[zurück]Finger, Heinz:
Die Dombibliothek zu Köln
Vortrag, gehalten anlässlich
der Präsentation der "Digitalen
Handschriftenbibliothek Köln"
am Donnerstag, dem 31. Mai 2001
Einleitung: Begriff, Alter und Typus von
Dombibliotheken
Dombibliotheken - allgemeiner und mit einem weniger
spezifisch deutschen Wort "Kathedralbibliotheken"
genannt - stellen den ältesten kirchlichen
Bibliothekstypus überhaupt dar. Schon für das zweite
christliche Jahrhundert nachweisbar, sind sie um vieles
älter als die ersten Klosterbibliotheken, deren
Bibliothekstyp in der breiten Öffentlichkeit als die
kirchliche Bibliothek par excellence gilt und
wahrscheinlich noch lange gelten wird. Wie allgemein
bekannt, wird das Geschichtsbild auch unserer modernen
Gesellschaft nur zum Teil von der historischen
Wissenschaft und sonst von Mythen und Mären geprägt,
und diese besagen, eine echte Kirchenbibliothek befindet
sich immer in einem Kloster. So ist es fast unmöglich,
sich die Handlung des Romans "Der Name der Rose"
in einer Dombibliothek vorzustellen.
Folgt man historischen Erkenntnissen, sind selbst
private christliche Gelehrtenbibliotheken wie die in der
Forschung schon von Adolph von Harnack postulierte
Studienbibliothek Testullians, zumindest wenn sie einigen
Umfang besaßen, wohl kaum eher entstanden als die
offiziellen und auf den Bischofssitz, die Kathedra,
bezogene Schriftensammlungen der christlichen Gemeinden.
Der Inhalt solcher archaischen Dombibliotheken lässt
sich wenigstens summarisch mit absoluter Sicherheit
angeben. Es waren die für Liturgie und Katechese
notwendigen Bücher, in der äußeren Form schon in frühchristlicher
Zeit Codices anstelle des älteren Typs der
Schriftenrollen. Ebenfalls ist unzweifelhaft, dass die Büchersammlungen
der Bischofsgemeinden, also die Urformen der
Kathedralbibliotheken, der Aufsicht von Diakonen
unterstanden. Hier liegt der Ursprung für die spätere
Verehrung des hl. Laurentius als des Patrons der
Bibliothekare.
Schon im ravennatischen Mausoleum der Galla Placida
wurde der Diakon und Märtyrer als Hüter der römischen
Kirchenbibliothek dargestellt. Die große Bedeutung der
bischöflichen Gemeindebibliotheken für das Leben der frühen
Kirche sollte nicht unterschätzt werden. Wie anders ließe
sich das kaiserliche Edikt "De tradendis et
comburendis libris Christianorum" ("Über die
Pflicht zur Auslieferung und Verbrennung der Christenbücher")
in der diokletianischen Christenverfolgung erklären.
I. Zu den Besonderheiten und der Geschichte der Kölner
Dombibliothek
Die Dombibliothek zu Köln stammt nicht aus der
christlichen Antike.Sie entstand im frühen Mittelalter,
nachdem sich die klösterlichen Büchersammlungen als jüngerer
Typ kirchlicher Bibliotheken bereits etabliert hatten. Im
historisch konkreten Fall bedeutet dies in Köln sogar,
dass die Bibliothek der Kathedralkirche zu Anfang an
beiden Traditionen Anteil hatte. Dies hängt gewiss damit
zusammen, dass in Köln wie zumeist im damaligen
Nordwesteuropa die Begriffe "abbas" und "monasterium"
schwerlich mit "Abt" und "Kloster"
zu übersetzen einen vom eigentlich monastischen
Leben weit entfernten Bedeutungsinhalt besaßen. Ein
"monasterium" wie das im westfälischen Münster
war kein Kloster, sondern ein Seelsorgestützpunkt wie
die zahlreichen "minster"- Städte der
Angelsachsen. Im Kölner Erzbistum galten im 9.
Jahrhundert als "monasteria" u.a. die
Kollegiatskirchen von St.Gereon in Köln, von Bonn und
von Xanten, nicht zuletzt aber auch die
Klerikergemeinschaft der Kathedrale, die Urform des
heutigen Domkapitels. Der Erzbischof von Köln wurde von
den Klerikern der Bonner Cassiuskirche als ihr "abbas"
betrachtet. Dieser etwas weitschweifige Blick auf das
historische Umfeld soll helfen, den sit venia
verbo "monastischen touch" zu
deuten, der der Kölner Dombibliothek (nicht nur durch
die berühmten sogenannten Kölner Nonnenschriften) in
ihrer ältesten Zeit eigen war.
So erklärt sich der ursprüngliche Doppelcharakter
der Dombibliothek als Bibliothek der bischöflichen
Kirche und als Bibliothek der
Kathedralklerikerkorporation. Zur Zeit des ersten Kölner
Erzbischofs Hildebald überwog zumindest offiziell noch
der episkopale Charakter der Büchersammlung. Der Name
des Oberhirten erscheint in Besitz und
Herstellungsvermerken der Codices. Codex sub Pio Patre
Hildebaldo scriptus war die wenig und selten
abgewandelte Grundformel. Spätestens im Hohen
Mittelalter wurden die Domkleriker, die sich im ältesten
Codex der gesamten Bibliothek, der im sechsten
Jahrhundert entstand und vermutlich vor 800 für die Kölner
Kirche erworben wurde, noch durch nachträglichen Eintrag
als filii pauperes als "arme Kinder" bezeichnet
hatten, alleinige Träger der Bibliothek. Nun ist der
Begriff "pauper" im Mittelalter unendlich
vielschichtig. Er bezieht sich im vorliegenden
Zusammenhang gewiss öfter auf den Schmuck christlicher
Demut als auf blanke materielle Not.
Immerhin, nachdem das Domkapitel im 12. Jahrhundert
irdischer Hausherr der Domkirche und im 13. Jahrhundert,
nach Ausschaltung des Priorenkollegs, alleiniger Wähler
des Erzbischofs wurde, bekam diese Vokabel innerhalb der
Selbstbezeichnungen des erzstiftischen Primarklerus
Seltenheitswert. Die Dombibliothek wurde vom nun mächtigen
Kapitel in alleiniger Verantwortung erhalten, gepflegt
und vermehrt. Schon im 11. Jahrhundert hatte der
Domkapitular Hillinus das heute nach ihm benannte
Evangeliar im Kloster Reichenau auf seine Kosten
anfertigen lassen. Zahlreiche Domherren folgten seinem
Beispiel, und zwar über das Mittelalter hinaus bis in
die Neuzeit. Im 16. Jahrhundert - ungefähr zwei
Menschenalter nach der Erfindung des Buchdrucks -
stiftete beispielsweise der Domkapitular Brictius
Eberauen fünf handgeschriebene Antiphonare für das
feierliche Stundengebet.
Die Kölner Dombibliothek stellt heute einen
einmaligen Kirchenschatz und zugleich ein singuläres
Kulturerbe Europas und der Welt dar. Ihre Schwestern, die
Bibliotheken der ehemaligen Erzstühle von Mainz und
Trier sind bis auf versprengte Reste vernichtet. Die
Kathedrabibliothek von Mainz wurde 1635 Beute des 30-jährigen
Krieges und ist mit einem schwedischen Schiff auf den
Grund der Ostsee versunken. Die Trierer Dombibliothek
wurde indirekt, aber vollständig Opfer der Französischen
Revolution. Gewiss spielte bei all dem der historische
Zufall eine große Rolle. Zumindest mitentscheidend war
aber der Eifer des Kölner Metropolitankapitels, sein
Erbe den Amtsnachfolgern weiterzugeben. So wurde die
Benutzung der Kölner Dombibliothek - großzügig in den
Anfängen und in der Gegenwart - vom 16. bis 18.
Jahrhundert äußerst restriktiv gehandhabt. Lange Zeit
war für die Genehmigung jeder Benutzung ein einmütiger
Kapitelsbeschluss erforderlich. Der privilegierte
Besucher durfte sodann die Bibliothek auch nur ausschließlich
unter der Aufsicht eines Domherrn betreten. Die
Vertretung des Domherrn durch einen Domvikar blieb in
diesem Fall anders als beim Chorgebet
bezeichnenderweise lange unzulässig. Dies waren die Verhältnisse
im 18. Jahrhundert; im 16. und 17. sind sie nicht viel
anders gewesen.
Es wäre verständlich, wenn wir von der heute
gefeierten weltweiten Öffnung der Bestände ausschauend
nun die spätmittelalterlich-frühmodernen Konditionen
als skuril und unerleuchtet, ja als bewusst arrogant elitär
verurteilen würden, und viele von uns werden dies ja
auch tun. Der Historiker aber wird in einem solch
vernichtenden Urteil einen Denkanachronismus vermuten.
Wie hätte man denn im 15. bis 18. Jahrhundert die
Dombibliothek nacheinander vor humanistischen
Manuskriptensammlern, besser Handschriftenjägern, vor
Fanatikern von der Art der Bilderstürmer in der Zeit der
Kirchenspaltung und vor der Verachtung der Aufklärung
anders schützen sollen. Dies hatte immerhin das endliche
Ergebnis, dass wir sie heute der ganzen Welt zur Verfügung
stellen können. Es ist gewiss klüger, eine vergangene
Epoche nicht vorschnell zu verurteilen. Auch für die
Bibliotheksgeschichte gilt die Mahnung Kohelets (Kap.3,
Vers.1): Omnia tempus habent, et suis spatiis
transeunt universa sub caelo. Alles hat seine
Stunde, und eine Zeit ist bestimmt für jedes
Vorhaben unter dem Himmel - auch für das der
Digitalisierung.
Wie die Dombibliothek über die Säkularisation
gerettet werden konnte, ist eines der spannendsten
Kapitel in der Geschichte der Rettung unersetzlicher
Kulturwerte. 1794 wurden 200 der kostbarsten
Handschriften unmittelbar vor der Besetzung Kölns durch
die französische Revolutionsarmee über den Rhein ins
kurkölnische Herzogtum Westfalen geschafft und zusammen
mit dem Dreikönigsschrein nach Arnsberg in das Prämonstratenserstift
Wedinghausen gebracht. Andere Teile der Bibliothek mit
mehr als 200 weiteren Handschriften fanden an
verschiedenen Orten Zuflucht.
Als 1802 auch der Rest des Kölner Kurstaates
unmittelbar von der Säkularisation bedroht war, verbarg
man die Handschriften in Wedinghausen, zusammen mit den
kostbarsten Paramenten des Neusser Quirinusstiftes in
einem vermauerten Versteck. Dies fanden aber die Agenten
des neuen Landesherren, des Landgrafen, später Großherzog
Ludwig von Hessen-Darmstadt, der die Neuerwerbung aber
streng geheim hielt. Erst nach 1821 wurde der Verbleib
der Dombibliothek in Darmstadt bekannt, nachdem sich der
Oberpräsident der preußischen Rheinprovinz, Graf Solms
Laubach, auf geheimnisvolle Weise in den Besitz der
Handakten des hessischen Archivars Dupuis gebracht hatte.
Dies ist eine vereinfachend gekürzte Darstellung der
höchst komplizierten Vorgänge. Auf die Kriminalstory
folgten zwei Jahrzehnte Prozessgeschichte. Sie verliefen
für den Kläger, das 1825 neu konstituierte Kölner
Domkapitel, ergebnislos. Erst die Politik und der
Bruderkrieg der deutschen Staaten brachte diesem 1867
seine Bibliothek zurück, de facto als ein Versöhnungsgeschenk
Preußens an seine überwiegend katholische Rheinprovinz.
II. Die wissenschaftliche Bedeutung der
Dombibliothek und ihrer Handschriften
Unter allen in der Welt erhaltenen
Kathedralbibliotheken ist die des Kölner Doms sicher die
bedeutendste. Ihre nächsten "Schwestern", die
Bibliotheken der ehemaligen Erzstühle von Mainz und
Trier, sind, wie erwähnt, bis auf versprengte Reste
vernichtet. Dennoch bleiben natürlich genug
Kathedralbibliotheken auch in der Gegenwart -, die
fast so bekannt sind wie die von Köln. Man wird dabei z.B.
an die Biblioteca capitolare in Verona denken, die
gelegentlich sehr ernsthaft als die weltweit älteste
noch heute existierende Bibliothek bezeichnet wird. Sie
stammt mit Sicherheit aus dem 6. Jahrhundert, und sie übt
ihre ursprüngliche Funktion noch heute aus. Der große
Unterschied zur Bibliothek des Kölner
Metropolitankapitels besteht bei der des Domkapitels von
Verona darin, dass letztere - anders als die Kölner -
erhebliche Kontinuitätsprobleme in ihrer Geschichte
aufweist.
Fast genauso berühmt wie unsere Dombibliothek ist
gewiss die Biblioteca Capitular y Colombina in Sevilla.
Schon die offizielle Bezeichnung "y Colombina"
lässt den großen Unterschied erkennen. Kernstück der
Sammlung ist eben nicht eine mittelalterliche
Kathedralbibliothek, sondern das Vermächtnis der
Privatbibliothek des Columbus-Sohnes Fernando Colón. Bei
den Dombibliotheken außerhalb der katholischen Kirche
existieren entfernte Analogien zu Köln wohl nur im
anglikanischen Bereich, am ehesten bei den chapter-libraries
von York und Durham. Einen wirklichen Vergleich zur Kölner
Dombibliothek können aber diese Sammlungen schwerlich
verkraften, sind sie doch durch Bestände aus Lindisfarne,
Wearmouth und Jarrow viel stärker monastisch geprägt,
als es einer "echten" Dombibliothek zukommt.
Die 1200-jährige Kontinuität der Kölner
Dombibliothek ist im Grunde einmalig. In 12 in Köln
erhaltenen Handschriften erscheint in Besitz- und
Herstellungsvermerken der Name des ersten Kölner
Erzbischofs Hildebald (784/87 818). Das
Grundmuster dieser Eintragungen lautet mit nur geringen
individuellen Abweichungen: "Codex sub Pio Patre
Hildebaldo scriptus." Wahrscheinlich geht die Zahl
der noch in Köln vorhandenen Codices, die schon zur Zeit
Karls des Großen Bestandteil der Kathedralbibliothek
waren, aber weit über das durch Besitzvermerke
gesicherte Dutzend hinaus, wenn auch die im 19.
Jahrhundert von Anton Decker vertretene Anzahl von mehr
als 30 Manuskripten etwas zu hoch liegen dürfte. Die
Handschriften insgesamt, deren ältestes Manuskript aus
dem 6. Jahrhundert stammt, stellen ein im Pergament
materialisiertes Substrat der geistigen Traditionen der
weltweiten Kirchengeschichte, der europäischen Bildungs-
und Wissenschaftsgeschichte, aber auch des kulturellen
Erbes der rheinischen Region dar. Mehr als 100
Manuskripte sind älter als 1000 Jahre. Nicht wenige
Handschriften enthalten die jeweils einzige erhaltene
Textüberlieferung ihres jeweiligen Inhalts.
Der in der Dombibliothek insgesamt zu digitalisierende
Bestand umfasst Manuskripte von noch spätantiker Prägung
bis zu solchen, die im Zeitalter von Reformation und
Katholischer Reform entstanden sind. Die liturgischen
Handschriften stellen den größten Anteil. Ein berühmtes
Ordo Romanum des 9. Jahrhunderts bezeugt die
Austauschbeziehungen und den Ausgleich zwischen römischer
und gallikanischer Liturgie. Bei den Evangeliaren des 9.
bis 11. Jahrhunderts sind drei ganz überragende Zimelien
hervorzuheben. An zweiter und dritter Stelle sind
patristische und scholastische Texte zu nennen. Unter den
Manuskripten mit kirchenrechtlichem Inhalt sind einige
Handschriften zu nennen, die zu den allerbedeutendsten
Zeugnissen des vorgratianischen Kirchenrechts gehören.
Dazu gehören u.a. die folgenden Sammlungen: Die Collectio
Coloniensis (s.o.), die Collectio Sanblasiana,
die Collectio Dacheriana und die sogenannte Vier-Bücher-Sammlung.
Einige Handschriften stellen auch wesentliche
Quellenzeugnisse für Fakten der Profangeschichte dar.
Der ebenfalls immense kunsthistorische Wert der Kölner
Kirchenhandschriften soll hier nicht übergangen werden,
zumal alle Miniaturen im CEEC-Projekt in hochaufgelösten
Farbdigitalisaten vorliegen werden.
III. Die "Vorstufen" des CEEC-Projekts
Das gegenwärtige Digitalisierungsprojekt stellt weder
den Anfang noch das Ende der Bestrebungen um eine möglichst
vollständige wissenschaftliche Erschließung der Kölner
Kirchenhandschriften dar. Die Dombibliothek erhielt
bereits im 18. Jahrhundert in Bezug auf den kostbaren
Kernbestand ihrer Manuskripte einen für die damalige
Zeit modernen Handschriftenkatalog. Sein Bearbeiter war
der gelehrte Jesuit und angesehene Kirchenhistoriker
Joseph Hartzheim. Kaum hatte das Kölner Kapitel
1867 seine Handschriften zurückgewonnen gab es die
wissenschaftliche Erschließung, von deren Kernbestand
bei den damals besten Paläographen und Historikern in
Auftrag, die nach sieben Jahren ihren dem höchsten
Standard der damaligen Zeit entsprechenden Katalog
vorlegten.
Das CEEC-Projekt schwebt nicht über seinem Fundament
aus dem 18. und 19. Jahrhundert, sondern es ist durch fünf
Zwischengeschosse codicologischer Arbeit fest mit ihm
verbunden. 1933 hat Paul Heusgen, der damalige Leiter der
Diözesanbibliothek, den Katalog der von Jaffé und
Wattenbach noch nicht erfassten Domhandschriften veröffentlicht.
Für die Manuskripte der Diözesanbibliothek erstellte
Heusgen einen nur als Typoskript vorliegenden Katalog. In
den Jahren 1989 bis 1993 hat der von der Erzdiözese und
dem Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam getragene
Handschriftencensus Rheinland mehr als 2500 rheinische
Manuskripte erfasst, darunter die der Diözesan- und
Dombibliothek (und die zahlreicher Pfarreien der Bistümer
Köln, Aachen, Münster und Essen).
Die Aufnahme der Dom- und Diözesanbibliotheksbestände
in die Verfilmungsaktion der Hill Monastic Manuscript
Library war der dritte Markstein in der fünfstufigen
Vorbereitung der Digitalisierung unserer Handschriften.
Die vierte Stufe ergab sich durch den Inkunabelkatalog
der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek, den
Rudolf Lenz 1997 publiziert hat. Dieser Inkunabelkatalog
war gründlicher in seiner Erschließungstiefe und
umfangreicher in seiner Erschließungsbreite, als es dem
heute üblichen Standard entspricht. Durch letztere hat
er bei der biographischen und textlichen Analyse an- und
vorgebundener Manuskripte den Charakter einer gewichtigen
Vorstufe für die Handschriftenerschließung angenommen.
Die fünfte Vorstufe des neuen Forschungsprojektes
steht in engem Zusammenhang mit dem 700-jährigen
Dombaujubiläum 1998. Es handelt sich um den wesentlich
vom Direktor des Diözesanmuseums Joachim Plotzek
gestalteten Ausstellungskatalog "Glaube und Wissen
im Mittelalter", der den Untertitel "Die Kölner
Dombibliothek" trug. Dieser voluminöse
Ausstellungskatalog zeichnet sich durch eine Tendenz zum
Handbuch hin aus. Er referiert nicht nur
Forschungsergebnisse, sondern er promulgiert auch eigene
neueste Erkenntnisse zur Datierung und
kirchengeschichtlichen Einordnung vieler Dom-Manuskripte.
Die Vorbilder sind nun verpflichtend. Das Projekt
"Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis"
ist als Grundstufe einer neuen umfassenden Erschließung
konzipiert. An deren Ende soll ein Katalog aller
Domhandschriften stehen, der dem gegenwärtigen
wissenschaftlichen Standard entspricht. Die bedeutendste
unter den erhaltenen Dombibliotheken soll auch eine der
am besten wissenschaftlich erschlossenen werden.
Anhang: Die Diözesanbibliothek und ihre
Handschriften
Seit 1930 sind die Diözesanbibliothek und die
Dombibliothek organisatorisch miteinander vereinigt.
Daher umfasst das CEEC-Projekt grundsätzlich auch die Diözesanhandschriften.
Diese sind allerdings weniger zahlreich als die der
Dombibliothek und aufs Ganze gesehen auch nicht von deren
herausragender Bedeutung.
Die Erzbischöfliche Diözesanbibliothek entstand 1929
aus dem überwiegenden Teil der Bestände der alten Kölner
Priesterseminarbibliothek. Das erste Kölner
Priesterseminar war 1615 gegründet worden, aber bereits
1645 zumindest faktisch untergegangen. Seine Bibliothek
gelangte an das Gymnasium Tricoronatum, ohne dessen
Eigentum zu werden. 1658 erfolgte eine Neugründung des
Seminars, das vom Tricoronatum die alten Bestände
erhielt. Als auch dieses Seminar nach kaum 15 Jahren zu
Grunde ging, war das Ende der alten Seminarbibliothek
gekommen, deren Bestände an das Kölner Oratorium bei
der Kirche St. Johannes Evangelista in Curia gelangten.
Die Diözesanbibliothek besitzt heute von dieser Büchersammlung
kaum mehr als einen symbolischen Rest.
Erst von der dritten Gründung im Jahre 1738 führt
eine echte Kontinuität der Seminarbibliothek zur
heutigen Diözesanbibliothek. Grundlage der dritten
Seminarbibliothek war die Bibliotheca Broichiana, die Büchersammlung
des Stifters des von Erzbischof Clemens August (1723-1761)
gegründeten Seminarium Clementinum. Dieser Stifter war
Johann Jakob von Broich, ehemaliger Syndikus des westfälischen
Grafenkollegiums und kurkölnischer Amtmann. In die
Bibliothek des Priesterseminars, die zur Diözesanbibliothek
wurde, gelangten im Laufe ihrer mehr als 250 jährigen
Geschichte rund 200 Manuskripte, die für das CEEC-Projekt
von Bedeutung sind.
Zu den Diözesanhandschriften gehören zwar überwiegend
spätmittelalterliche Manuskripte, aber auch Werke des
Hochmittelalters wie ein Evangeliar des 11. Jahrhunderts
aus dem ehemaligen Besitz des stadtkölnischen Stiftes
Mariengraden. Auffallend ist der Reichtum an
kunsthistorisch bedeutenden Chorbüchern, unter denen das
"Valkenburg-Graduale" ein typisches Beispiel
darstellt.
|