der ersten Seite - beinahe den Anspruch eines Titels erreichen; doch variiert ihr Schriftduktus, so daß die Besitznachweise nicht in einem Vorgang, sondern sukzessiv, möglicherweise von verschiedenen Händen, eingefügt worden sein dürften. Bisweilen fehlt der Titel archiepiscopus, auch variiert die Stellung des Wortes scriptus; zudem ist der Name des Erzbischofs viermal als Hildibaldus geschrieben, und bei Dom Hs.54 (Abb.3) scheint der Hauptschreiber auch den Hildibaldus-Eintrag zu Beginn des Textes - und nicht auf dem sonst üblichen Vorsatzblatt - selbst besorgt zu haben. Merkwürdig ist der zweifache, in Capitalis und Minuskel ausgeführte gleichlautende Eintrag im ersten Band des dreibändigen Psalmenkommentars des Augustinus (Dom Hs.63, Kat.Nr.3; Abb.4), wobei die kleinere Wiederholung eher mit Federproben vergleichbar ist. Im letzten Band (Dom Hs.67) erscheint der Eintrag nur einfach und in der monumentalen Capitalis, Seite 19 im mittleren (Dom Hs.65) ist er auf Codex sancti Petri reduziert. Das in einer auffallend gleichmäßigen Kalligraphie, "wie sie nur die Zucht eines streng disziplinierten Skriptoriums hervorbringen kann" (B. Bischoff), geschriebene umfangreiche Werk des hl. Augustinus (354-430) wurde von zehn Schreiberinnen ausgeführt, die ihren Anteil mit Nennung ihrer Namen (Abb.8) belegen. Bernhard Bischoff konnte als Entstehungsort das Kloster Chelles, zwischen Paris und Meaux gelegen, wahrscheinlich machen, in dem zu jener Zeit Gisela, die Schwester Karls des Großen, Äbtissin und dessen Tochter Rotrud Nonne waren. Beide Prinzessinnen standen, sich der Korrespondenz der adligen römischen Damen mit dem hl. Hieronymus als Vorbild bewußt, mit Alkuin (um 730-804) im Briefwechsel, dem großen angelsächsischen Gelehrten am Hofe Karls, der ihnen als Abt des Klosters Saint-Martin in Tours (794-804) seinen Johanneskommentar mit der Bitte schickte, diesen abschreiben zu lassen und das Original zurückzusenden (vgl. Briefe und Text in der Dom Hs.107, Kat.Nr.39, in einer wenig späteren touronischen Abschrift). Aufgrund seines Wirkens am Hof Karls des Großen mag auch Erzbischof Hildebald vom leistungsstarken Skriptorium im Kloster Chelles gewußt und seinen Buchwunsch dort in Auftrag gegeben haben.

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Ähnlich verhält es sich wohl mit Dom Hs.75 (Kat.Nr.4), die im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts in der Diözese Salzburg entstand. Denn auch der aus Freising stammende Arn gehörte zum Freundes- und Gelehrtenkreis am Aachener Hof, wo er mit Aquila (Adler) angesprochen wurde. Nach einigen Jahren zogen die Mitglieder dieses Kreises in ihre Heimat zurück, nachdem sie am Hof Karls des Großen mit bewundernswert schöpferischer Intensität ein an der Antike orientiertes Bildungsprogramm erarbeitet und dieses als Aaron und Samuel, Homer und Horaz - der König bzw. der Kaiser selbst trug den Namen des königlichen Psalmensängers David und wurde von Alkuin bisweilen mit Vergil angesprochen - mitgestaltet hatten. Sie trugen die Hofkultur an die Orte, an denen sie oftmals - für ihre Verdienste von Karl belohnt - als Äbte oder Bischöfe wirkten. Arn wurde Erzbischof von Salzburg (785-821) und behielt zugleich die wenige Jahre zuvor erhaltene Abtswürde des Klosters Saint-Amand. So erklärt sich der nordfranzösische Buchstil in den Salzburger Handschriften dieser Zeit und damit auch in unserer Dom Hs.75 mit dem 'Gottesstaat' des hl. Augustinus, dem Lieblingsbuch Karls des Großen. Auch die Hieronymusbriefe der Dom Hs.35 (Kat.Nr.10) sind um 800 in Salzburg geschrieben und mögen wie das im nicht weit entfernten Kloster Mondsee zur gleichen Zeit entstandene Homiliar Dom Hs.172 (Kat.Nr.14) aufgrund der Tatsache, daß Hildebald seit 802 auch Abt dieses Klosters war, nach Köln gekommen Seite 20 sein. Freilich fehlen in beiden Manuskripten Kölner Bibliotheksnachweise, während ein solcher in Dom Hs.75, wenn auch wohl erst im 14. Jahrhundert, eingetragen wurde (Abb.9 - 2r).

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Neben diesen in auswärtigen Skriptorien entstandenen Manuskripten bilden die mit dem Besitzvermerk versehenen zwölf Codices den gesicherten Kern der Hildebald-Bibliothek, der zum größten Teil in Köln geschrieben wurde. Leslie Webber-Jones hat in ihrer Studie aus dem Jahre 1932 minuziöse Händescheidungen vorgenommen, dieselben Schreiber in verschiedenen Handschriften identifiziert und damit ein Dom-Skriptorium in karolingischer Zeit vor Augen geführt. Darüber hinausgehende Zuschreibungen nach Köln sind später unter anderem von Bernhard Bischoff zugunsten anderer Provenienzen berichtigt worden, wobei die merkwürdige, später noch zu erwähnende Dom Hs.106 (Abb.19-25) wohl ebenfalls nicht in einem Kölner Skriptorium entstanden sein wird. Ihre, nach Jones, einundzwanzig beteiligten Schreiber, von denen keiner in Handschriften des Dom-Skriptoriums nachzuweisen ist, setzten eine enorme Leistungsfähigkeit in einer anderen Schreibstube der karolingischen Stadt voraus, so daß eher eine aus speziellen Voraussetzungen resultierende Entstehung im Kloster Werden anzunehmen ist.

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Die gesicherten Hildebald-Handschriften enthalten vorrangig Texte der Kirchenväter, Bibelkommentare und Briefe, dann auch eine Sammlung des Kirchenrechts vom Typus der Dionysio-Hadriana in der Dom Hs.115 (Kat.Nr.21). Neben einer Predigtsammlung des Johannes Chrysostomus in der Dom Hs.41 (Kat.Nr.12) fällt eine weitere Homilien-Sammlung in der Dom Hs.171 (Kat.Nr.13) auf, die man als 'Predigtbuch Hildebalds von Köln' bezeichnet hat, enthält sie doch eine weniger liturgisch, als vielmehr auf die seelsorgerische Tätigkeit des Oberhirten ausgerichtete Zusammenstellung. Zudem hatte Hildebald - dies als weiterer Beleg seines offenkundigen besonderen Interesses an dieser Textgattung - bei Abt Lambert von Mondsee die Abschrift einer Homilien-Sammlung in Auftrag gegeben, die sich heute als Cod.1014 in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet, wohin sie mit weiteren Manuskripten der Kölner Dombibliothek schon im 16. Jahrhundert gelangte. Schließlich bereicherte Hildebald seine Bibliothek mit herausragenden Kompendien der Zeitrechnung, Naturlehre und Himmelskunde, die in der Dom Hs.103 (Kat.Nr.23) und der so bedeutenden Dom Hs.83II (Kat.Nr.24) überkommen sind. Dabei Seite 21 wird ihm die Bibliothek Karls des Großen ein Vorbild gewesen sein, darf man sich diese doch als die größte ihrer Zeit vorstellen.

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Alkuin, der an der Kathedralschule in York erzogen worden war, wirkte dort später als Lehrer und seit 766 - er war gerade etwa 35 Jahre alt - als Leiter dieser damals berühmtesten Bildungsstätte des christlichen Europa mit der wohl bedeutendsten Bibliothek. Seit seiner Berufung durch Karl den Großen an den königlichen Hof im Jahre 781 widmete er sich der Leitung der Hofschule, die nach dem Willen des Königs Mittelpunkt einer geistigen, alle Lebensbereiche einbeziehenden Erneuerung des Frankenreiches sein sollte. Mit diesem Ziel wurde zugleich die Hofbibliothek, die den vielfältigen Bestrebungen Rechnung tragen mußte, durch zahlreiche Bücherkäufe, Geschenke und Abschriften aufgebaut. Zu den ersten Erwerbungen gehörte die 'Collectio canonum Dionysio-Hadriana', eine der Kirchenreform zugrundegelegte rechtsgültige Sammlung der Konzilsbeschlüsse, die Papst Hadrian I. (772-795) dem König 774 in Rom überreichen ließ (vgl. Dom Hs.213, Kat.Nr.18). Sie gehörte ebenso zu den verbindlichen 'codices authentici', die von den Schreibern am Hofe für die beabsichtigte Verbreitung im Reich kopiert wurden, wie jenes 'Sacramentarium Gregorianum', das der Papst auf Bitten Karls zur Vereinheitlichung der Liturgie nach römischem Vorbild zwischen 784 und 791 übersandt hatte und das zur Verwendung in der fränkischen Kirche von Alkuin und Benedikt von Aniane (um 750-821) mit Ergänzungen versehen werden mußte. Diesem Meßbuchtypus folgt noch das Pamelius-Sakramentar vom Ende des 9. Jahrhunderts (Dom Hs.137, Kat.Nr.81).

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Neben die karolingischen Reformen innerhalb der kirchlichen Ordnung und Liturgie treten weitere, das gesamte übrige Bildungswesen betreffende Bestrebungen. In deren Mittelpunkt steht wiederum Alkuin als führender Lehrer der Hofschule, dessen Unterricht auch der König mit seiner Familie beiwohnte. In seiner Schrift 'De orthographia' werden die Bemühungen Alkuins um ein genaues und sorgfältiges Schreiben in einer klaren Schrift deutlich, die wesentlich für die Ausbildung der karolingischen Minuskel waren. In Verbindung mit der Sorge um ein reines, an den Kirchenvätern sich orientierendes Latein wurden sie Grundlage für die Bibelrevision in Form der sog. Alkuin-Bibel. Darüber hinaus förderte er mit seinen Werken über die Grammatik, Dialektik und mit dem 'Dialogus de rhetorica et virtutibus' sowie mit seinen Überlegungen zur Astronomie, Musik und Zahlensymbolik das Wissen im Bereich der Freien Künste als Grundlage des Schulunterrichts im ganzen Frankenreich.

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Karl der Große war ein Freund der Bücher. Auch seltene Werke der Prosa und Poesie müssen sich in seiner Bibliothek befunden haben, wie man aus den Dichtungen und Schriften der am Aachener Hof wirkenden Schriftsteller und Gelehrten, die sie benutzt haben, erschließen kann. Einhard (um 770-840), der verantwortlich für die Bauten am Aachener Königshof war und dort ob seiner Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit den Namen des Werkmeisters der Stiftshütte im Alten Testament Beseleel trug, berichtet in seiner 'Vita Karoli Magni', daß Karl auch jene Stammesrechte, die zuvor nur mündlich überliefert waren, sowie die alten deutschen Heldenlieder aufzeichnen ließ, und spricht von einer großen Menge Bücher, die der Herrscher zusammengebracht hatte. Das Testament Karls, das Einhard in die Vita aufgenommen hat, verfügte den Verkauf der Bibliothek zum Wohl der Armen, womit in alle Winde zerstreut wurde, was zuvor als geistiges Fundament einer abendländischen kulturellen Erneuerung gedient hatte.

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Seite 22 Ein weiterer und innerhalb unserer Überlegungen letzter Hinweis auf die zielstrebige Bibliothekserweiterung durch Hildebald leitet über zu einem der interessantesten Kapitel der Kölner Dombibliothek. Es handelt sich um den Eintrag Hic liber iussus a Wenilone episcopo Laudonense descriptus ad opus domni Hildibaldi archiepiscopi et sacri palatii capellani de illis libris que Roma venerunt et domnus apostolicus Leo domno Karoli (!) imperatore transmisit - Dieses Buch wurde im Auftrag des Bischofs Wenilo von Laon für den Erzbischof und Hofkaplan Hildebald von einem jener Bücher abgeschrieben, die Papst Leo Kaiser Karl aus Rom übersandt hat - in einer heute verschollenen Handschrift der Dombibliothek. Der Eintrag (Abb.10) findet sich - zusammen mit einem späteren Besitzvermerk des Kölner Doms aus dem 14. Jahrhundert - auf dem Recto des ersten von vier Blättern, die eine Auflistung der Kölner Dombibliothek aus dem Jahre 833 enthalten und einer Handschrift mit dem Text 'Ad Reginum comitem' des Fulgentius Ferrandus vorgeheftet sind. Auf zwei diesem Text nachgehefteten Blättern ist ergänzend eine Liste mit den in jenem Jahr ausgeliehenen Büchern mit Namensangaben der Entleiher verzeichnet (Abb.11). Die von Bischof Wenilo von Laon (um 799-814) vermutlich in seiner Residenzstadt in Auftrag gegebene Kopie kann nicht der Ferrandus-Codex selbst sein, da dieser, wie der Publikation durch Anton Decker vor gut hundert Jahren zu entnehmen ist, aus vorkarolingischer Zeit stammt. Die Notiz bezieht sich also auf ein anderes Buch, von dem Bernhard Bischoff vermutete, es könnte sich um die Dom Hs.164 handeln, einen 'Liber pontificalis' mit einer von erster Hand geschriebenen, bis zu Leo III. (795-816) reichenden Papstliste. Die Situation erschwerend kommt hinzu, daß der Ferrandus-Codex mit dem Kölner Ausleihverzeichnis und dem Bibliothekskatalog von 833 verschollen ist, nachdem er von Ägidius Gelenius noch benutzt worden war. Er hatte den Katalog, als Auflistung der von Papst Leo III. an Kaiser Karl geschickten Bücher mißverstanden, im Jahre 1633 publiziert. Daraus ergab sich die falsche Folgerung, daß dieses päpstliche Geschenk an Karl den Großen nach dessen Tod nach Köln gelangt und dort Bestandteil bzw. Grundlage der Seite 23 Dombibliothek geworden sei. Den im 18. und 19. Jahrhundert nachfolgenden Bearbeitern der Dombibliothek war der Ferrandus-Codex nicht mehr zugänglich. Erst Anton Decker fand ihn in der Registratur des Generalvikariates wieder auf und versuchte 1895, die mit Autor, Werktitel und Bandzahl aufgelisteten Handschriften mit den erhaltenen Manuskripten der Dombibliothek zu identifizieren. Seitdem ist der Ferrandus-Codex wieder unauffindbar, möglicherweise noch in Privatbesitz, wie Decker an anderer Stelle (S.248) seiner Abhandlung angibt. Vor allem Paul Lehmann (1908) und Goswin Frenken (1923) haben Korrekturen an den Zuweisungen durch Decker vorgenommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, daß von den im Katalog von 833 aufgeführten 115 Werktiteln in etwa 175 Bänden heute lediglich noch etwa 35 Codices erhalten sind. Die Klosterbibliothek der Reichenau zählte über 400 im Katalog von 821/822 verzeichnete Bände, der um 800 entstandene Katalog der Würzburger Dombibliothek überliefert nur 35 Titel. So führt der hier ablesbare Umfang der karolingischen Kölner Dombibliothek im Vergleich zu den Bibliotheken jener Zeit eine mittelgroße Institution vor Augen.

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Der Katalog von 833 trägt den Titel Anno dominicae incarnationis DCCCXXXIII. Repperimus libros veteris ac novi testamenti, nec non et expositiones sanctorum patrum et alia ac diversa, opuscula sicut hic adnotata atque conscripta repperiuntur - Im Jahre 833 der Menschwerdung des Herrn. Wir haben Bücher des Alten und Neuen Testamentes und auch Darlegungen der heiligen Väter sowie andersartige und unterschiedliche Werke, wie sie aufgefunden worden sind, hier angemerkt und in Form einer Liste eingetragen. Die Auflistung beginnt mit der Bibliotheca in qua continentur omnes libri veteris ac novi testamenti, also mit einer Vollbibel, die seit früher Zeit gerne als 'Bibliotheca' bezeichnet wurde. Die Reihenfolge entspricht der im Mittelalter üblichen inhaltlichen Ordnung, die vermutlich auch mit der Aufstellung der Codices im Armarium übereinging. Den biblischen Büchern (in der Auflistung von A. Decker: Nr.1-12) folgen diejenigen für die Liturgie (Nr.13-19), sodann wird eine ausgemalte Apokalypse (Apocalipsis pincta, Nr.20) genannt, es schließen sich die Kirchenväter (Nr.21-76), das Kirchenrecht (Nr.77-81), die Heiligenleben (Nr.82-90), komputistische Werke (Nr.91-92), Dogmatik und Moral (Nr.93-98), ein medizinisches Werk (Nr.99), ein Codex zum Zivilrecht (Nr.100) und schließlich die antiken Schriftsteller (Nr.101-103) sowie die Lehrbücher für den Schulunterricht (Nr.104-108) an.

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Demnach besaß die Bibliothek damals, was nicht ungewöhnlich ist, eine einzige Vollbibel, die freilich nicht mit dem touronischen Pandekten Dom Hs.1 (Kat.Nr.25) aus dem späteren 9. Jahrhundert identifiziert werden kann. Ansonsten sind alle biblischen Bücher mit Ausnahme der Apokalypse noch einmal in Teilausgaben, bisweilen mehrfach, belegt. So gab es acht Evangeliare und innerhalb der liturgischen Bücher ähnlich viele Lektionare und Antiphonare, wobei sich die Auflistung verschiedener Bezeichnungen - codex, thomus, volumen und corpus, später auch quaternio und plenarius - für den Umfang und die Anzahl der Bände bedient. Eine "gemalte Apokalypse", nach den Liturgica aufgeführt, im Besitz der karolingischen Kölner Dombibliothek zu wissen, reizt zu Überlegungen über ihr Aussehen, sind doch überhaupt nur zwei illuminierte Handschriften vom Anfang des 9. Jahrhunderts mit Bilderzyklen zur Geheimen Offenbarung überkommen (Trier, Stadtbibl., Cod.31; Cambrai, Bibl. Municipale, Ms. 386). Der reiche Bestand an Väter-Literatur nennt viele der wichtigsten Werke der vier Kirchenlehrer; von Ambrosius (vermutl. 339-397) unter anderem 'De symbolo' und 'De fide catholica', von Hieronymus (347/348-419/420) Seite 24 exegetische Schriften zum Alten und Neuen Testament (Dom Hss.46, 51 [Kat.Nr.5], 52, 54 und 55 [Kat.Nrn.6 und 7]), von Augustinus (354-430) der in Dom Hs.69 überlieferte Kommentar zum Johannesevangelium und sein erst 426 vorgelegtes, in vier Büchern die Grundsätze literarischer Hermeneutik erörterndes Werk 'De doctrina christiana' (Dom Hs.74). In ihm befaßt er sich mit der wissenschaftlichen Propädeutik zum Bibelstudium, den Regeln der Textauslegung sowie mit einer homiletischen Systematik, die sich gerade im Mittelalter besonderer Beliebtheit erfreute. Denn in diesem Werk verband Augustinus durch Vermittlung lateinisch schreibender vorchristlicher Schriftsteller wie Cicero, Vergil, Ovid die heidnische Schulrhetorik mit der christlichen Botschaft und legitimierte damit das Lesen sowohl heidnischer wie christlicher Dichter an den Dom- und Klosterschulen, wenngleich im Kölner Bibliothekskatalog von 833 - wie in anderen Bibliothekskatalogen auch - nur noch Vergil als paganer Dichter aufgeführt ist. Darin zeigt sich zum einen die Allgegenwärtigkeit dieses Autors, dessen Werke bereits kurz nach seinem Tod (19 v.Chr.) für den antiken Schulunterricht empfohlen wurden, im gesamten Mittelalter und zum anderen die Dominanz der christlichen Literatur.

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Der Katalog enthält weiterhin das große Kommentarwerk des Augustinus, die bereits genannten, wohl im Kloster Chelles geschriebenen Dom Hss.63, 65, 67 (Kat.Nr.3) mit den 'Enarrationes in Psalmos', wohingegen seine beiden Hauptwerke, die 'Bekenntnisse' und sein 'Gottesstaat' nicht aufgeführt sind, wohl aber das im Mittelalter viel gelesene Trostbuch von Gregor dem Großen (um 540-604), die in der Dombibliothek nicht mehr erhaltenen 'Moralia in Job', während seine aufgeführten Briefe in Dom Hs.92 (Kat.Nr.11) und seine 'Regula pastoralis' in Dom Hs.89 identifizierbar sind. Von Autoren der Ostkirche sind Athanasios (um 295-373), Basileios (um 330-379) und Johannes Chrysostomus (um 350-407) aufgeführt, dessen exegetische Homilien zum Matthäusevangelium und zum Hebräerbrief sich in Dom Hs.40 noch aus dem 8. Jahrhundert sowie in Dom Hs.41 (Kat.Nr.12) erhalten haben. Letztere ist sicher um 800 in Köln entstanden. Am Schluß dieser Handschrift überliefert ein in roter und brauner Tinte geschriebenes Kolophon, daß der Scholasticus Mutianus die Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische besorgt habe, von dem man weiß, daß er dies im Auftrag Cassiodors (um 485-um 580) für dessen eingangs genannte Bibliothek in Vivarium tat. Auch die 'Etymologiae' des Isidor von Sevilla (um 560-636) finden sich im Katalog, ebenso die 'Sententiae', sein theologisches Hauptwerk, dann auch die über Liturgie, kirchliche Hierarchie und den Taufritus handelnde Schrift 'De officiis ecclesiasticis'; doch sind sie im Bestand der Dombibliothek nicht mehr nachweisbar. Hingegen gehört die um 750 in Tours geschriebene Dom Hs.98 (Kat.Nr.8) mit Isidors 'Quaestiones in Vetus et Novum Testamentum' zu jenen vor 833 datierbaren Handschriften, die der Katalog nicht aufführt und die daher, so ist zu vermuten, erst später in den Besitz der Dombibliothek gelangt sind. Deshalb ist die Vorstellung Bernhard Bischoffs, eine solche Handschrift könne aufgrund der am Hofe Karls des Großen entstandenen Beziehungen Erzbischof Hildebalds zu Alkuin, als dieser Abt von Saint-Martin in Tours geworden war (796), von dort nach Köln gekommen sein, zwar verlockend, aber nicht weiter zu erhärten. Ähnlich verhält es sich auch mit der im 8. Jahrhundert entstandenen, im Katalog jedoch nicht aufgeführten Dom Hs.75, die den 'Gottesstaat' des Augustinus enthält. Sie gelangte entsprechend einem Besitzvermerk aus dem 14. Jahrhundert wohl auch erst später nach Köln. Von den aufgezählten Schriften des Beda Venerabilis Seite 25 (673/674-735) haben sich vor allem Bibelkommentare erhalten (Dom Hss.20, 104 und 105). Die zeitgenössische karolingische Literatur ist vorrangig mit Texten des Alkuin (um 730-804) belegt, unter anderem mit seinem dogmatischen Hauptwerk 'De fide sanctae et individue trinitatis' mit einer Auslegung der Trinität; seine 'Orationes' über die Sieben Bußpsalmen sind in Dom Hs.106 überliefert, einem Sammelband mit weiteren auf den Psalter bezogenen Gebeten und Hymnen vom beginnenden 9. Jahrhundert, auf den noch zurückzukommen sein wird. Unter den Einträgen Collectaria alia super evangelium Smaragdi. vol. II und Item ipsius super epistolas. vol. II (Decker, Nr.60-61) verbergen sich jeweils zweibändige Schriften des Benediktinermönchs Smaragdus, der spätestens seit 809 Abt des lothringischen Klosters Saint-Mihiel war.

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Von den im Katalog genannten kirchenrechtlichen Codices haben sich zwei Bände mit Konzilsbeschlüssen in den Dom Hss.115 und 117 (Kat.Nrn.21 und 51) erhalten, wohingegen die anschließenden Viten der Heiligen Martin, Goar, Amandus, Mauritius, Gertrudis, Remigius, Medardus, Chutbert, Viktor von Marseille und der Siebenschläfer verloren sind. Für die Identifizierung der beiden komputistischen Werke (Decker Nr.91 Compotum diversorum compotistarum und Nr.92 Compotum Baede) bieten sich zwei kölnische Codices mit Hildebald-Nachweisen an, nämlich das Kompendium der Zeitrechnung, Naturlehre und Himmelskunde Dom Hs.83II (Kat.Nr.24) sowie Bedas Naturlehre, historiographische und zeitrechnerische Schriften in Dom Hs.103 (Kat.Nr.23). Unter Nr.93 verbirgt sich ein Liber Ferrandi diaconi ad Reginum comitem, mit dem Anton Decker auf naheliegende Weise eben jene Handschrift aus dem 7./8. Jahrhundert identifizierte, in welcher sich der von ihm veröffentlichte Bibliothekskatalog von 833 eingeheftet befand und die nun verschollen ist. Der als Diakon der karthagischen Kirche überlieferte Fulgentius Ferrandus (gest. 546/547) war Schüler und Biograph des Bischofs Fulgentius von Ruspe und verfaßte mit 'Ad Reginum comitem' ein Werk über Ziele und Mittel des weltlichen und geistlichen Kriegsdienstes. Unter Nr.96 des Katalogs sind verschiedene Texte De resurrectione mortuorum. lib. I et de fide lib. II, De praescriptionibus hereticorum lib. I, De ieiuneis adversum phisicos lib. I, De monogamia lib. I, De pudicitia lib. I. in uno corpore mit dem Hinweis sed auctorem ignoramus, also ohne Autorenangabe, verzeichnet; es handelt sich um eine als 'Corpus Corbeiense' nur noch im Druck überlieferte Sammlung von Traktaten des christlichen, dem Mittelalter namentlich aufgrund seiner Nennung in 'De viris illustribus' des Hieronymus bekannten Tertullian (nach 150 bis nach 220), die in Abgrenzung zu anderen Ausgaben allein in (verlorenen) Handschriften in Corbie und hier in Köln bekannt geworden ist.

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Die zuletzt genannten Bücher der Katalogliste dokumentieren den Bestand für den Schulunterricht, der sich nach antikem Vorbild dem Studium der Sieben Freien Künste widmete; für die "redenden" Künste des Triviums (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) standen Vergil (70-19 v.Chr.) sowie die christlichen Dichter Prosper Tiro von Aquitanien (um 390-vermutl. 463), Sedulius (1. Hälfte 5. Jh.) und Iuvencus (4. Jh.) zur Verfügung, zudem ein Glossar und ein Band für Orthographie, Dialektik und Rhetorik, ein anderer mit der 'Grammatik' des Donatus (um 310-um 380), der als 'grammaticus urbis Romae' schon Hieronymus unterrichtet hatte; das hier mit einem Kommentar versehene Werk war seit altersher ein beliebtes Lehrbuch für die grammatikalische Grundausbildung im Übergang von Elementarunterricht zum Studium der Freien Künste. Für die höheren Disziplinen, die "rechnenden" Künste des Quadriviums (Arithmetik, Geometrie, Musik, Seite 26 Astronomie) griff man offenbar auf mathematische Werke wie die beiden komputistischen Kompendien zurück, oder auch auf die schon erwähnten ' Isidors, das enzyklopädisch umfangreiche Reallexikon des frühen Mittelalters. In dessen zwanzig Büchern war das Wissen der Zeit im Bereich der Freien Künste, der Medizin, des Rechts, der geistlichen Literatur, der Sprachen mit hinzugefügtem Lexikon, der Naturkunde mit Anthropologie, Zoologie, Kosmologie und Geographie sowie der Technik und materiellen Kultur gesammelt und durch ein von grammatikalischen Grundeinheiten gebildetes Erklärungs- und Ordnungssystem erschlossen. Vergleicht man diesen Bestand der karolingischen Kölner Dombibliothek mit anderen Bibliotheken, so fällt eine ähnliche Gewichtung der einzelnen Gebiete auf, wenn beispielsweise die bereits genannte Würzburger Dombibliothek eine Generation zuvor bei einem Gesamtbestand von 35 Werken vier biblische Titel, drei liturgische Bände, 21 patristische Schriften sowie neben einem kanonistischen Band und Bedas 'Kirchenlehre' fünf in den Bereich der Schullektüre fallende Titel enthält. Er dokumentiert, wie Goswin Frenken, Friedrich Wilhelm Oediger und schließlich Wolfgang Schmitz resümiert haben, ein geistiges Panorama, das vorrangig durch das Studium der Hl. Schrift bestimmt ist, wohingegen Werke für die Unterrichtung in den Sieben Freien Künsten in eher bescheidenem Maße, wenngleich für einen Grundbestand ausreichend, vorhanden waren.

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Das im Ferrandus-Codex überlieferte Ausleihverzeichnis erweitert das geistige Spektrum der damaligen Dombibliothek z.B. um das 'Appologeticum' des Gregor von Nazianz (um 326-um 390), von einem Wadolf entliehen, oder um den von einem Ratleih ausgeborgten Liber Pompeii, hinter dem sich möglicherweise der in Dom Hs.57 erhaltene Kommentar des afrikanischen Grammatikers Pompeius zu Donatus verbirgt. Ansonsten überliefert es uns eine Reihe von Namen, deren Träger wir als historische Personen nicht ausmachen können. Da entlieh z.B. ein Ermbaldus neben einem Evangelienbuch und einem Lektionar auch ein mit Silbertinte geschriebenes Evangeliar, das mit einem edelsteinbesetzten goldenen Einband geschmückt war; von einem zweiten Evangeliar ist die Rede, das ähnlich kostbar eingebunden war; ein mit Goldtinte geschriebenes Sakramentar wird erwähnt sowie weitere liturgische Handschriften, von denen man annehmen darf, daß sie entweder abgeschrieben oder in der Liturgie an einem anderen Ort benutzt wurden. Auch andere Entleiher wie Langolfus, Engilolfus, ein Bischof Baldericus, Hildiswint, Baldrih, Osman, Folcar, Radolf, Engilhelm, Gundolf oder Hartker lassen sich bisher nicht näher identifizieren. Andererseits werden historische Zusammenhänge deutlich, wenn z.B. Erzbischof Hadebald von Köln (819-841), der Nachfolger Hildebalds, ein Evangeliar, ein Lektionar, auch die Sprüche Salomonis zum eigenen Gebrauch, für seine Schwester ein Sakramentar mit Lektionar sowie ein einbändiges Antiphonar und für deren Sohn einen Band mit Psalmen entlieh. Daraus resultiert unser Wissen, daß Mitglieder der Familie Hadebalds schon 833 im Bischofshaus weilten. Von ihnen ist bekannt, daß sie auch nach dem Tod des Erzbischofs versuchten, dort ihre Stellung zu behalten. Zudem wird unter den Entleihern Helmbald, ein Bruder des Erzbischofs, genannt, der ein Lektionar und ein Antiphonar erhielt. Zu überlegen bleibt auch, ob der so reich entleihende Ermbald oder die ein Lektionar borgende Gattin des Werinbald Mitglieder der Familie Hadebalds gewesen sein könnten. Liutbert, Sohn von Hadebalds zweitem Bruder Asbald (Hasbald), bezeichnete sich schon kurz nach dem Tod seines Onkels im Januar 842 als erwählter Bischof von Köln. Wenig später aber nennen Bonner Urkunden den Erzkanzler Kaiser Lothars I. Seite 27 (840-855) und Abt von Saint-Denis, Hilduin, als "berufenen" Bischof von Köln (vocatus episcopus). Dieser hielt sich bereits Weihnachten des Jahres 833 im Haus des Kölner Erzbischofs auf, um hier mit Bischof Baturich von Regensburg (gest. 848), dem Vertrauten König Ludwigs des Deutschen (833-876), möglicherweise über die mit der 833 erfolgten Festnahme Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) durch seinen Sohn Kaiser Lothar I. in Aachen entstandene Situation zu verhandeln (F.W. Oediger). Der in unserer Entleihungsliste von 833 aufgeführte Hilduin abba. Lectionarium I mag mit dem gewandten und regen Abt von Saint-Denis zu identifizieren sein, dessen Neffe Gunthar schließlich im Jahre 850 Metropolit von Köln wurde.

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Über die Erweiterung der Dombibliothek im 9. und 10. Jahrhundert gibt es nur wenig sichere Nachrichten, obwohl, wie der heutige Bestand noch zeigt, eine größere Anzahl von Manuskripten in jener Zeit entstanden, möglicherweise aber erst später nach Köln gelangt ist. Mit Dom Hs.93 (Kat.Nr.34), den Briefen Gregors des Großen, ist wohl die einzige zur Zeit Erzbischof Hadebalds im Skriptorium der Domschule geschriebene Handschrift erhalten, die mit einem fehlerhaften Schreiberkolophon (177v) endet ... sub pio patre Hadebaldo sriptus (!) atque beati (!) Victori traditus (Abb.12). Mit dem Empfänger, dem 'glücklichen Victor', ist das Stift St. Victor in Xanten identifiziert worden, wohin die Handschrift allerdings nie gelangte, sondern offenbar in der Dombibliothek verblieb. Mit dem einzigen im Katalog von 833 aufgeführten 'Registrum Gregorii' ist jedoch wohl die mit einem Hildebald-Eintrag versehene Dom Hs.92 (Kat.Nr.11) gemeint. Aus dem Besitz des Erzbischofs Gunthar (850-870) stammt Dom Hs.39 mit dem Kommentar zum Römer-Brief des Ambrosiaster; mit ihm ist auch die interessante Dom Hs.117 (Kat.Nr.51) zu verbinden, die unter anderem das Poenitentiale (Bußbuch) Bischof Halitgars von Cambrai (817-831) Seite 28 sowie auf Folio 97r die sog. Propagandaschrift Gunthars von 865 enthält (Abb.13), mit der dieser sich um seine Rekonziliation bemühte, nachdem er auf dem Laterankonzil zwei Jahre zuvor von Papst Nikolaus I. (847-863/868) seines Amtes enthoben und exkommuniziert worden war. Die nachfolgende letzte Seite der Handschrift (97v) überliefert die Anweisung über die von der Propagandaschrift herzustellenden Kopien und die Adressaten, an die sie geschickt werden sollten (Abb.14). Von dem um die Mitte des 9. Jahrhunderts in Lüttich wirkenden Sedulius Scottus, dem Verfasser von Kommentaren zu den Grammatikern Donatus und Priscian sowie eines Fürstenspiegels für den fränkischen König Lothar II. (855-869) und zahlreicher, hohen Persönlichkeiten gewidmeter Verse, ist ein Lobgedicht tradiert, in dem er den Erzbischof als seinen Gönner rühmt. Aus der Zeit Gunthars wissen wir auch ausdrücklich von der Existenz der Kölner Domschule, denn Radbod, der Neffe des Erzbischofs und spätere Bischof von Lüttich (901-918), wurde seiner Vita zufolge dort ausgebildet. Von Gunthars Nachfolger Willibert (870-889) findet sich ein Stiftungsvermerk in Dom Hs.29 mit dem Traktat des Hilarius von Poitiers (Bischof von Poitiers seit etwa 350-367/368) über den 118. Psalm. Über Erzbischof Willibert gelangten auch der 'Codex Carolinus' mit Briefen der Päpste an die Franken-Herrscher sowie eine Sammlung von Briefen des hl. Bonifatius in die Dombibliothek (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod.449 und Cod.751). Klemens Löffler erwähnt ebenso aus dem Besitz Williberts eine Handschrift mit dem Brevier Karls des Großen, mit dem einzig überlieferten 'Capitulare de villis' und mit Briefen Leos III., die wie die Wiener Codices ebenfalls im 16. Jahrhundert aus der Dombibliothek in Seite 29 privaten Besitz gelangte und heute als Cod.Helmst. 254 in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt wird. Die Stiftung der touronischen Bibel Dom Hs.1 (Kat.Nr.25) durch Erzbischof Hermann I. (890-925) wurde bereits erwähnt. Das Pamelius-Sakramentar Dom Hs.137 (Kat.Nr.81), benannt nach seinem späteren Herausgeber Jakob Pamelius, enthält in der Litanei Bittgebete für Klerus und Volk von St. Peter mit Nennung des Erzbischofs Hermann I. sowie mit seitlich der Totenmessen verzeichneten Namen von Personen seines Umkreises (Abb.15).

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Aus den darauffolgenden Jahrzehnten sind keine mit Namen verbundene Zustiftungen der Dombibliothek überliefert. Dies ist gerade für die Amtszeit Erzbischof Bruns (953-965) erstaunlich, wird doch in dessen Vita, mit der sein Nachfolger, Erzbischof Folkmar (965-969), Ruotger beauftragt hatte, seine hervorragende Ausbildung und seine Liebe zum Studium gerühmt, wenn er seine Bücherkiste selbst ins Heerlager mitnahm "wie die Israeliten die Bundeslade". Als jüngster Sohn König Heinrichs (919-936) und der Mathilde (um 896-968) wurde Brun anfangs unter Bischof Balderich in Utrecht erzogen, wo er in Grammatik unterrichtet wurde und das Studium der Klassiker mit Prudentius begann, später am Königshof selbst, wo er auch Griechisch lernte und von Rather von Verona (um 887-974) in die Philosophie eingeführt wurde. Unter seinem Bruder Otto dem Großen (König 936, Kaiser 962-973) war Brun Kanzler und 'archicapellanus' des Reiches geworden und hatte, wie in der von Sigebert von Gembloux (um 1028/29-1112) verfaßten Lebensbeschreibung des Bischofs Dietrich von Metz überliefert wird, mit dem Amt des Metropoliten - in jener Zeit ohne Parallele - auch die Leitung der Domschule in Köln, des 'gimnasium sanctae Coloniensis ecclesiae', übernommen. Aus ihr gingen zu Bruns Zeit - sicher auch ein Beleg der Leistungsfähigkeit der Schule - unter anderem die sein Vertrauen genießenden Bischöfe Wichfried von Verdun, Gerhard von Toul, Dietrich von Metz, auch der zuvor als 'decanus' in Bonn wirkende Ebrachar von Lüttich hervor sowie sein eigener Nachfolger Erzbischof Folkmar von Köln.

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Mit Erzbischof Gero von Köln (970-976) verbindet man das kostbar ausgestattete Evangelistar Hs 1948 der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt, auf dessen zweitem Dedikationsbild (6v) ein ohne erzbischöfliches Pallium gekleideter Gero dem hl. Petrus ein Buch überreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Gero, der in der Inschrift auch als Custos der Basilica des hl. Petrus benannt wird, mit dem seit 966 am Kölner Dom nachweisbaren Presbyter Gero identisch, der 970 Erzbischof von Köln wurde. Als die Kölner Dombibliothek am Ende des 18. Jahrhunderts in das sauerländische Kloster Wedinghausen geflüchtet wurde, gehörte der Gero-Codex schon nicht mehr zu ihrem Bestand. Von Erzbischof Everger (985-999) sind zwei Schenkungen erhalten. In der großen und eindrucksvollen Dom Hs.53 mit dem Hieronymuskommentar zu den Kleinen Propheten findet sich zweimal der zeitgenössische Eintrag Liber sancti Petri scriptus sub tempore domni Evergeri archiepiscopi (Abb.16). Ebenso deutlich bezeugt das Lektionar Dom Hs.143 (Kat.Nr.80) auf Folio 2r den Stifter Liber sancti Petri ecclesiae maioris Coloniensis quem Evergerus archiepiscopus dedit (Abb.17). Den Eintrag Liber Heriberti archiepiscopi findet man in Dom Hs.113 mit Pseudo-Isidorischen Decretales, die nach dem Schriftbild in der Tat zur Zeit Heriberts (999-1021) entstand. Ebenfalls einen Besitzvermerk Erzbischof Heriberts aus dem 11. Jahrhundert weist die aus der Dombibliothek in die Österreichische Nationalbibliothek (Cod.131) gelangte Handschrift mit den Satiren des Persius und Juvenal auf. Seite 30 Mit der reizvollen Vorstellung, das wohl in Kloster Seeon entstandene Evangelistar Dom Hs.144 (Kat.Nr.79) könnte von Erzbischof Pilgrim (1021-1036), dessen Familie dieses Inselkloster kurz zuvor gegründet hatte, seiner Kölner Domkirche geschenkt worden sein, verlassen wir wieder die gesicherte Überlieferung. Sie wird zu dieser Zeit noch einmal greifbar im kostbaren Evangeliar Dom Hs.12 (Kat.Nr.76), das der sonst nicht bekannte Kölner Domherr Hillinus von den beiden Brüdern Purchardus und Chuonradus hat anfertigen lassen. Ist es Zufall, daß aufgrund des Schriftbildes einer der Schreiber in der nach Kloster Seeon lokalisierten Schreibschule zumindest ausgebildet wurde?

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Aus der hier behandelten Zeit hat sich wiederum ein Verzeichnis von entliehenen Handschriften der Kölner Dombibliothek auf Folio 117v im Cod.CA 2° 64 der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek, Bibliotheca Amploniana, in Erfurt erhalten (Abb.18). Die aus der Dombibliothek stammende Handschrift gehörte zu Beginn des 15. Jahrhunderts Amplonius Ratinck de Berka (gest. 1435), der an der Kölner Universität studiert hatte, zweimal ihr Rektor und zudem Leibarzt Erzbischof Friedrichs III. von Köln war; 1412 schenkte er seine umfangreiche Bibliothek dem von ihm gestifteten Collegium Amplonianum in Erfurt, nachdem er zuvor einen Katalog seiner Bücher angelegt hatte, in dem die Handschrift mit dem Kölner Bücherverzeichnis bereits aufgeführt ist. Dieser Codex aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts ist ein liturgisches Handbuch und enthält neben einem Horologium und Kalendar mit Ostertafeln Texte des Amalar von Metz (um 775/780-um 850), des Beda Venerabilis sowie des Hrabanus Maurus (um 780-856) und war schon zu jener Zeit mit einem Glossar zu Büchern des Alten Testaments aus dem frühen 15. Jahrhundert verbunden. Das von Ernst Dümmler 1876 edierte Verzeichnis mit der Überschrift Hi sunt libri praestiti de armario sancti Petri - Dies sind die aus der Bibliothek von St. Peter verliehenen Bücher - nennt als ersten Entleiher einen Abbas Elias, mit dem vermutlich Helias Scottus, der 1042 gestorbene Abt der Klöster St. Pantaleon und Groß St. Martin gemeint sein wird; er entlieh einen Augustinuskommentar zum Johannesevangelium novo ex toto bene scriptum, der also Seite 31 offenbar gerade erst geschrieben worden war. Der nachfolgend verzeichnete Evezo, Schulmeister von St. Kunibert, entlieh einen Teil des Hieronymuskommentars zu Isaias; die Abbatissa de sanctis virginibus, die namentlich nicht überlieferte Äbtissin von St. Ursula, entlieh einen 'Terenz mit Servius'. Der Eintrag Adelboldus episcopus. Librum super psalterium optime scriptum ad manum Wanizonis de sancto Gereone scriptoris besagt, daß der mit Bischof Adalbold von Utrecht Identifizierte einen hervorragend geschriebenen Psalmenkommentar - man denkt an die Bände der Hildebald-Bibliothek aus Kloster Chelles (Dom Hss.63, 65, 67; Kat.Nr.3) oder den später in der Liste genannten Psalmenkommentar des Augustinus - ausgeliehen hat, um ihn Wanizo, einem Schreiber am Kollegiatsstift St. Gereon wohl zur Abschrift zur Verfügung zu stellen. Dort ist für jene Zeit längst schon eine Schule erwähnt; zudem läßt dieser Vorgang auf ein dort tätiges Skriptorium schließen. Die Amtszeit Bischof Adalbolds (1010-1026) gibt zugleich die Zeitspanne an, innerhalb derer das Verzeichnis erstellt worden ist. Sodann hat ein Frater Alvoldus Gregors des Großen Ezechielkommentar entliehen und ein Reginhardus den Traktat zu den Paulusbriefen des um die Mitte des 9. Jahrhunderts lehrenden Haimo von Auxerre.

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Im Anschluß daran läßt die Radierung einer halben Textzeile den Zweck der nachfolgenden Bücherliste nicht mehr erkennen. Diese beginnt mit den Kommentaren des hl. Augustinus zu den Psalmen und des hl. Hieronymus zu Jeremias; dann folgen vier Homiliare, drei Passionale und zwei Vollbibeln. Aufgrund der anschließenden Titel hat zuletzt Irmgard Jeffré (1991) die Vermutung geäußert, daß die Liste Neuanschaffungen der Dombibliothek verzeichnen könnte; denn bei einer Reihe der aufgeführten Bücher handelt es sich um Texte, die erst seit Ende des 10. Jahrhunderts an den Domschulen für den Unterricht herangezogen worden sind. Im einzelnen sind es drei Bände Vergil, zwei Bände Lukan, ein Servius und ein Horaz, die Enzyklopädie über die Sieben Freien Künste 'De nuptiis Mercurii et Philologiae' des Martianus Capella, die in Dom Hs.193 (Kat.Nr.61) aus dem 10. Jahrhundert vorliegt und in Dom Hs.194 durch ein Glossar ergänzt wird, sowie drei Bände Priscian, das heißt also wiederum Bücher zur Grammatik, und ein Band mit der größeren 'Ars grammatica' des Donatus, sodann das sonst nicht bekannte Werk 'De generibus metrorum' des Smaragd von Saint-Mihiel. Es folgen die hier dem hl. Augustinus zugeschriebenen Bücher 'Isagoge' (des Porphyrios) und 'Kategoriai' (des Aristoteles) sowie von Boethius (um 475/480-524) 'De sancta trinitate' und seine beiden Kommentare zu der 'Isagoge', der Einführung des Porphyrios in die logischen Schriften des Aristoteles (Commentum minus isagogarum. Maius etiam in easdem in duobus voluminibus). Bei den anschließend genannten Büchern Victorinum I Consultum. Genethliaca handelt es sich um Lehrtexte zur Grammatik, Rhetorik und Dialektik der spätantiken Autoren Fortunatianus, Victorinianus und Censorinus, die in der Dom Hs.166 (Kat.Nr.22) erhalten sein könnten; denn die umschreibende Bezeichnung Genethliaca trifft die Censorinus-Sammlung von zahlreichen, auf das Thema Geburtstag bezugnehmenden Fakten und Nachrichten recht gut. Der Codex, der noch aus dem 8. Jahrhundert stammt, ist im Bibliothekskatalog von 833 nicht erwähnt, doch erhielt er im späteren 9. Jahrhundert den Besitzvermerk der Kölner Dombibliothek. Die anschließend aufgeführten Periiermeniae des Platonikers Apuleius spielten nicht zuletzt auch über ihre Vermittlung durch Cassiodor "über die Jahrtausendwende hinweg bis in die scholastisch werdende Wissenschaft des 12. Jahrhunderts hinein" (F. Brunhölzl) eine nicht unbedeutende Rolle innerhalb des mittelalterlichen Lehrstoffs zur Seite 32 Dialektik. Die Bücherliste endet mit Minus commentum Boetii in librum periiermenias Aristotilis. et partem commenti eiusdem in kategorias, also mit dem kleinen Kommentar des Boethius zur Hermeneutik und seinem anderen zur Kategorienlehre des Aristoteles.

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Zusammen mit den erhaltenen, in den Verzeichnissen jedoch nicht erwähnten Handschriften der Dombibliothek aus dem 6. bis 11. Jahrhundert läßt sich ein Panorama des geistigen Lebens an der Kölner Domschule im hohen Mittelalter rekonstruieren - unter dem Vorbehalt der nicht immer gesicherten Kenntnis, ab wann sich die einzelnen Handschriften, die in der Mehrzahl keinen mittelalterlichen Bibliothekseintrag überliefern, im Besitz der Dombibliothek befanden. Viele der Codices sind mit verschiedenartigen Glossen und Scholien versehen und tragen intensive Gebrauchsspuren, wie sie in Schulhandschriften zu erwarten sind. Vorab sei an die schon kurz erwähnte Dom Hs.106 (Abb.19-25) erinnert, die aufgrund ihrer Sammlung von Gebeten und Erbauungstexten einen ausgefallenen Buchtyp im Bereich des Schulbetriebs zu repräsentieren scheint. Denn dieses bereits um 810 entstandene Konvolut von 74 Blättern enthält kurze Texte von 21 verschiedenen Schreibern (Jones), von denen nach Bernhard Bischoff neunzehn karolingisch und unterschiedlichen Schriftschulen zuzuweisen sind. Zwei zeichnen sich durch einen deutsch-angelsächsischen Duktus aus, was neben anderen Gründen für eine Entstehung nicht in Köln, sondern in der Benediktinerabtei St. Ludgerus in Werden sprechen könnte. Bernhard Bischoff fand in der Annahme, "daß die Handschrift von einer Gemeinschaft von Schülern hergestellt wurde, die von verschiedenen Stätten zur höheren Ausbildung an ein Zentrum (Werden?) geschickt worden waren", eine ansprechende Erklärung.

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Im Bestand der Handschriften, die bis zum 11. Jahrhundert geschaffen wurden, findet sich eine reiche Lektüre für den Unterricht in den Freien Künsten. So ist Priscians Grammatik in den Dom Hss.200 (Kat.Nr.63) aus dem 9. Jahrhundert, 202 vom Ende des 10. Jahrhunderts und 201 aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts überkommen, darüber hinaus enthält Dom Hs.204 aus dem frühen 10. Jahrhundert eine umfangreiche 'Ars grammatica', die mit einem Zitat aus Isidors 'Etymologien' beginnt Grammatica est scientia recte loquendi et origo et fundamentum liberarum litterarum vocata a litteris quas graeci gramma vocent. Potest et ita diffiniri - Grammatik ist das rechte Wissen vom Reden und Ursprung und Grundlage des ungebundenen Alphabets, benannt nach den Buchstaben, die bei den Griechen 'gramma' heißen. Auf diese Weise läßt sie sich erklären. Dom Hs.191 überliefert die 'Topica', Ciceros Werk zur Rhetorik, Dom Hs.198 den Seite 33 Kommentar des Boethius dazu; aus dem späten 11. Jahrhundert sind in Dom Hs.190 mit 'De differentiis topicis' eine weitgehend auf Cicero beruhende Schrift des Boethius zur Rhetorik überliefert, mit 'De syllogismo categorico' sein Kompendium der Lehre vom Urteil sowie eine Zusammenfassung der aristotelischen Syllogismus-Formen. Die Dom Hss.83, 185 und 186 (Kat.Nrn.66, 67, 65) aus dem 9./10. Jahrhundert enthalten die 'Arithmetik' des Boethius gleich dreimal, dann den Kommentar des Macrobius zum 'Somnium Scipionis' mit einem Exzerpt aus Ciceros Text, sodann Cassiodors 'Orthographia' und den gleichnamigen Abschnitt aus den 'Etymologiae' des Isidor von Sevilla (um 560-636) sowie das Werk 'De centimetris' des Grammatikers Servius Maurus. Die Dom Hss.187, 188 und 191 umfassen Übersetzung und Kommentar des Boethius zu der genannten 'Isagoge' des Porphyrios, ebenso die Einführung in die Musiktheorie 'De institutione musica' des Boethius sowie seine Übersetzungen der beiden logischen Schriften des Aristoteles, den 'Kategoriai' und der 'Peri hermeneias'. Die große Anzahl von Übersetzungen, Kommentaren und eigenen Schriften des Boethius belegt auch im Fall der Kölner Dombibliothek die außerordentliche Bedeutung, die dieser römische Gelehrte, von Dante (1265-1321) als hl. Theologe im Paradiso der 'Göttlichen Kommödie' besonders gewürdigt, als Vermittler der griechischen Philosophie, insbesondere der aristotelischen Logik, aber auch aufgrund seiner Schriften zu den Wissensgebieten der Sieben Freien Künste im lateinischen Mittelalter eingenommen hat. Er wurde daher sicher zurecht als "Erzieher des Abendlandes" bezeichnet. Hier wie auch bei den frühen Kirchenvätern und den späteren geistlichen Autoren wird bewußt, daß die antiken Schriftsteller und Philosophen weniger durch ihre eigenen Schriften als vielmehr durch die Vermittlung ihrer Lehren in patristischen bis hin zu scholastischen Lehrbüchern und Kommentaren dem Mittelalter präsent waren und das Denken bestimmten. Dies gilt in besonderem Maße auch bei Schriften zum Trivium, in denen die aus den Texten antiker Autoren exzerpierten Stellen als belegende Beispiele für die grammatikalischen, rhetorischen und dialektischen Überlegungen dienten und auf diese pädagogische Weise auch literarisches Wissen vermittelten.

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In unserer Aufzählung ist weiterhin Dom Hs.192 (Kat.Nr.68) aus dem frühen 11. Jahrhundert mit dem Kommentar des um 400 in Italien wirkenden Calcidius zu Platons 'Timaios' zu nennen, mit dem dieser das Verständnis der platonischen Naturphilosophie sowie der kosmologischen Probleme mit Erläuterungen durch die Artes des Quadriviums förderte. Zu nennen ist auch Dom Hs.81 (Kat.Nr.70) mit den 'Carmina' des christlichen Dichters Prudentius, die dieser im Jahre 405 Seite 34 als Sammlung von Gedichten zu verschiedenen Anlässen herausgegeben hatte. Der Codex enthält zudem sein großes allegorisches Gedicht, die 'Psychomachia', sowie 'Contra orationem Symmachi', worin er mit traditioneller christlicher Argumentation gegen das Heidentum, verkörpert in der Person des Quaestors und Praetors Quintus Fabius Memmius Symmachus, vorging, und schließlich auch seine vierzehn Hymnen zu Ehren vorrangig spanischer und römischer Märtyrer, das 'Peristephanon'. Die im 9. Jahrhundert vielleicht in Köln entstandene Dom Hs.99 (Kat.Nr.62) beinhaltet kleinere Werke Isidors mit ganz unterschiedlicher Thematik, denen ein gewisser Egilbertus in karolingischer oder ottonischer Zeit eine poetische Inhaltsangabe in acht elegischen Distichen vorangestellt hat. Das Spektrum wird erweitert durch die wohl noch im 11. Jahrhundert von verschiedenen Schreibern ausgeführte Sammlung von Kommentaren zu antiken Schriftstellern in Dom Hs.199, die wahrscheinlich für den Gebrauch an der bedeutenden Domschule von Lüttich bestimmt war und vermutlich über die immer wieder nachweisbaren Beziehungen bald schon von dort nach Köln gekommen ist. Sie enthält Glossen zu Lukans 'Bellum civile' sowie eine unvollständige Abhandlung über den Kommentar des Macrobius zu Ciceros 'Somnium Scipionis'. Das Werk des hohen römischen Staatsbeamten und Philologen Macrobius (frühes 5. Jh.) zu jenem gesondert vom Hauptwerk überlieferten Teil aus Ciceros 'De re publica' gehört zu jenen Texten, die das antike Geistesgut mit großer Wirkung ins abendländische Mittelalter getragen haben. Wie man an der Dom Hs.199 sieht, erfuhr es innerhalb der späteren Verwendung im Schulgebrauch eine erneute Kommentierung. Die Handschrift enthält des weiteren Kommentare zu den Satiren Juvenals mit Glossen sowie zu den Satiren des Persius. Der bereits zur Zeit Erzbischof Heriberts (999-1021) entstandene Codex 131 in Wien mit den Satiren des Juvenal und des Persius wurde schon erwähnt. Darüber hinaus enthalten die aus der Kölner Dombibliothek stammenden Handschriften in der British Library in London die 'Institutio oratoria' des Quintillian (Harley Ms. 2664), Ciceros 'Epistolae ad familiares' (Harley Ms. 2682) und den 'Trost der Philosophie' des Boethius (Harley Ms. 2685). Innerhalb des mehrteiligen Harley Ms. 2688 gehörte vermutlich der Faszikel mit der griechisch-lateinischen Grammatik ehedem der Dombibliothek.

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Um die Jahrtausendwende sind auch in Köln Studien des Griechischen zu belegen, die mit dem Besuch Froumunds von Tegernsee (um 960-1006/1012) und der von ihm in St. Pantaleon für den Unterricht in der Klosterschule erstellten griechischen Grammatik präziser faßbar werden. Ob die Vorlage für diese Arbeit, die sich zusammen mit Glossen zu Priscian, den 'Carmina' des Venantius Fortunatus und anderen Texten im Codex114 der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten hat, in St. Pantaleon lag oder aus der Dombibliothek - man erinnert sich an Abt Helias im Ausleihverzeichnis des frühen 11. Jahrhunderts - dorthin ausgeliehen worden ist, läßt sich nur spekulativ beantworten. In einer Reihe von Handschriften aus dieser Zeit läßt sich eine unterschiedliche Kenntnis der griechischen Sprache in Köln belegen. Häufig finden sich Graecismen in Form von griechisch transkribierten lateinischen Worten und Namen in den Bildtituli verschiedener Prachthandschriften der ottonischen Buchmalerei, wie in dem für die Äbtissin Hitda von Meschede geschaffenen Evangeliar (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Hs 1640) oder im Gundold-Evangeliar (Stuttgart, Württ. Landesbibl., Bibl. 4° 2), schließlich auch im Everger-Lektionar Dom Hs.143 (Kat.Nr.80). In der ebenfalls mit Erzbischof Everger verbundenen Dom Hs.53 Seite 35 hat der Schreiber des lateinischen Hieronymuskommentars wohl auch die griechischen Einschlüsse selbst geschrieben (Abb.26), wohingegen der Schreiber der Glossen zu Priscians 'Institutio de arte grammatica' in Dom Hs.201 aus der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts entsprechende Lücken gelassen hat, die später nicht mit den griechischen Worten gefüllt wurden. Im Psalterium quadruplex Dom Hs.8 (Kat.Nr.60) bemerkt man unterschiedliche Hände für den griechischen und den lateinischen Text in der Litanei (Abb.27). Die Handschrift enthält die drei lateinischen Psalter-Redaktionen, ergänzt um die griechische Fassung in lateinischer Transkription. Sie gehört zu jener Gattung der bilinguischen Bibelbücher, über die ein umfangreicheres Wortmaterial des Griechischen in Verbindung mit dem vertrauten Lateinischen bekannt wurde.

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Seite 36 Ist es Zufall, daß sich zur Entstehungszeit des Kölner Bücherverzeichnisses vom Anfang des 11. Jahrhunderts mit Ragimbold zum ersten Mal in der Domschule ein Scholaster namentlich nachweisen läßt? Dieser stand mit seinem Lütticher Kollegen Radulf im Briefwechsel über den sog. Winkelstreit, der ein sehr hohes Niveau mathematisch-geometrischen Denkens belegt. Radulf wiederum war wahrscheinlich Schüler Fulberts (um 960-1028) an der Kathedralschule in Chartres gewesen. In einem Brief teilt Ragimbold mit, er habe Fulbert, als dieser schon Bischof von Chartres (ab1006) war, seine Dreiecksberechnung gezeigt und dessen Zustimmung dazu erhalten. Es ging dabei um die Begriffe Außenwinkel, Innenwinkel und die eventuelle Summe der drei Innenwinkel als zwei rechte Winkel auf der Grundlage von teilweise mißverstandenen Boethius-Schriften, da die Elemente des Euklid mit der dort gefundenen Lösung der Winkelprobleme nicht mehr bzw. noch nicht wieder als Grundlage der Geometrielehre bewußt waren. Fulbert wiederum hatte die Lehren des Gerbert von Aurillac (um 950-1003; seit 999 Papst Silvester II.) in Reims kennengelernt, über dessen Schulunterricht und die dazu benutzten Texte wir sehr gut informiert sind. Ein Vergleich mit dem oben aufgeführten Bestand der Dombibliothek zeigt, daß der Kölner Domschule im 10./11. Jahrhundert für den Unterricht in den Fächern des Triviums und Quadriviums ein Lehrstoff zur Verfügung stand, der "den berühmten Kathedralschulen in Reims und Chartres nicht nachstand" (Jeffré 1984).

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Daß die Codices benutzt wurden, sieht man nicht nur den bisweilen hinterlassenen Gebrauchsspuren an, sondern vor allem den wie immer auch schriftlich fixierten Notaten - Anmerkungen, Hinweisen, Erklärungen, Verweisen, Ergänzungen und Verbesserungen. So enthält die wohl aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts stammende Dom Hs.166 (Kat.Nr.22) mit Lehrtexten zum Trivium einerseits Marginalglossen unterschiedlicher Zeiten, darunter auch griechische, andererseits aber auch Ergänzungen eines zeitgenössischen Korrektors, der die Auflösungen von im Text benutzten Kürzungen besorgte und beispielsweise am Rand von Folio14v die paläographische Erklärung notierte CD id est contradicit - die Abkürzung CD meint 'contradicit' (er widerspricht) (Abb.28). Zahlreiche Verbesserungen in Orthographie, Grammatik und auch im Inhalt wurden im Hieronymustext der Dom Hs.46 von einer mit dem Schreiber zeitgleichen Hand mit dunkler Tinte nachgetragen (Abb.29). In vielen frühen Handschriften finden sich neben den lateinischen auch althochdeutsche Glossen des 9. bis 11. Jahrhunderts, so in der Dom Hs.57 mit der auf Folio 34r wiedergegebenen Glosse plica velda (Abb.30), womit neben der lateinischen Bezeichnung das althochdeutsche Wort für "die Falte" verzeichnet wurde, oder auch in der kanonistischen Sammelhandschrift Dom Hs.117 (Kat.Nr.51). Dom Hs.107 (Kat.Nr.39) enthält mehrere, offenbar einmalig nur hier innerhalb des althochdeutschen Sprachschatzes zu belegende Worte wie bellicine (aus Pappelholz) oder das Wort gerevo, welches das lateinische 'uterinus' (von einer Mutter) glossiert; auch das seltene marrunga (Hindernis) wird hier überliefert. In der 'Grammatik' des Priscian Dom Hs.200 (Kat.Nr.63) glossierte unter anderem eine Hand (vgl. Abb.53, 54), die auch in den Dom Hss.185 (Kat.Nr.67), 189, 191 und 193 (Kat.Nr.61) arbeitete. In der etwas jüngeren, um die Jahrtausendwende geschriebenen Priscian-Grammatik Dom Hs.202 finden sich die althochdeutschen Glossen teilweise innerhalb längerer lateinischer Erläuterungen und bisweilen durch eine vorangestellte Bezeichnung der Volkssprache - vulgo, aber auch thetisce, theodisce und theutisce - eingeführt. Zu den öfters zitierten Beispielen gehört Tipsanarium Seite 38 Vas in quo lagana fiunt id est stamph. vel domus ubi ptisana id est frumenta reconduntur quam theodisce dicimus spicare - Mörser, ein Gefäß, in dem Ölkuchen gemacht werden, ist ein stamph (Mörser). Oder ein Haus, in dem Gerste, also Getreide aufbewahrt wird, welches wir auf Deutsch spicare (Speicher) nennen. Gerade in Köln sollte die hier verzeichnete Glosse Femen isben - Hüftbein - erwähnt werden, mit der "ein wortgeschichtlich wichtiger Beleg für die frühere Bedeutung des Wortes 'Eisbein'" (R. Bergmann) vorliegt, wenn auch auf der "Kölschen Fooderkaat" (Speisekarte) unserer Tage sich die dem Angelsächsischen entlehnte Bezeichnung "Hämmche" durchgesetzt hat. In Dom Hs.81 (Kat.Nr.70) hat der Schreiber der 'Carmina' des Prudentius die Interlinear- und Randglossierung größtenteils selbst besorgt (Abb.31 [26r], 32 [98r]). Von den etwa 445 Prudentius-Glossen dieses Manuskripts sind eine ganze Reihe in der für Glossen oft Seite 39 benutzten Geheimschrift ausgeführt, in der anstelle der Vokale die ihnen jeweils folgenden Buchstaben eingesetzt wurden. Des öfteren findet man Griffelglossen, das heißt lediglich mit dem Griffel fast unsichtbar eingeritzte Anmerkungen in unterschiedlichen Formen; sie reichen von kleinen, der Erinnerung dienenden Zeichen zum Wiederfinden von Textstellen über Runenritzungen, z.B. auf Folio 70r in der Dom Hs.43 (Kat.Nr.1), bis hin zu Wortnotaten wie der von Bernhard Bischoff in Dom Hs.213 (Kat.Nr.18) gefundenen althochdeutschen Glosse chelactrot - getadelt - für das lateinische 'notetur' (Abb.33).

Abb. 33 (Dom Hs. 213, 65r)

Wilhelm Schmitz veröffentlichte 1886 [1983] die bereits zuvor von Jaffé/Wattenbach in den Kölner Domhandschriften angemerkten frühen Glossen in Form tironischer Noten, einer römischen Kurzschrift, deren Grundbestand an Zeichen wohl Ciceros Sekretär M. Tullius Tiro geschaffen hat. Die ehedem bei Senatsverhandlungen und Prozessen oder für Reden benutzten Noten, denen auch im Unterricht der römischen Antike eine gewisse Bedeutung zukam, wurden im Mittelalter vorrangig in den Klosterschulen nach den aus karolingischer Zeit überlieferten, jedoch auf einen älteren Archetyp zurückgehenden 'Commentarii Notarum Tironianarum' mit rund 13000 Zeichen auswendig gelernt und häufig in Verbindung mit dem Psalter geübt. Eines der wenigen Zentren ihrer Nutzung in Deutschland war neben Fulda, Regensburg und Salzburg vor allem Köln, wo sie besonders im 9. und 10. Jahrhundert Verwendung fanden, so in dem wohl noch unter Erzbischof Hildebald im frühen 9. Jahrhundert aus Salzburg erworbenen Augustinus-Codex Dom Hs.75 (Kat.Nr.4) mit der 'Civitas Dei' (Abb.34 [24v]). Beachtlich ist, daß z.B. in den beiden Briefbänden Gregors des Großen Dom Hs.92 und 93 (Kat.Nrn.11 und 34) aus der gleichen Zeit ein späterer Korrektor falsche tironische Noten verbesserte. - Der Gebrauch der liturgischen Handschriften bedarf nicht der ausdrücklichen Erwähnung, doch fällt auf, daß unter dem erhaltenen Bestand beispielsweise im Gegensatz zum Pamelius-Sakramentar Dom Hs.137 (Kat.Nr.81) das von ihm abhängige Gregorianische Sakramentar Dom Hs.88 (Kat.Nr.82) zahlreiche Gebrauchsspuren aufgrund intensiver Nutzung überliefert.

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Schließen wir das Panorama des im 11. Jahrhundert erreichten Bestandes der Kölner Dombibliothek ab, so bleibt noch eine heute als Ms. 5253 in der Bibliothèque Royale in Brüssel Seite 40 aufbewahrte Vitruv-Handschrift 'De architectura' nachzutragen. Darüber hinaus ist erwähnenswert, daß bisweilen dadurch, daß Autoren gerade auch in dieser Zeit ihre Schriften bestimmten Persönlichkeiten, so auch den Kölner Erzbischöfen, gewidmet haben, gewisse Interessen dieser Adressaten indirekt überliefert werden. Dom Hs.196 (Kat.Nr.71) enthält in einer wohl Lütticher Kopie aus der Mitte des 11. Jahrhunderts die 'Fecunda ratis', das mit der Weisheit der Sprichwörter 'Vollbeladene Schiff' des Egbert von Lüttich. Das in seiner Zeit berühmte Unterrichtswerk widmete der Autor jenem Bischof Adalbold von Utrecht (1010-1026), der im Ausleihverzeichnis der Kölner Dombibliothek genannt wird. Egberts so kurzweilige Schrift ist eines jener Werke, die sich dem Verständnis von Natur und Geschichte metaphorisch oder allegorisch nähern und darin menschliche Handlungsweisen wie auch göttliche Vorsehung aufdecken und verständlich machen. Die Kölner Dombibliothek besaß in jener Zeit auch ein Exemplar der bedeutendsten allegorischen Dichtung aus spätantiker Zeit, der 'Psychomachie' des 349 in Spanien geborenen christlichen Dichters Prudentius (Dom Hs.81, Kat.Nr.70). Der in Versen geschilderte Kampf der personifizierten christlichen Tugenden (Glaube, Keuschheit, Geduld, Demut, Mäßigkeit, Nächstenliebe und Eintracht) und heidnischen Laster (Götzendienst, Unzucht, Zorn, Hochmut, Schwelgerei, Geiz und Zwietracht) um die Herrschaft über die Seele begründete diese Literaturgattung. Auch bei der Schrift 'De nuptiis Philologiae et Mercurii' - Die Hochzeit Merkurs und der Philologie - des Martianus Capella, einer Abhandlung über die Sieben Freien Künste in Dom Hs.192 (Kat.Nr.68), handelt es sich um eine Personifikationsallegorie. Sie schildert die Begegnung Merkurs, des Gottes der Beredsamkeit, mit dem ihm von Apollon zur Braut empfohlenen irdischen Mädchen Philologia. Schließlich gehört auch die im Mittelalter so beliebte Schrift des Boethius 'De consolatione philosophiae' - Vom Trost der Philosophie - (Harley Ms. 2685) dieser Literaturgattung an. Gegenstand der Dichtung ist das (Selbst-) Gespräch mit der personifizierten Philosophie, die dem Autor Tröstung in dunkler Zeit spendet. Abt Berno von -Reichenau (1008-1048) widmete sein musiktheoretisches Werk, den 'Tonarius', Erzbischof Pilgrim von Köln (1021-1036), Franco von Lüttich seinen gegen 1047 in Zusammenhang mit dem sog. Winkelstreit entstandenen Traktat 'De quadratura circuli' - Die Quadratur des Kreises - dem Kölner Erzbischof Hermann II. (1036-1056). Von beiden Schriften gibt es keine Belege in der Dombibliothek. Abt Rupert von Deutz (1075/80-1129/30) widmete seinen Kommentar zur Geheimen Offenbarung Erzbischof Friedrich I. (1100-1131), während andererseits der Kölner Metropolit zwei Kommentare zu den Büchern der Könige und zu den Kleinen Propheten bei Rupert in Auftrag gab.

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Zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurückgekehrt lenken wir nun den Blick auf die nachfolgenden Jahrhunderte. Das weitere Anwachsen der Dombibliothek läßt sich im einzelnen nur ungenau belegen, da für die nachfolgend entstandenen Handschriften zeitgenössische Besitzvermerke äußerst selten sind und Nachweise erst wieder im 14. und ausführlicher im 15. und 16. Jahrhundert anzutreffen sind. So findet sich im ungewöhnlichen 'Brevarium Franconicum' (Dom Hs.215, Kat.Nr.86), das unter Verwendung älterer Miniaturen wohl im 2. Viertel des 12. Jahrhunderts in der Würzburger Diözese entstand, unvermittelt im Text eine spätere Namensnennung Wilhelms von Gennep, so daß die Annahme naheliegt, der Codex habe sich spätestens seit der Amtszeit dieses Kölner Erzbischofs (1349-1362) in der Dombibliothek befunden. Auch die Wege des ebenso kostbar ausgestatteten, um 1050 entstandenen Pontifikales aus Saint-Vaast in Seite 41 Arras (Dom Hs.141, Kat.Nr.84) nach Köln, wo es einen Besitzeintrag im 15. Jahrhundert erhielt, bleiben im Dunkeln. Eine der schönsten Miniaturenhandschriften der Bibliothek, das reichenauische Evangeliar vom Anfang des 11. Jahrhunderts Dom Hs.218 (Kat.Nr.77), das sich nach einem Eintrag des 12. Jahrhunderts im Besitz einer Klosterkirche Limburg, wahrscheinlich des Benediktinerklosters Limburg an der Haardt, befand, gelangte erst über das Vermächtnis des 1872 verstorbenen Johann Wilhelm Knott, Pfarrer in Heimerzheim, an den Dom. Wohl etwa um dieselbe Zeit kam mit dem 'Liber ordinarius' aus St. Gereon, Dom Hs.241 (Kat.Nr.103), das für die Historie dieses Stiftes so aufschlußreiche Memorienbuch mit Eintragungen des 12. und 13. Jahrhunderts zum liturgischen Totengedenken seiner Gönner, in die Dombibliothek. Nachdenklich stimmt auch die einzige Handschrift mit einem Text des Rupert von Deutz (Dom Hs.112, Kat.Nr.48), die vielleicht noch zu Lebzeiten Ruperts entstand und an dessen auf der anderen Rheinseite residierenden erzbischöflichen Gönner gelangte. Der so unscheinbare kleine Band bleibt in der Dombibliothek der einzige Hinweis auf einen Autor, der in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium Vergil den größten Dichter, Sallust den größten Historiker und Cicero den größten Redner nannte. Damit erfüllte er als später Nachfahre jenes weit vorausentworfene Bildungsprogramm, das in der 'Admonitio generalis' Karls des Großen im Geiste des an ihm beteiligten Verfassers Alkuin die unbefangene Nutzung der profan-antiken Bildung propagiert hatte. Ruperts Schriften lieferten das Gedankengut zu komplexen Bildprogrammen in der rheinischen Kunst des 12. Jahrhunderts und bestimmten vielleicht auch den Geist und die Konzeption der Miniatur mit Erzbischof Friedrich I. und den Bildtituli in der Dom Hs.59 (Kat.Nr.30).

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Die etwa ab dieser Zeit entstandenen Codices der Kölner Dombibliothek lassen im Überblick drei umfangreichere Gruppen erkennen, die den Sammlungsschwerpunkten im älteren Bestand entsprechen. Es sind zum ersten die der Exegese dienenden glossierten biblischen Bücher vorrangig des 12. und 13. Jahrhunderts, sodann die kanonistischen Sammlungen des 12. bis 14. Jahrhunderts und schließlich die späten großen liturgischen Handschriften aus dem 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert. Außerhalb dieser Gattungen finden sich weitere im 12. Jahrhundert entstandene Abschriften patristischer Texte - wahrscheinlich um aus Bedarfsgründen mit bisher fehlenden Büchern gezielt Lücken zu füllen, vielleicht aber auch gelegentlich aufgrund zufälliger, später erfolgter Übernahmen. Zu nennen sind hier etwa die Augustinus-Schriften in den Dom Hss.61 (Kat.Nr.27), 71 und 72 sowie in Dom Hs.77, die aus dem Besitz des Symon de Outdorp, eines Mitgliedes der Artistenfakultät in Köln, sicher erst später in die Dombibliothek gelangte. Erwähnt seien auch die Bücher 1-9 aus dem Isaiaskommentar des Hieronymus (Dom Hs.48), die im 12. Jahrhundert die schon im 11. Jahrhundert geschriebene Dom Hs.47 (Kat.Nr.29) mit den Büchern 10-18 ergänzten; dann die Homilien zu Büchern des Alten Testaments von Origenes (Dom Hs.28) oder auch eine weitere Abschrift der Briefsammlung Gregors des Großen (Dom Hs.95, Kat.Nr.35). Dom Hs.11 (Kat.Nr.38) mit Bedas Kommentar zu den Büchern Esra und Nehemia, wahrscheinlich nach der Mitte des 12. Jahrhunderts in Köln entstanden, gehörte zuvor Andreas de Werden, einem Kanoniker am Stift St. Kunibert in Köln. Spätmittelalterliche Besitzeinträge des Kölner Domes finden sich in der schon zu Anfang des 11. Jahrhunderts in Amorbach geschriebenen Dom Hs.30 (Kat.Nr.37) mit Texten des Pseudo-Dionysius Areopagita, in Dom Hs.31 (Kat.Nr.31) mit dem 'Hexaemeron' des Ambrosius und 'Adversus Iovinianum' des Hieronymus Seite 42 und auch in Dom Hs.173 mit Texten von Augustinus, Caesarius von Arles (um 470-542) und Alkuin. Ausgefallener ist der Kommentar zu Ciceros 'De inventione' des von Otto von Freising (um 1112-1158) ob seiner Gelehrsamkeit gerühmten Manegold von Lautenbach in Dom Hs.197, die möglicherweise noch zu Lebzeiten des bis zu Anfang des 12. Jahrhunderts wirkenden Propstes des Augustiner-Chorherren-Stiftes Marbach im Elsaß geschrieben worden ist, oder auch der Kommentar des um 860 gestorbenen Florus Diaconus zum Römerbrief. Der Autor ist in seiner Heimatstadt Lyon als Gegner der allegorischen und symbolischen Liturgie-Auffassung des für wenige Jahre dort als Erzbischof eingesetzten Amalarius von Metz (um 775/780-um 850) aufgetreten und dadurch bekannt geworden. In einer Dombibliothek zu erwarten sind die stattlichen Bände mit den 'Moralia in Iob' Gregors des Großen (Dom Hs.84, Kat.Nr.33) und die aus historischem Interesse so beliebten Schriften 'Die Jüdischen Altertümer' und 'Der Jüdische Krieg' des im ersten nachchristlichen Jahrhundert schreibenden Flavius Josephus (Dom Hss.162 und 163, Kat.Nr.72). Dom Hs.111 enthält eine Apokalypse mit dem Kommentar des im 9. Jahrhundert wirkenden Haimo von Auxerre, Dom Hs.269 ein Evangelistar des 12. Jahrhunderts mit im 15. Jahrhundert nachgetragenen Eidesformeln, darunter der Eid der deutschen Könige und Kaiser als Domkapitulare von Köln. Mit den Dom Hss.139 und 140 (Kat.Nr.85) sind zwei Bände eines kölnischen Pontifikales dieser Zeit überkommen.

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Mit der optisch beeindruckenden Textverteilung, der hohen kalligraphischen Qualität und planvollen Seitengestaltung signalisieren die glossierten biblischen Bücher (Dom Hss.4, 22, 25, 26; Kat.Nrn.43, 42, 45, 44) und weitere Manuskripte des 12. und 13. Jahrhunderts ein neues Verständnis im Umgang mit dem Bibeltext und seiner Exegese. In ausgewogener Dreispaltigkeit wird der größer geschriebene biblische Text von den seitlich mitlaufenden Glossen gerahmt (Abb.35) und verdeutlicht darin den neuen Stellenwert des Kommentars gegenüber der altertümlichen Kommentierung, wie sie Dom Hs.30 (Kat.Nr.37) überliefert (Abb.36). Die vor allem an den Pariser Schulen in ihrem Erscheinungsbild ausgeprägten Bibelglossen-Handschriften fanden bald schon andernorts, wie Dom Hs.25 (Kat.Nr.45) belegt, Nachahmung und daher eine große Verbreitung. Wesentlich ist, daß Text und Kommentar in diesem Handschriftentyp sozusagen in eine simultan erfaßbare Form gebracht worden sind, die dem Studium von Hl. Schrift und Kommentierung gleichermaßen gerecht wird und die darüber hinaus zu weiteren Glossierungen geführt hat. Die sich aus der Vielzahl unterschiedlicher Kommentar-Überlieferungen ergebenden Fragen hatte bereits Petrus Lombardus (um 1095/1100-1160) in seinen vier Sentenzen-Büchern gesammelt. In den Jahren 1150 bis 1158 stellte er sie als einer der bedeutendsten Magister an der Kathedralschule von Notre-Dame in Paris zur Diskussion. Die Dombibliothek verfügt mit Dom Hs.179 sowie mit Dom Hs.180 aus dem Besitz eines Pfarrers Johannes aus Elsig bei Köln - beide mit einem Eigentumsvermerk des Kölner Doms aus dem 15. Jahrhundert - über zwei Abschriften aus dem frühen 13. Jahrhundert. Dom Hs.181 (Kat.Nr.47) ist ein eindrucksvolles, wohl aus der Pfarrkirche St. Pankratius in Oberpleis stammendes Beispiel, das bereits im späteren 12. Jahrhundert in einem bisher nicht näher bestimmbaren, zwischen Rheinland, Mittelrhein und Maasland zu vermutenden Skriptorium entstand. Im scholastischen Sinne schuf Petrus Lombardus mit seinem 'Liber sententiarum' eine Summe von Aussagen zum biblischen Text im Für und Wider überlieferter Interpretationen, die sich der wissenschaftlichen Methode des 'Sic et non' des kurz Seite 43 zuvor gestorbenen Petrus Abaelardus (1079-1042) bedient. Seine Schüler folgen diesem Weg der Wahrheitsfindung, wie etwa Petrus Comestor (um 1100-1187), sein Nachfolger an der Kathedralschule in Paris, in seinem Sentenzenkommentar. In einer solchen Tradition summierender Methodik steht noch der 1306 vollendete 'Manipulus florum' des Thomas de Hibernia (vor 1265/1275-wahrsch.1329), des mit der Sorbonne so eng verbundenen, in Paris wirkenden Gelehrten. Die Dombibliothek besitzt mit der 1347 datierten Dom Hs.182 ein Exemplar dieser alphabetisch nach Schlagwörtern geordneten und vorrangig auf Exzerpt-Kompendien des 12. und 13. Jahrhunderts gründenden Auctoritates-Sammlung mit listenmäßig nachgewiesenen patristischen, auch profan-römischen Autoren, das Wilhelmus de Duren, Rektor der Kapelle St. Margarethen in Köln, als vormaligen Eigentümer nennt.

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Im Mittelpunkt des hochmittelalterlichen Kirchenrechts steht die 'Concordia discordantium canonum' des Gratian, jener noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts vollendete kompendiumähnliche Leitfaden, der, obwohl nie als offizielles Gesetzbuch bestätigt, dennoch zur Grundlage der mittelalterlichen kanonistischen Wissenschaft wurde. Über den Autor ist kaum etwas Biographisches bekannt; man vermutet, daß er Magister in Bologna, dem damaligen Zentrum der Rechtswissenschaft, gewesen ist. Er schuf mit dieser nahezu alle damals bekannten Rechtsquellen erfassenden Sammlung eine Erklärung und Harmonisierung sich zum Teil widersprechender Rechtsvorschriften im scholastischen Prinzip von These, Antithese und Synthese, d.h. von Behauptung, gegensätzlicher Aussage und deren Bezug zueinander mit der Klärung des Widerspruchs. Seite 44 Zu seinen Quellen gehört auch das rechtsgeschichtlich bedeutende 'Decretum' des im Jahre 1000 zum Bischof von Worms geweihten Burchard (um 965-1025), von dem in der Dom Hs.119 (Kat.Nr.52) eine frühe, wohl noch zu Lebzeiten des Autors entstandene Abschrift überliefert ist. Die beiden Dom Hss.127 und 128 (Kat.Nrn.55, 56) mit dem 'Decretum Gratiani' enthalten zahlreiche nur hier vorkommende Glossen, die zu der begründeten Vermutung einer von Paris abhängigen 'Kölner Schule' geführt haben. Dom Hs.127 trägt einen etwa zeitgenössischen Besitzvermerk der Dombibliothek, belegt also die frühe Präsenz aktuellen Kirchenrechts in Köln. An ihrem Anfang erscheint eine Miniatur zu Beginn eines Textes, dessen Ziel die Behebung der aus der Rechtsvielfalt resultierenden Rechtsunsicherheit durch Aufzeichnung von kirchlichem und Gewohnheitsrecht ist. Einem Rechtszeichen für Anspruch und Legitimation gleich zeigt sie einen bärtigen König und einen jugendlichen Erzbischof, die gemeinsam ein Lilienszepter halten. Eingebunden in die Worte Humanum genus duobus regitur - Das Menschengeschlecht wird von Zweierlei regiert - dokumentiert das Bild die schon in der 'Admonitio generalis' beschworene geistlich-weltliche Partnerschaft in einer kölnischen Variation der sonst üblichen Papst-Kaiser-Darstellungen. Der überaus reiche Bestand der Dombibliothek an Canones- und Decretales-Sammlungen schon aus frühester Zeit (Dom Hss.210, 212, 213; Kat.Nrn.19, 17, 18) sowie an karolingischen und späteren Beispielen (Dom Hss.114-120; Kat.Nrn.21, 51, 52), den Sammlungen im Typ der 'Collectio canonum Dacheriana' (Dom Hss.121-123) sowie der sog. Vier-Bücher-Sammlung (Dom Hs.124) aus frühromanischer Zeit bis hin zur Canones-Sammlung 'Polycarpus' des 1113 gestorbenen Gregor von San Grisogono (Dom Hs.126) des 12. Jahrhunderts belegen ein grundsätzliches Interesse an kirchlicher Verwaltung und Rechtsprechung, das den prinzipiellen Belangen episkopaler Aufgabenstellungen entspricht. So bestätigt der Bestand indirekt, was beispielsweise Raymund Kottje in seinen Überlegungen zum Anteil Kölns an den geistigen Auseinandersetzungen des Investiturstreites resümiert: man nahm hier offensichtlich weniger aktiv an solchen Prozessen teil, als es andernorts z.B. in den auf hohem Niveau argumentierenden Streitschriften eines Sigebert von Gembloux (um 1028/29-1112) dokumentiert ist, in denen die kaisertreue Position der Lütticher Kirche gegenüber der Gregorianischen Reform formuliert wird.

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Mit den Dom Hss.130 (Kat.Nr.57) und 131 besitzt die Bibliothek auch jenes zweite Dekretalenwerk, das Papst Gregor IX. (1227-1241) von seinem Poenitentiar, Raymund de Peñafort, unter dem Titel 'Liber decretalium extra decretum vagantium' (Liber Extra) hat kompilieren lassen und das ebenso wie das 'Decretum Gratiani' Teil des 'Corpus Iuris Canonici' mit langer Geltungsdauer wurde. Es enthält vorrangig die zeitlich nach dem 'Decretum Gratiani' aus der päpstlichen Rechtsprechung hervorgegangenen Rechtstexte, begleitet von dem sich bald als 'glossa ordinaria' durchsetzenden Glossenapparat des seit etwa 1232 in Bologna lehrenden Bernardus de Botone. Aus diesem Zentrum für die Lehre des Kirchenrechts ist in der Dombibliothek die Dom Hs.130 mit den Decretales Gregors IX. überliefert (Kat.Nr.57). Sie ist in der für Rechtshandschriften der in der Universitätsstadt angesiedelten Werkstätten typischen 'littera Bononiensis' geschrieben. Aus der Bologneser Rechtsschule stammt auch die 'Summa super titulis decretalium' des Goffredus de Trano (Dom Hs.135, Kat.Nr.59), mit der dieser ein 1241-1243 entstandenes, bald schon weit verbreitetes Lehrbuch zu den Decretales Gregors IX. schuf. Von speziellem Interesse für Seite 45 Köln sind die Dom Hss.132-134 mit den 'Statuta provincialia et synodalia' der Kölner Erzbischöfe, die, im 14. und 15. Jahrhundert angelegt, mit Konrad von Hochstaden (1238-1261) beginnen und unterschiedlich weit bis zu Wilhelm von Gennep (1349-1362), Friedrich von Saarwerden (1370-1414) und Ruprecht von der Pfalz (1463-1480) bzw. bis zu Hermann IV. von Hessen (1480-1508) reichen.

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Die speziell mit Köln verbundene Inhaltlichkeit, die mit den letztgenannten Rechtshandschriften anklingt, dominiert bei den liturgischen Cimelien des späten Mittelalters beinahe ausschließlich. Zudem lassen sich viele dieser Codices, deren künstlerische Ausstattung ein mitunter dichtes Panorama der Kölner Buchmalerei vom späten 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert vor Augen führt, als zeitgenössische Stiftungen an den Dom belegen. Einige wenige gelangten aus den Kirchen Kölns im Zuge der Säkularisation in die Bibliothek des Priesterseminars, vereinzelt auch in die des Domes, und von dort in die Diözesanbibliothek. Die meisten Handschriftenschenkungen dienten der Sicherung des Seelenheils und wurden speziell zu diesem Zweck angefertigt, doch kamen zahlreiche Codices auch als Vermächtnis in die Dombibliothek. Der Kölner Domkapitular Moritz Graf von Spiegelbergh (1406/1407-1483) z.B. hinterließ die frühe Priscian-Grammatik (Dom Hs.200, Kat.Nr.63), dann auch die unter anderem von dem Kalligraphen Burchardus de Hoya um 1399 in Italien geschriebene Dom Hs.168 mit Werken Boccaccios und schließlich die gegen Ende des 13. Jahrhunderts vielleicht in Köln geschriebene Bibel Dom Hs.2 (Kat.Nr.26), die der Stifter zuvor dem Kölner Bürger Johannes Gurdelmecher abgekauft hatte.

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Zentren der spätmittelalterlichen Kölner Handschriftenproduktion waren anfangs die Niederlassungen der Bettelorden, im 15. Jahrhundert dann die der 'devotio moderna' verpflichteten Häuser z.B. der Kreuz- und Fraterherren. Einen ersten Höhepunkt stellt das Graduale Diözesan Hs.1b aus dem Jahr 1299 dar (Kat.Nr.88), das aufgrund eines späteren Besitzvermerks vermutlich für den Kölner Minoritenkonvent geschaffen wurde. Auf dem Titelbild weist der Minorit Johannes, der offenbar aus dem unweit von Maastricht gelegenen Valkenburg stammte, nicht ohne Stolz auf die Inschrift, die ihn als Schreiber und Illuminator ausweist. Die in seiner Malerei imaginierte Architektur besitzt ortsspezifische zeitgenössische Bezüge zur gerade im Bau befindlichen Kathedrale wie auch zu den Architekturmotiven der Glasmalereien in der ehemaligen Dominikaner-Kirche Hl. Kreuz, für deren Konvent wahrscheinlich das Graduale Diözesan Hs.173 (Kat.Nr.89) um 1320/1330 entstand. Wenn auch kein Besitzeintrag auf diese Bestimmung hinweist, so ist doch die zum Patronatsfest erscheinende Bildinitiale mit der Auffindung des Wahren Kreuzes Christi durch Kaiserin Helena, die zudem das in der Symbolik des Lebensbaums grün gefärbte Kreuz trägt, ein eindeutiges Indiz. Spätere Eintragungen in den beiden zusammengehörenden, schon um 1310 hergestellten Antiphonaren (Dom Hs.263, Diözesan Hs.149; Kat.Nrn.91, 92) überliefern deren Verwendung für das Chorgebet im Kölner Dom, wo sie zu Seiten des Propstes und des Dechanten zur Einsicht für die Sänger auf Pulten lagen. Mit Dom Hs.149 (Kat.Nr.93) ist ein Meßordo für die festtägliche Liturgie unter Leitung des Domdechanten überkommen, den um die Mitte des 14. Jahrhunderts der damalige Inhaber dieses Amtes, Konrad von Rennenberg, im Kölner Klarissenkloster St. Klara in Auftrag gab und als Memorienstiftung zu seinem ewigen Gedächtnis der Domkirche vermachte. Nur wenige Jahre später entstand in demselben klösterlichen Atelier ein Graduale, Diözesan Hs.150 (Kat.Nr.90), das vermutlich Seite 46 der namentlich genannte und im Bild dargestellte Johannes de Bacheym, Mönch und Kantor im Kölner Benediktinerkloster St. Pantaleon, dem Dominikanerinnenkloster St. Gertrud in Köln stiftete. Die Werkstatt im Klarissenkloster arbeitete in jener Zeit, als dort die Franziskanerin Loppa de Speculo als Kalligraphin und Miniaturistin tätig war, nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch für auswärtige Auftraggeber wie in den beiden aufgeführten Fällen. Gleich einem Erkennungsmotiv knien am Blattrand oftmals kleine betende Gestalten in Nonnentracht, als ob sich der Konvent mit seinen Schreiberinnen und Malerinnen dort verewigen wollte.

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Die Aufträge zur Anfertigung von Handschriften kamen nicht nur von der hohen Geistlichkeit, sondern zunehmend auch von den Bruderschaften. Seit dem frühen Mittelalter hatten sich Gebetsverbrüderungen gebildet mit dem Ziel, das Gedächtnis der Toten mit Totenmessen und Gebeten für die Verstorbenen zu garantieren. Im Spätmittelalter widmeten sie sich unterschiedlichen Zielsetzungen und gewannen so eine große Bedeutung im städtisch-bürgerlichen Sozialleben wie auch - bei rein religiös ausgerichteten Vereinigungen - innerhalb der Frömmigkeitsbewegungen. Die Bruderschaft der Kölner Pfarrer, deren Mitglied Domherr Johannes von Deutz das Totenoffizium Dom Hs.244 (Kat.Nr.94) stiftete, gehörte zu jenen gerade im Hoch- und Spätmittelalter geförderten Priesterbruderschaften, die sich in regionalen Zusammenschlüssen regelmäßig zu gemeinsamem Gottesdienst und Gebet sowie zum Gedächtnis für die verstorbenen Mitbrüder trafen. So hatten sie über ihre individuellen Aufgaben hinaus an einem Gemeinschaftsleben teil, das ähnlich in den Kanonikerstiften gefordert war. In solchem Selbstverständnis kamen auch Laien z.B. in der Rosenkranz-Bruderschaft am Dominikanerkloster Hl. Kreuz (Dom Hs.151, Kat.Nr.95), der Maria-Magdalena-Bruderschaft an Sankt Laurenz (Dom Hs.257, Kat.Nr.101) oder der Bruderschaft von St. Ursula in Köln (Diözesan Hs.364, Kat.Nr.105) zusammen, um nach einem in Statuten festgelegten Zeremoniell, zu dem auch ein großes Festmahl gehörte, ihrer Toten zu gedenken.

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Daß auch in der Dombibliothek illustrierte Handschriften aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts selten sind, bestätigt die generelle Situation des nur spärlich erhaltenen Bestandes an Beispielen der Kölner Buchmalerei dieser Jahrzehnte bis zum Wirken Stefan Lochners vor der Jahrhundertmitte. Vor allem in den danach einsetzenden, aufgrund ihrer ökonomisch-professionellen Arbeitsteilung leistungsstarken Werkstätten der Fraterherren und der Kreuzherren entstanden bis etwa ins 3. Viertel des 16. Jahrhunderts hinein zahlreiche großformatige Chor- und Meßbücher, mit denen der hohe Bedarf in jener Zeit gedeckt wurde. In einer bisher innerhalb Kölns nicht genau lokalisierbaren Werkstatt wurde das Missale Dom Hs.151 (Kat.Nr.95) nach 1475 vermutlich für die in diesen Jahren gegründete und am Dominikanerkloster Hl. Kreuz beheimatete Rosenkranz-Bruderschaft geschrieben und mit einer Kreuzigungsminiatur jenes Meisters bestückt, der zudem das Kanonbild im Missale aus St. Kolumba (Diözesan Hs.269) und andere Malereien auf Pergament und Leinwand schuf. Unbekannt bleibt auch das Atelier, dem die beiden Edelkanoniker des Domkapitels Stephan I. von Bayern und Johann II. von Reichenstein den Auftrag für das 1498 fertiggestellte Graduale Dom Hs.229 (Kat.Nr.99) erteilt haben, das sie dem Kölner Domstift zu Lob und Ehre Gottes und auch zu ihrem eigenen ewigen Heil stifteten. Wie Johanna Gummlich hier im Katalog ausführt, ist das Graduale Diözesan Hs.521 (Kat.Nr.100) aus stilistischen Gründen demselben Skriptorium zuzuweisen; es stammt aus dem Besitz von Groß St. Martin, Seite 47 woher auch die interessante, um 1500 geschriebene theologische Sammelhandschrift Dom Hs.247 mit Schriften des Abtes Adam Villicus vulgo Meyer von Groß St. Martin und von Thomas Lyell, dem Rektor der Kölner Universität, aus dem beginnenden 16. Jahrhundert kommen. Nicht nur der Bibliothek, sondern auch dem Skriptorium dieser Benediktinerabtei entstammt jenes Graduale Diözesan Hs.519 (Kat.Nr.96), das der Mönch Heinrich von Zonsbeck zur Zeit des Abtes Heinrich von Lippe und wohl auch in seinem Auftrag im Jahre 1500 verfertigt hat. Bereits im folgenden Jahr schrieb dieser Kalligraph das Missale Diözesan Hs.520. Die Ausstattung des Graduales besorgten zwei Künstler; der eine gehört zu der in Holland beheimateten Gruppe jener in vielen stilistischen Varianten malenden Miniaturisten, die nach einem ausgefallenen malerischen Motiv 'Schwarze-Augen-Meister' genannt worden sind; der andere ist mit dem aus Utrecht stammenden Johannes Ruysch identifiziert worden, der 1492 sein Gelübde im Kloster Groß St. Martin abgelegt hat und dort nach einem bewegten Leben im Jahre 1533 starb.

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Von der bereits genannten Kölner Maria-Magdalena-Bruderschaft, deren Statuten in Dom Hs.243 (Kat.Nr.104) erhalten sind, wurde zur alleinigen Nutzung für den Offizianten am Altar dieser Bruderschaft in der Pfarrkirche St. Laurenz ein Missale Dom Hs.257 (Kat.Nr.101) erworben, das 1473 in der Kölner Werkstatt der Brüder vom gemeinsamen Leben entstanden war, die hier auch Fraterherren genannt wurden und im Fraterhaus St. Michael am Weidenbach beheimatet waren. Entsprechend ihren Statuten verdienten sie mit der Herstellung von Handschriften ihren Unterhalt und kamen zugleich durch das mit dieser Arbeit verbundene Bedenken des geschriebenen Wortes ihren religiösen Pflichten nach. Die Werkstatt des Kölner Fraterhauses entwickelte sich zu einem äußerst produktiven Ort spätmittelalterlicher Kalligraphie und Buchmalerei, den Juliane Kirschbaum genauer untersucht hat. Ein zweites Zentrum der Schreibkunst war die ebenfalls aus der von Geert Groote (1340-1384) und anderen am Ende des 14. Jahrhunderts ins Leben gerufenen religiösen Erneuerungsbewegung, der 'devotio moderna', heraus entstandene Gemeinschaft der Augustiner-Chorherren der Windesheimer Kongregation, die in der Kanonie von Herrenleichnam in Köln angesiedelt war. Die nicht mehr erhaltene, von Paul Heusgen 1933 jedoch noch beschriebene Dom Hs.272 wurde laut Kolophon dort von dem Regularkanoniker Edmund Huydenroyd zum Gebrauch der Kanoniker des Kölner Doms im Jahre 1478 geschrieben. Bereits 1453 fertigte Johannes Guede von Essen, auch er Regularkanoniker in Corpus Christi zu Köln, für den erwähnten Domkanoniker Moritz Graf von Spiegelbergh ein Brevier (Weimar, Thüring. Landesbibl., Hs.Q 576), dessen Ausstattung mit jener um 1460 entstandenen Arenberg-Bibel (Los Angeles, Getty Museum, Ludwig Ms. I 13) vergleichbar ist, die nach den Überlegungen von Hermann Knaus ebenfalls im Skriptorium von Herrenleichnam entstand. Diese Arenberg-Bibel wird in anderem Zusammenhang später nochmals zu erwähnen sein.

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Für den Offizianten des Kreuz-Altares in St. Laurenz schenkte der 1498 gestorbene Goswin von Straelen, der den Altar laut Inschrift 1462 gestiftet hatte, ein weiteres Missale, Dom Hs.258. Wiederum der Pfarrkirche St. Laurenz stifteten 1467 Nikolaus Verkenesser und seine Frau Greitgin Rodenkirchen zu ihrem Gedenken das Lektionar Dom Hs.235, das vermutlich ebenfalls im Fraterhaus St. Michael geschrieben wurde. Aus dem Besitz dieser Kirche stammt auch das Kettenbuch Inc.d. 204 der Dombibliothek (Kat.Nr.50) mit dem 'Rationale divinorum officiorum'48 des Wilhelm Durandus, 1459 in der Offizin von Johann Fust und Peter Schöffer in Mainz gedruckt, Seite 48 mit dem ein bestimmter Bibliothekstyp des späten Mittelalters belegt wird, bei dem die an Pultstangen mit Ketten befestigten Bücher leicht benutzbar und zugleich gesichert waren. Als Vorbesitzer für Dom Hs.216 ist noch einmal St. Laurenz gesichert; sie enthält die 'Expositio in Salve Regina' des Franziscus de Retza (um 1343-1427) und gehört somit zu den innerhalb des Bestandes der Dombibliothek ausgefallenen Texten; das gilt auch für die ehemals den 'susteren van Lynnych', also dem Franziskanertertiarinnen-Kloster in Linnich gehörende Dom Hs.238 mit dem beliebten, wohl 1383 entstandenen Werk 'Die 24 Alten oder der goldene Thron der minnenden Seele' des Otto von Passau. Diese Papierhandschrift vom Ende des 15. Jahrhunderts schließt mit dem Kolophon der aus Lich im Kreis Jülich stammenden Schreiberin Byddet got vor syster Ayllet van Lych dye dat boych geschreven hayt dat sych got over sy erbarmen wylle.

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Zu den schönsten der späten kölnischen Meßbücher gehört das wahrscheinlich für den Dom bestimmte Graduale Dom Hs.274 (Kat.Nr.102), das, in verschiedenen mit der Feder in Tinte gezeichneten Zierbuchstaben (Cadellen) versteckt, Atelier, Entstehungszeit und die abgekürzten Namen der Schreiber mitteilt. Demnach haben der 1563 gestorbene Jakob von Emmerich (Abb.37-38), der 1555 gestorbene Wolterus Arnem (Abb.39) und der 1558 gestorbene Johannes Cramp (Abb.40), deren gemeinsame Namensinitialen noch einmal auf Folio22*r (Abb.41) erscheinen, das Graduale im Fraterhaus St. Michael am Weidenbach (Abb.42) im Jahre 1531 (Abb.43) geschrieben. Ein solch ausführlicher Seite 49 Nachweis der Entstehung ist bei Fraterherren-Handschriften nicht selbstverständlich. Es gehörte ursprünglich zu den Bestrebungen der Brüder vom gemeinsamen Leben auf dem Weg zu Selbsterkenntnis und Selbstüberwindung nach dem Vorbild der 'Nachfolge Christi' des Thomas von Kempen (1379/80-1471) auch dessen Wahlspruch 'ama nesciri' - den Wunsch, unbekannt zu bleiben - zu beherzigen. Die möglicherweise von einem auswärtigen Illuminator ausgeführte Ausstattung unseres Graduales Dom Hs.274 ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Buchmalerei des endenden Mittelalters, in deren reichen Bordüren die Grotesken der italienischen Renaissance mit der in der flämischen Buchmalerei erreichten Kunstfertigkeit des augentäuschenden Trompe l'œil in der Wiedergabe von Blumen, Insekten und den schönen Dingen dieser Welt verbunden wurden. In ihren Initialminiaturen finden sich die Vorbilder der großen Maler und Stecher wie Roger van der Weyden, Hugo van der Goes, Albrecht Dürer oder Lukas Cranach wie in einem Schmelztiegel am Ende der spätmittelalterlichen Buchkunst zusammen.

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Ähnliche Bildquellen benutzte eine andere Kölner Werkstatt von hoher Leistungsfähigkeit, die im Kloster der Kreuzherren in der Streitzeuggasse beheimatet war. Diese seit 1307 in Köln niedergelassene Gemeinschaft geht zurück auf die nach der Augustiner-Regel sowie nach eigenen, am Vorbild der Dominikaner ausgerichteten Konstitutionen lebenden 'Fratres Sancti Crucis', deren Kommunität in Clairlieu an der Maas der Bischof-Elekt von Lüttich, Heinrich von Geldern, am 31. Dezember 1248 - im Jahr der Grundsteinlegung des Kölner Doms - die Approbation erteilte. Der im Zuge der 'devotio moderna' aufblühende Orden zeichnete sich durch das Abfassen zahlreicher geistlicher Traktate sowie durch rege Schreibtätigkeit aus. Ihrer bediente man sich in Erfüllung des Vermächtnisses des 1518 gestorbenen Brictius Eberauer, Priesterkanoniker im Kölner Domkapitel, mit dem Auftrag großformatiger Chorbücher, von denen die Offiziums-Antiphonare Dom Hss.221 und 225 (Kat.Nr.97) erhalten sind. In jedem Band überliefert ein ausführlicher Vermächtnis-Eintrag, daß Brictius Eberauer neben anderen Stiftungen "beide Seiten des Chores mit Büchern und Buchpulten zum Gebrauch durch die Vikare versehen" hat, so daß mit weiteren, nicht mehr erhaltenen Bänden zu rechnen ist. Interessant ist die Beobachtung, daß der Miniaturist von Dom Hs.225 im Stil der Weidenbacher Fraterherren arbeitete, von wo er möglicherweise ins Skriptorium der Kreuzherren gewechselt war. Das Beispiel bestätigt die Kenntnis vielfältiger Beziehungen sowie des künstlerischen Austauschs innerhalb der Kölner Werkstätten vor allem seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Dem Altar, den Brictius Eberauer zur Ehre des Hl. Kreuzes und der Mutter Anna im Kölner Dom hat weihen lassen, stiftete ein anderer Priesterkanoniker, Degenhard Witte von Coesfeld, zur selben Zeit ein Missale (Dom Frühdruck 217, Kat.Nr.98); es wurde im Auftrag des Kölner Verlegers Franz Birckmann 1520 bei Wolfgang Hopyl in Paris gedruckt und erhielt seine Kolorierung höchstwahrscheinlich im Skriptorium der Kölner Kreuzherren. Das Titelbild, das schon in der ersten Druckauflage von 1514 aufgenommen wurde, erinnert an die wertvollsten Reliquienschätze der Stadt mit auf sie hinweisenden Darstellungen der Anbetung der Hll. Drei Könige, der hl. Ursula mit ihren Jungfrauen und mit dem Martyrium der Makkabäer.

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Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgerissene Benediktinerinnen-Kloster zu den hll. Makkabäern war nach dem Brand von 1462 bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts wieder aufgebaut worden. Der in jener Zeit dort als Rektor wirkende, aus Mertz bei Düren stammende Elias Marcaeus (1491-1527), der sich auch Helias de Luna nannte, setzte sich sehr für die Verbreitung des Makkabäer-Kultes ein und veranlaßte innerhalb dieses Bemühens die Herstellung der Makkabäer-Handschrift Dom Hs.271 (Kat.Nr.107) mit einer Sammlung von Texten zur Verehrung der Mutter Salomone und ihrer sieben Söhne. Laut Vermächtnis des Auftraggebers sollte sie an Festtagen wie ein Evangeliar auf dem Hochaltar mit dem Makkabäer-Schrein ausgelegt werden. Sie entstand, wie der Schreiber auf Folio 7v mitteilt, im Jahre 1525 in einem heute nicht mehr bestimmbaren Kölner Atelier und enthält sowohl das sprechende Wappen des Helias Mertz wie auch dasjenige des Werdener Abtes Johannes von Groningen, der zu der Zeit Kommissar des Kölner Makkabäer-Klosters war. Zu den Texten gehören an Helias Mertz adressierte Briefe des Johannes Cincinnius sowie des Erasmus von Rotterdam (1466/1469-1536). Letzterer entwarf jene Anthologie über die Verehrung der Makkabäer, die 1517 bei Eucharius Cervicornus in Köln mit einer 14-teiligen Holzschnittfolge erschien. Mit ihr wiederum sind die drei Miniaturen der Makkabäer-Handschrift der Dombibliothek wie auch die Reliefs am 1520-1527 geschaffenen Makkabäer-Schrein zu verbinden. Mit Erasmus setzt übrigens die neuzeitliche Benutzergeschichte der Dombibliothek ein, denn der Humanist aus Rotterdam legte seiner 1528 in Basel erschienenen Faustinus-Ausgabe, auf Vermittlung des Grafen Hermann von Neuenahr, Dom Hs.33 aus dem 9. Jahrhundert zugrunde, die unter anderem 'De fide adversus Arianos ad Flacillam' des Faustinus Luciferianus enthält. Dom Hs.271 gelangte erst mit der bedeutenden Bibliothek des Kölner Erzbischofs Ferdinand August Graf von Spiegel (1824-1835) in die Dombibliothek und macht am Schluß der Betrachtungen die im Hinblick auf ihren Bestand zweigeteilte Struktur dieser Sammlung noch einmal bewußt: Zum einen gibt es den gewachsenen Bestand von Manuskripten, die nachweislich seit karolingischer Zeit gezielt für die Bibliothek in Auftrag gegeben wurden oder erworben worden sind, und zum anderen die Bereicherungen durch Handschriften, Seite 50 die lange nach ihrer Entstehungszeit in die Dombibliothek gelangten und - ehedem für einen anderen Gebrauch bestimmt - keinen unmittelbaren Bezug zum Dom und seiner Büchersammlung haben. Doch das ist wohl eines der geschichtlich bedingten Merkmale jeder wachsenden Bibliothek und läßt die Einmaligkeit und Besonderheit ihres jeweiligen charakteristischen Kerns umso deutlicher werden.

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Von der frühesten Erwähnung des Aufbewahrungsortes der Dombibliothek 'im alten Turm' aus dem 13. Jahrhundert war schon die Rede. Einen zweiten Hinweis gibt es erst vom Ende des Mittelalters. Der 1347 geschriebenen Dom Hs.182 mit dem 'Manipulus Florum' des Thomas de Hibernia ist ein halbes Pergamentblatt vorgeheftet mit einem Eintrag aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Domnus Wilhelmus de Duren olim Rector Capelle beate Margarete Coloniensis legavit hunc librum ecclesie Coloniensi ut ad novam librariam ipsius ecclesie ponatur et ibidem cathenatus perpetue remaneat. Ora pro eo. Er besagt, daß Wilhelm von Düren, ehedem Rektor der Kapelle St. Margarethen, die besagte Handschrift der Dombibliothek mit der Verpflichtung vermacht, daß sie in der 'neuen Bibliothek' für immer angekettet bleiben soll. Der hier vorausgesetzte Bibliothekstyp mit Pulten und daran angeketteten Büchern entspricht den in jener Zeit gängigen Einrichtungen, wenn auch Dom Hs.182 aufgrund ihrer Neubindung im 18. Jahrhundert dies nicht mehr bestätigen kann. Die Untersuchungen von Hermann Knaus an dem aus der Kölner Dombibliothek stammenden Origenes-Codex (Darmstadt, Hess. Landes- und Hochschulbibl., Hs 701) lassen jedoch noch die ungewöhnliche Ankettungsweise erkennen, die in Köln praktiziert wurde: Die Kette war am unteren Rand des Vorderdeckels befestigt und mit einer vor dem Pult aufgebrachten Stange verbunden; vor dem Aufschlagen wurde der Codex auf den Vorderdeckel gelegt und konnte nach Benutzung nach vorn in das unter dem Pult befindliche Regal zurückgestellt werden. Die sonst übliche Ankettung erfolgte am oberen Rand des Rückdeckels mit einer hinter dem Lesepult verlaufenden Stange, so daß ein solcher 'liber catenatus' in die darüber befindlichen Fächer zurückgestellt werden mußte. Die schon erwähnte kölnische Arenberg-Bibel überliefert die Kettenöse ebenfalls am unteren Vorderdeckel als mögliches Indiz ihrer ehemaligen Zugehörigkeit zur Kölner Dombibliothek.

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Wo die 'neue Bibliothek' untergebracht war, ist nicht bekannt, doch mag sie sich schon damals in jenem "gewölbten Einbau gegenüber dem von unten gezählten achten Pfeiler des Nordschiffes, da wo später in dem nordöstlichen Kreuzwinkel der neue Einbau eingefügt wurde, im Anschlusse an die nach und nach ebenfalls eingegangenen übrigen Räume des Kapitelhauses" befunden haben, wie Wilhelm Frenken (1868) und Klemens Löffler (1923) mitteilen. Von dort wurde sie 1794 vor den heranrückenden französischen Revolutionstruppen in das Prämonstratenser-Kloster Wedinghausen bei Arnsberg verbracht. Nach dem Frieden von Lunéville (1801) und mit der auf dem Reichsdeputationshauptschluß von 1803 in Regensburg beschlossenen Entschädigung des Landgrafen von Hessen-Darmstadt für an Frankreich verlorene Gebiete mit dem bis dahin zum Kurfürstentum Köln gehörenden Herzogtum Westfalen, in dem Arnsberg lag, gelangte die Dombibliothek nach Darmstadt. Dort verblieb sie auch nach dem Wiener Kongreß, obwohl in der Kongreßakte vom 9. Juni 1815 das frühere Kurfürstentum Köln dem Königreich Preußen zugeteilt wurde und bald schon Rückforderungen durch das wiedererrichtete Domkapitel mit Hilfe Preußens gestellt wurden. Erst nach dem Deutschen Krieg von 1866 konnte offenbar im Seite 51 Zuge des Friedensvertrages vom 3. September 1866 zwischen dem siegreichen Preußen und dem auf der Seite Österreichs als Verlierer stehenden Großherzogtum Hessen-Darmstadt die Herausgabe der Kölner Handschriftensammlung erreicht werden. Im Mai 1867 kam es zur Rückführung der Dombibliothek, deren geschlossener Bestand in Darmstadt mit den Signaturen Hs.2003 bis 2191 versehen worden war, über die der als 'Königlich preussischer Commissar' eingesetzte Kölner Domkapitular Wilhelm Frenken im darauffolgenden Jahr einen langen Bericht veröffentlichte. Seitdem war die Dombibliothek im ersten Obergeschoß des Nordturmes aufgestellt. Als Dauerleihgabe wurde sie im Jahre 1930 mit der aus der Bibliothek des Priesterseminars hervorgegangenen Erzbischöflichen Diözesanbibliothek vereint und in das Generalvikariat in der Marzellenstraße 32 überführt, das im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. Über die aufgrund wohlbedachter Unterbringung gelungene Rettung der Handschriften hat Wilhelm Schönartz, der ehemalige Direktor der Bibliothek, mehrfach geschrieben. Seit 1958 in einem neuen, aber zu kleinen Bibliotheksgebäude in der Gereonstraße 3 untergebracht, hat sie seit 1983 im Maternushaus eine allen Anforderungen an Aufbewahrung und Benutzbarkeit entsprechende Bleibe gefunden.

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Bot die Dombibliothek im frühen und hohen Mittelalter die geistige Grundlage für den Unterricht an der Domschule und einen umfassenden Fundus zu Fragen des Kirchenrechts für die auf diesem Gebiet notwendige Ausbildung der Geistlichen, so setzt mit dem beginnenden 15. Jahrhundert eine "Entdeckung der kölnischen Bücherschätze und ihre Ausnutzung für die neuen humanistischen Studien und Bestrebungen" ein, über die Klemens Löffler in seiner 'Kölnischen Bibliotheksgeschichte im Umriß' ausführlich berichtet. Daran anschließend stellt er eine bis in die Zeit der Französischen Revolution reichende Benutzergeschichte zusammen. Dabei ist in der Frühzeit nicht immer sicher, ob die Studien der oft aus dem Ausland kommenden Gelehrten, die darüber in Briefen oder in Einführungen ihrer veröffentlichten Schriften berichten, in der Bibliothek des Domes oder in der eines Kölner Klosters bzw. Stiftes gemacht worden sind. Zu den frühesten Genannten gehören die beiden italienischen Humanisten Giovanni Aurispa (1376-1459), der offenbar jene 'Ars rhetorica' des Chirius Fortunatianus zu Gesicht bekam, die sich in der aus dem 8. Jahrhundert stammenden Dom Hs.166 (Kat.Nr.22) erhalten hat, und Poggio Bracciolini (1380-1459), der sich zusammen mit Nicolò Niccoli (1365-1437) um die Entwicklung der Humanistenschrift so verdient gemacht hat und zahlreiche Handschriftenfunde antiker Autoren auf seinen Reisen durch die Schweiz und durch Deutschland tätigte; er erhielt aus Köln einen satirischen Roman des Petronius zur Abschrift. Ebenso gibt es Hinweise, daß Nikolaus von Kues (1401-1464), der 1425 an der Kölner Universität immatrikuliert wurde, während seiner Studien bei dem Albertisten Haymericus de Campo verschiedene Codices der Dombibliothek einsah. Im 16. Jahrhundert wurde die Bibliothek zur Edierung verschiedener Werke benutzt, die alle in Köln erschienen: von Gerhard Bolsvinge für seine Orosius-Ausgabe von 1526, von Johannes Cochläus für die ab 1526 herausgegebenen Werke des Rupert von Deutz, von dem Franziskaner Peter Crabbe für seine 1538 bis 1551 herausgegebene Sammlung der Konzilsbeschlüsse bis hin zu den von Melchior Hittorp, dem Kanoniker an St. Maria ad gradus und Dechanten von St. Kunibert, 1568 herausgegebenen liturgischen Schriften früher Kirchenlehrer. Zu nennen ist auch Jakob Pamelius aus Brügge, der für seine 1571 in Köln erschienene 'Liturgica Latinorum' unter anderem die Dom Hss.137 und 88 (Kat.Nrn.81 und 82) benutzte, oder der ebenfalls aus Belgien stammende Seite 52 Ludovicus Carrio, der mehrmals in der Dombibliothek arbeitete und sich wie sein Landsmann Franziscus Modius im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts auch mit dem Censorinus-Text in der Dom Hs.166 (Kat.Nr.22) beschäftigte. Dieser bemerkenswerte Codex gehörte im späteren 17. Jahrhundert noch einmal zu den Studienobjekten der Philologen Johann Georg Graevius und Nikolaus Heinsius. Aus der Liste der namentlich überlieferten Bibliotheksbenutzer seien sodann noch die für die Geschichte Kölns so wichtigen Historiker Johannes und Ägidius Gelenius genannt. Letzterer machte das Ausleihverzeichnis im verlorenen Kölner Bibliothekskatalog von 833 als erster im Jahre 1633 bekannt.

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Vielleicht stehen einige Bibliotheksbesuche und Forschungsarbeiten auch in Zusammenhang mit Handschriftenverlusten. Klemens Löffler nimmt an, daß über die seit 1545 für mehrere Jahre in Köln arbeitenden Cornelius Wouters (Gualtherus) und Georg Cassander die aus der Dombibliothek stammenden Codices in Wien und Wolfenbüttel, die in anderem Zusammenhang bereits erwähnt wurden, dorthin gelangt sind. Aus dem Nachlaß des 1703 gestorbenen Johann Georg Graevius kamen mehrere Dom-Handschriften in die kurfürstliche Bibliothek in Düsseldorf, dessen Bibliothekar Büchels sie an den Vertreter des Landgrafen von Hessen-Darmstadt am englischen Hof, Johann Jakob Zamboni, verkaufte; der wiederum gab sie 1724 und 1725 an Lord Oxford weiter, mit dessen Sammlung sie sich heute als Fond Harley in der British Library zu London befinden. Sowohl Graevius wie auch andere Büchersammler des ausgehenden 17. Jahrhunderts, so der Frankfurter Zacharias Konrad von Uffenbach, berichten von günstigen Möglichkeiten, in Köln alte Handschriften "pfundweise" kaufen zu können. Einem glücklichen Umstand ist zu verdanken, daß die beiden so bedeutenden Dom Hss.212 und 213 (Kat.Nrn.17 und 18) der Bibliothek erhalten blieben: Sie befanden sich - möglicherweise ursprünglich entliehen - in Händen des Herzoglich-Lothringischen Rates Ignaz Roderique, der seit 1734 die 'Gazette de Cologne' herausgab, und gelangten über seinen 1764 gestorbenen Neffen Anton Kaspar Jacqmotte de Roderique an dessen Witwe Maria Theresia von Laid. Diese hatte die beiden Manuskripte für 30 Dukaten in Gold an den in Köln weilenden vatikanischen Archivbeamten Guiseppe Garampi, den späteren Kardinal, verkauft; sie waren schon verpackt, als der Kölner Domherr Franz Karl Joseph von Hillesheim davon erfuhr und der Verkauf zugunsten des sein Eigentum reklamierenden Domkapitels rückgängig gemacht werden konnte. Aufgrund dieses Umstandes aber haben beide Codices ihre älteren Einbände behalten, während der gesamte damalige Handschriftenbestand der Dombibliothek Mitte des 18. Jahrhunderts auf Anraten des Kölner Jesuiten Joseph Hartzheim neu eingebunden wurde. Mit den alten Einbänden ging historisch wertvolles Material verloren. 1752 veröffentlichte Hartzheim einen Katalog der Dom-Handschriften mit 261 Titeln in 203 Bänden und gab ihnen - entsprechend älterer Bibliotheksordnungen mit den biblischen Büchern beginnend, über die Kirchenväter, die Liturgica bis hin zu den Schulhandschriften - eine fortlaufende noch heute geltende Numerierung. Einen wesentlich überarbeiteten und erweiterten Katalog der Handschriften gaben im Anschluß an die Rückführung 1867 die beiden Paläographen Philipp Jaffé und Wilhelm Wattenbach heraus; ihm fügte 1933 Paul Heusgen eine Ergänzung jener 192 Handschriften an, die "aus dem Domturm in die Diözesanbibliothek übertragen worden (sind), die teils 1794 nicht nach Arnsberg in Sicherheit gebracht, sondern in Köln verborgen wurden, teils der Bibliothek des Erzbischofs von Spiegel angehören, teils später erworben wurden". Diesem 'Gesamtkatalog Seite 53 der Handschriften der Kölner Dombibliothek' folgte 1993 eine vor allem inhaltliche Erfassung aller Codices innerhalb des von Günter Gattermann herausgegebenen 'Handschriftencensus Rheinland' sowie seit 1995 eine Mikroverfilmung der Kölner Dombibliothek durch die Benediktiner von Collegeville (Minnesota), die mit einer intensiven, noch nicht veröffentlichten Erforschung des Bestandes einhergeht.

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Als Randmarginalien solcher Erforschung werden Beobachtungen von Bedeutung, die über das weit zurückgehende Interesse am Textstudium hinaus zu ganz anderen Entdeckungen im Schatz der Dombibliothek führen können. Als der berühmte schwedische Reisende Jakob Jonas Björnstahl wenige Jahre vor seinem Tod vom 2. bis 14. August 1774 in Köln weilte, fiel ihm in Betrachtung der Dom Hs.213 (Kat.Nr.18) mit dem auf der letzten Seite genannten Schreiber Sigibertus auf, "daß auf jeder Seite zweierlei Art Schrift, die römische und merowingische, vorkommt: die letzten Zeilen jeder Seite sind mit merowingischen Buchstaben geschrieben, und der gute Siegbert hat wahrscheinlich zeigen wollen, daß er ein geschickter Schönschreiber und in beiden Gattungen von Schriftzügen gleich geübt war". Für die hier beobachtete, an Gewohnheiten der spätmittelalterlichen Schreibmeister erinnernde Eigentümlichkeit, daß auf jeder der in einer Halbunziale beschriebenen Seiten die drei letzten Zeilen in einer abweichenden insularen Minuskel geschrieben sind (Abb.44 [126v]), erwägt über zwei Jahrhunderte später Anton von Euw über Seite 54 ein künstlerisches Prinzip hinaus auch die Möglichkeit einer versteckten Doxologie des dreifaltigen Gottes. Freilich ist der Codex nicht von dem sich auf Folio 143r nennenden Sigibertus (Abb.45) geschrieben, der dem Schriftduktus nach erst etwa hundert Jahre nach Entstehung der Handschrift, vielleicht zur Zeit Erzbischof Hildebalds (vor 787-818), diesen Eintrag gemacht haben kann. Eventuell ist er mit jenem Buchbinder identisch, der auf Folio 167v des ältesten, am Ende des 6. Jahrhunderts entstandenen Manuskripts der Dombibliothek Dom Hs.212 (Kat.Nr.17) -Sigibertus bindit libellum eingetragen hat (Abb.46).

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Seite 57 Solche und ähnliche Beobachtungen führen zu einem interessanten und weiten Feld, dem Thema der "letzten Seite", mit dem dasjenige der "ersten Seite" in mancherlei Verbindung steht. Denn am Anfang und Ende der alten Handschriften - und bisweilen auch im versteckten Inneren - entwickeln sich die Manuskripte zu lebenden Archivalien, die mit immer neuen Eintragungen, wichtigen und flüchtigen Notizen, historischen Daten, Vermächtnissen und Verkäufen, künstlerischen Einfällen und regelnden Signaturen die Zeit in sich aufnehmen. Beeindruckend sind die extrem auseinanderliegenden Möglichkeiten der gleichsam labyrinthischen Ordnung der schematisierten Distinktionen mit Angaben der Bezugsstellen im Gratian (Abb.47), Folio 1r der Dom Hs.127 (Kat.Nr.55), und das freie Formenspiel des über viele Jahrhunderte genutzten letzten Blattes (Abb.48) Folio 118v in Dom Hs.165 (Kat.Nr.15). Dem Kalkül, dem die rationale Ordnung des Inhaltsverzeichnisses aus dem 12. Jahrhundert unterliegt, scheint der Anspruch der Besitzeinträge Erzbischof Hildebalds verwandt (Abb.3-7), die wie eine herrscherliche Titulatur aus karolingischer Zeit auf sonst weitgehend frei gebliebenen Seiten ohne Beeinträchtigung - gleichsam in der Akzeptanz der folgenden Jahrhunderte - überdauerten. Hingegen dokumentiert der Beginn etwa des Limburger Evangeliars Dom Hs.218 (Kat.Nr.77) ohne eine solche Vorgabe einen wesentlich unbefangeneren Umgang mit den einführenden Seiten Folio 1v-1r (Abb.49), der bis in die jüngste Moderne reicht. Die Wertschätzung der Manuskripte spiegelt sich auch darin, daß ihnen mit der Niederschrift von Vermächtnissen (vgl. Dom Hs.149, Kat.Nr.93), Besitzerwechseln, Kaufverträgen, wie auf Folio 1r (Abb.50) in der Bibel Dom Hs.2 (Kat.Nr.26), oder mit der Vereinbarung über ihre Entleihung in der Dom Hs.1 (Kat.Nr.25) und vielem anderen ihre eigene Biographie einverleibt wird, die auch dann bewußt gehalten werden kann, wenn ein unverändertes Eigentumsverhältnis durch wiederholtes Signieren und späteres Stempeln gesichert wird. Darüber hinaus aber sind Handschriften auch Objekte, in denen Abschriften wichtiger Urkunden, so etwa in Dom Hs.60, geborgen oder denen persönliche Mitteilungen anvertraut wurden. Am Seitenrand von Folio 143r in Dom Hs.137 (Kat.Nr.81) sind die Namen Lebender und Verstorbener aus dem Umkreis des Kölner Erzbischofs Hermann I. (889-924) nachgetragen, derer bei den Totenmessen gedacht werden soll (Abb.15), während sich auf den Vorsatzblättern im Missale des Domdechanten Konrad von Rennenberg Dom Hs.149 (Kat.Nr.93) viele Scholaren verewigten, die offenbar zu Zeiten, als dieses Festtags-Missale in Gebrauch war, ihr Dabeisein festhalten wollten. Am häufigsten freilich hinterließen die Schreiber selbst, jenseits des von Seite 58 ihnen geforderten Textes, ihre Spuren, reagierten auf die Spuren Vergangener und setzten wieder neues Reagieren in Gang, wie es etwa Folio 1r in Dom Hs.75 (Kat.Nr.4) unter anderem mit einem "Schwarm" tironischer Noten überliefert (Abb.51). In weiter Palette des künstlerischen Anspruchs entstehen autonome Zeichnungen, die zwischen dem Erproben der Feder - wie etwa auf der ersten Seite (Abb.52) der Dom Hs.101 (Kat.Nr.54) oder im Dschungel der Glossen auf Folio 3v der Priscian-Grammatik Dom Hs.200 (Kat.Nr.63) - und den virtuos entworfenen figürlichen Motiven angesiedelt sind, wie sie auf Folio 28v und 42r in derselben Handschrift (Abb.53, 54) oder auch auf der letzten Seite (Abb.55) von Dom Hs.58 (Kat.Nr.28) überkommen sind. Bisweilen scheint es, daß ein Miniaturist durch Konstruktionszeichnungen auf den Folios 39r und 39v oder genau ausgeführte Flechtbandmuster auf der ersten Seite dieser Dom Hs.58 (Abb.56) sich der ornamentalen Struktur solcher Motive im Nachvollziehen vergewissert. Ein anderer macht sich mit Hilfe einer schematischen Zeichnung auf Folio 1r der Dom Hs.193 (Kat.Nr.61) die Zuordnung der vier irdischen Elemente und ihrer Eigenschaften bewußt (Abb.57), wie sie in 'De natura rerum' des Isidor von Sevilla überliefert ist.

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Vor Beginn des Schreibens steht immer die Federprobe, wie es der Kalligraph auf Folio 1r in der Dom Hs.99 (Kat.Nr.62) in gelungener Minuskel schreibt (Abb.58). In diesem Fall sind die beiden Worte eine Federprobe und benennen sich selbst als solche in der Einheit von Gestalt und Sinn, im Vorgang des Schreibens und seinem Ergebnis. Zum anderen überliefern solche Schreibproben Erinnerungen an die Art und Weise des im mittelalterlichen Elementarunterricht Seite 60 Erlernten, das zusammen mit dem Lesen, Singen und Rechnen zu den Voraussetzungen der nachfolgenden Unterrichtung in den Sieben Freien Künsten gehörte. Das Beispiel auf der sonst leeren letzten Seite 122v in Dom Hs.107 (Kat.Nr.39) wiederholt die Worte graciam tuam in dreifacher Übung. Ein anderes auf der letzten Seite 117v in der Dom Hs.40 (Kat.Nr.9) mit dem adveniadveniadveniadregnumtuumfiatvoluntastuasicutinceloetinterrapanemnostrumcotidia (Abb.59) belegt in der dreifachen Anfangswiederholung eine Schreibübung, die mit aneinandergereihten Silbenreihen aus dem Wortlaut des Vaterunser fortgesetzt wird. Auf dem Recto dieses letzten Blattes findet sich am oberen Rand die Federprobe fa a am f f fi fixadnexique, die wie ein Gestammel, wie ein ungelenk sich einübender Schreibvorgang aussieht, den man übergehen könnte, wenn sich nicht auch hier die Beschäftigung mit dem Nebensächlichsten in einem unverhofften Ergebnis bewähren würde (Abb.60). Denn Bernhard Bischoff hat in seinen Ausführungen zum Thema "Elementarunterricht und Probationes Pennae in der ersten Hälfte des Mittelalters" auch diese unscheinbare Schreibübung trotz der durch Verkürzung weitgehenden Sinnverstümmelung als Teil eines Textes identifizieren können, dessen verbreitetste und wohl ursprüngliche Form lautet "Fixa manent, pectus habent, ymnum kanent, quoniam zelum Domini exercituum timor gehenne castigat". Da hier das Bezugswort zum gesamten Text ausgespart bleibt, lassen sich die - vorausgesetzten - Handelnden nur über den verbleibenden Inhalt des Ganzen mit dem vielleicht richtungsweisenden Anfangswort Fixa zu der Assoziationskette Fixsterne - Himmelswesen - Engel rekonstruieren, so daß die Verse nach der Übersetzung von Alexander Arweiler, dem auch die nachfolgenden Übertragungen zu verdanken sind, möglicherweise bedeuten: 'Sie bleiben unverrückbar bestehen, sie sind standhaft, sie singen Hymnen, denn die Furcht vor der Hölle bestimmt ihren Eifer für den Herrn der Heerscharen'. In Erinnerung an die Beliebtheit von Akrostichen in der Antike bis hin zu dem Abecedar des Sedulius im 5. Jahrhundert mit seinen 23 Ambrosianischen Strophen über das Leben Christi gehört unser Text zu der bescheideneren Form jener Merkverse, die das gesamte Alphabet enthalten und wohl deshalb als Schreib- und Gedächtnisübung im mittelalterlichen Schulunterricht kursierten. Aus demselben Grund reichen solche Verse darüber hinaus - entsprechend den magisch-symbolischen Bedeutungen alphabetischer Buchstabenreihen im Altertum - auch in die Sphäre des Aberglaubens hinein und schöpfen die ihnen zuerkannte Zauberkraft aus der Präsenz des Alphabets in seiner wie in einem Zirkel geschlossenen Gesamtheit. Mit den 23 Buchstaben des Alphabets können alle Möglichkeiten menschlichen Denkens, Seite 61 kann jeder vorstellbare Inhalt in eine Verschriftlichung überführt, das heißt auch in eine Form der Mitteilung gebannt werden, über die hinaus es keine weiterführende sprachliche Verständigung gibt. Diese im Alphabet geborgene Form für "das Ganze" ist Grundlage für den Symbolbezug des Alpha und Omega, des ersten und letzten Buchstabens des griechischen Alphabets, des Anfangs und Endes, auf Christus bezogenes Zeichen seiner Allmacht in vielen Bildern der Maiestas Domini. Beides, magische Beschwörung wie Symbolbezug auf Christus, wirkt nach im liturgischen Ritus der Kirchweihe, wenn der Bischof in das diagonal in den Kultraum gestreute Aschenkreuz "von der linken Ecke im Osten bis zur rechten im Westen" das griechische Alphabet und "von der rechten Ecke im Osten bis zur linken im Westen" das lateinische mit seinem Hirtenstab einschreibt, wie es der Kalligraph im kölnischen Pontifikale Dom Hs.139 (Kat.Nr.85) aus der Mitte des 12. Jahrhunderts mit groß ausgeführten Abecedarien festhält (Abb.61, 62).

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Hinter der so harmlos und ungelenk erscheinenden Schreibübung auf Folio 117r in Dom Hs.40 (Abb.55), die im gerade Begonnenen schon wieder endet, verbirgt sich noch mehr. Denn mit dem einzigen innerhalb der Buchstabenfolge zusammengefügten Wort fixadnexique liegt ein schönes Beispiel dafür vor, daß sich das ehedem in unterschiedlichen Versen Erlernte im später probierenden Einschreiben bewußt oder unbewußt miteinander vermischt. Das keinen Sinn ergebende Wort enthält zum einen den Anfang des zitierten Verses "Fixa manent...", zum anderen aber auch das Wort "adnexique", mit dem ein sehr alter, im Schulunterricht viel benutzter Hexameter beginnt: "Adnixique globum Zephyri freta kanna secabant" - Angelehnt an die geballte Kraft des Westwinds pflügen sie das Meer mit ihrem kleinen Kahn aus Schilfrohr. Von dem möglicherweise schon im Unterricht der Antike benutzten Vers, in dem wiederum alle Buchstaben des Alphabets vertreten sind, kennt Bernhard Bischoff über sechzig Beispiele und bemerkt, daß bereits der große westgotische Gelehrte Julian von Toledo (um 642-690), der im Jahre 680 Erzbischof dieser Stadt wurde und nach der dort abgehaltenen Synode für seine Diözese den Primat über Spanien erlangte, das "Adnixique" in seiner aus verschiedenen Vorlagen kompilierten 'Grammatica' zitiert. Er bemerkt weiter, daß dieser Alphabetvers vom 9. bis 11. Jahrhundert, allgemein verbreitet, regelmäßig in der Schreibweise "Adnexique" auftritt. So hat ihn auch unser Schreiber erlernt. Ein zweiter, wohl ebenso alter Alphabetvers Ferunt Ophyr convexa kymbe (!) per liquida gazas - In gewölbtem Kahn bringen sie von Ophyr her Schätze über das Meer - findet sich am Ende der 'Expositio in Proverbia Salomonis' des Beda Venerabilis in Dom Hs.105 (90r) Seite 62 aus dem 9. Jahrhundert; er war wohl ähnlich beliebt und kommt auch in Vermischung mit dem anderen vor. Einen weiteren Einblick in die Art des Lernens im Mittelalter gibt ein im 11. und 12. Jahrhundert bekannter Pentameter, der sich auf der letzten Seite von Dom Hs.78 (96v) befindet. Er stammt aus dem Ostergedicht der Carmina-Sammlung des Lyrikers und Biographen Venantius Fortunatus, der um 600 als Bischof von Poitiers starb. Dort wird vom Erblühen der Natur nach dem Winter gesprochen und die Dankbarkeit der wiedergeborenen Welt bezeugt, omnia cum Domino dona redisse suo - daß mit ihrem Herrn zusammen alle Gaben der Natur zurückgekehrt sind. Der Vers enthält nur elf verschiedene Buchstaben und vertritt damit einen leichteren Schwierigkeitsgrad des Schreibens, zumal auch die vorkommenden Buchstaben für den Schreibvorgang einfacher zusammengesetzt sind als etwa das kompliziertere, hier aber fehlende 'g'.

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Die Erwähnung des Venantius Fortunatus führt zu abschließenden Überlegungen zu den ersten und letzten Seiten in den Handschriften. Die Bedeutung dieses aus der Nähe des oberitalienischen Treviso gebürtigen, im frühen Mittelalter hochgeschätzten Dichters liegt gerade auch darin, daß er neben der Kunst des Akrostichons auch diejenige der Figurengedichte als erster nachantiker Autor aufgegriffen hat und über die merowingische Zeit hinaus in die Kenntnis der Karolinger rettete. Hier erreichte sie mit dem 'Liber de laudibus sanctae crucis' des Hrabanus Maurus, zwischen 806 und 814 im Kloster Fulda entstanden, einen Höhepunkt in der Geschichte der 'carmina figurata'. Dom Hs.110 aus dem 9. Jahrhundert mit der Schrift 'De institutione clericorum' des Hrabanus enthält auf Vorder- und Rückseite des ersten Blattes je eine mit Text gefüllte Kreuzzeichnung, Folio 1r mit einem fortlaufenden Gedichttext, Folio 1v mit dem sich kunstvoll wiederholenden und erst auf diese Weise die Kreuzform füllenden Distichon Crux Domini mecum, crux est quam semper adoro, crux pia refugium, crux michi certa salus - Das Kreuz ist mit mir, das Kreuz ist es, welches ich immer verehre, es ist fromme Zuflucht und mein sicheres Heil (Abb.63). Bernhard Bischoff hat diesem Kreuzgedicht die Untersuchung 'Ursprung und Geschichte eines Kreuzsegens' gewidmet und beobachtet, daß der auf dem linken Kreuzbalken angeordnete Versteil crux pia refugium aus Gründen der Symmetrie gegenüber dem ursprünglichen Wortlaut "crux michi refugium" verändert worden ist. Zusammen mit der frühen Anthologie von Hochzeitsliedern, Rätseln und Epigrammen ist er im Latinus 10318 der Bibliothèque Nationale in Paris mit dortiger Zuweisung an den wohl im 5. Jahrhundert in Afrika lebenden Grammatiker Calbulus überliefert. Die Gestaltung dieses in Kreuzform erfaßten Distichons, bei der als Beispiel einer bis in unsere Zeit weiterentwickelten visuellen bzw. konkreten Poesie der Text zur Figur wird und die Figur zugleich den Inhalt des Textes im Bild wiedergibt, mag weder von Venantius Fortunatus noch von Hrabanus Maurus erfunden worden sein, wie es Wilhelm Wattenbach für die Dom Hs.110 angenommen hatte. Hingegen meint Bernhard Bischoff: "Irgendein Leser des Gedichts aus vor- oder frühkarolingischer Zeit, dem die vierfache Wiederholung auffiel, kam auf den Gedanken, das Distichon in Kreuzesform umzuschreiben, wobei das 'C' von 'crux' die Mitte einnahm und die Halbverse die Arme des Kreuzes bildeten; diese wurden verbreitert, indem der Wortlaut, von innen nach außen gerade oder in rechten Winkeln fortschreitend, fünfmal nebeneinander herlief, bis er in den Spitzen der Kreuzesarme endete". Die Figur in der Kölner Handschrift erhält noch mit den Worten adoro amen am unteren Balkenende den Dorn Seite 63 eines Standkreuzes. In seiner Form weit weniger spektakulär, aus dem Versmaß gelöst und in die Gebetsmasse der persönlichen Andacht integriert findet sich der Text auf Folio 46r im mehrfach angeführten Erbauungsbuch Dom Hs.106 aus dem 9. Jahrhundert (Abb.64) im Anschluß an einen Morgenhymnus Crux mihi quam semper adoro. Sit mihi gubernatrix. Crux mihi salus. Crux mihi refugium. Crux mihi protectio. Crux mihi defensio. Crux mihi vita. Amen. Doch sind wir mit solchen Entdeckungen wieder mitten im Inneren der Handschriften, wo mit dem Nachdenken über den Text, mit erklärenden Glossen und kommentierenden Notizen bisweilen auch Profanes, allzu Menschliches eingeflossen ist und dennoch Gott im Spiel bleibt. Es tritt zutage, wenn im Dunkel des Buchblocks, gleichsam im Inneren eines dünnen Pergamentblattes absichtlich versteckt, in Form der kaum wahrnehmbaren Griffelglosse dem Folio 222r in Dom Hs.60 anvertraut, die aus dem Lateinischen in die 'Geheimschrift' der griechischen Buchstaben transkribierte Fluchformel Ut te destruat Deus - Auf daß Gott dich vernichte - den Entdecker in ihren Bann zieht, und erst die Kunst der Fotografin diesen mit dauernder Sichtbarmachung ein wenig löst (Abb.65).

Abb. 65 (Dom Hs. 60, 222r)

Seite 64 Die würdige Kathedralbibliothek in Köln überliefert nur wenige solcher Anathemata, vielmehr sind ihre Schätze weit häufiger von Gedanken umhüllt, die Trost und Hoffnung, Ermunterung und Belehrung, Hilfe und Zuversicht dem Lesenden in Aussicht stellen, so wie sie das wohl im 10. Jahrhundert nachgetragene Gedicht gegen die Schwelgerei auf der letzten Seite 192v in Dom Hs.103 (Kat.Nr.23) anbietet und wie sie zum anderen mit dem Wunsch eines Schreibers aus dem 9. Jahrhundert auf der letzten Seite (208v) in Dom Hs.51 (Kat.Nr.5) vermittelt werden Hanc domum intrantes conserva mitissime Christe. Et tuis hic famulis sit tua protectio sancta - Die in dieses Haus Eintretenden bewahre, gütigster Christus, und deinen Dienern sei hier dein heiliger Schutz gewährt. Wenn mit diesen Worten nicht nur das Haus des Herrn, die Kirche oder ein Kloster, sondern zugleich auch im übertragenen Sinn das Eintreten in den Raum der Bücher, in den Geist eines Textes, der das Leben in diesem Haus bestimmt, gemeint ist, sind wir nach langem Gang zur Bildaussage der am Anfang stehenden Miniatur im sog. Friedrich-Lektionar Dom Hs.59 (Kat.Nr.30) zurückgekehrt. So ist die Dombibliothek ein Schatzhaus der Textüberlieferung, deren Spuren vielfältiger Benutzung jenen Zeitstrom bewußt machen, der im Glauben und Wissen des Mittelalters seinen Anfang an einem Ort nahm, von dem der Schreiber in einem weitgehend verblaßten Eintrag auf Folio 1r in Dom Hs.36 aus dem 12. Jahrhundert wußte Paradisus est locus in orientalibus partibus constitutus... - Das Paradies ist ein Land in den östlichen Regionen gelegen...

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Literatur: Hartzheim 1752 - Frenken 1868 - Jaffé/Wattenbach 1874 - Dümmler 1876, S. 466 f. - Decker 1895, S. 217 ff. - Lehmann 1908, S. 153 ff. -Löffler 1923 - Frenken 1923, S. 53 f. - Frenken 1930, S. 237 ff. - Heusgen 1933, S. 1 ff. - Kdm Köln 1/ III, 1938, S. 389 ff. - CLA VIII, 1959 [Nr. 1146-1164] - Knaus 1961/ 62, S. 127 ff. - Bischoff, Studien I 1966/ II 1967/ III 1981 - B. Bischoff, Über Einritzungen in Handschriften des frühen Mittelalters, in: Bischoff, Studien I 1966, S. 88 ff. - B. Bischoff, Elementarunterricht und Probationes Pennae in der ersten Hälfte des Mittelalters, in: Bischoff, Studien I 1966, S. 74 ff. - Bischoff 1966, S. 16 ff. - B. Bischoff, Ursprung und Geschichte eines Kreuzsegens, in: Bischoff, Studien II 1967, S. 275 ff. - Jones 1971 [bzw. 1932] - F.W. Oediger, Niederrheinische Schulen vor dem Aufkommen der Gymnasia, in: Vom Leben am Niederrhein. Aufsätze aus dem Bereich des alten Erzbistums Köln, Düsseldorf 1973, S. 351 ff. -Schönartz 1973, S. 144 ff. - Knaus 1976, S. 225 ff. - R. Kottje, Zum Anteil Kölns an den geistigen Auseinandersetzungen in der Zeit des Investiturstreits und der gregorianischen Kirchenreform, in: RhVjBll 41 (1977), S. 40 ff. - B. Bischoff, Die Bibliothek im Dienste der Schule, in: Bischoff, Studien III 1981, S. 213 ff. - Bischoff, Hofbibliothek 1981, S. 149 ff. - Bischoff, Panorama 1981, S. 5 ff. - Schmitz 1983, S. 109 ff. - Jeffré 1984 - Schönartz 1985 - Schmitz 1985, S. 137 ff. - Kottje 1991, S. 153 ff. - Jeffré 1991 - Theophanu 1991 - Mayr-Harting 1992, S. 33 ff. - Handschriftencensus 1993 - Schneider 1993, S. 100 ff. - Lehmann 1994, S. 153 ff. - Collegeville 1995 - Theil 1995, S. 116 ff. - IDDK 1997.


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[ Letzte Änderung : 18.10.2001]
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